Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15. November 1924 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 14. Nov. 1924.
Mein liebes Herz.
Aus meinem nüchternen Alltagsleben möchte ich Dir doch wenigstens zum Sonntag einen durchaus nicht "nüchternen" Gruß senden. Hast Du die Strapazen der Reise gut überstanden? Ist der Semesterbeginn nicht allzu bewegt? -
Ich habe große Lust, mal über Sonntag nach Frankfurt zu fahren, denn das tägliche Einerlei ist mir mal wieder etwas garzu einförmig. Neben der Hautklinik habe ich augenblicklich wieder übernommen 2 Stunden täglich bei Prof. Ernst im Path. Institut zu zeichnen. Das absorbiert so ziemlich meine Sehkraft. - Da ist es gut, daß Aenne so gern vorliest u. ich dabei mit einer leichten Handarbeit mich nicht anzustrengen brauche. Wir machten uns durch irgendeine Ideenverbindung mal wieder an Faust - 2. Teil. Aber es scheint mir so ziemlich ergebnislos, denn abgesehen davon, daß Ae. oft im Vorlesen garkeinen Sinn erfaßt u. dementsprechend liest, ist es doch ohne Kommentar für vieles garnicht möglich, die Bedeutung zu erfassen. Kannst Du wohl etwas empfehlen, was man gebrauchen könnte, um das Ganze damit durchzuarbeiten? Die Geduld hätten wir u. etwas wird schon dabei herauskommen. Oder meinst Du, es wäre zwecklos? -
Die Reiseeindrücke, die Du mir so lieb ausführlich herzähltest, beschäftigen mich noch immer. Wie mag Deine belebende Wirkung dort jetzt noch nachzittern! Ich kann so gut begreifen, wie man in so gefährdeter Lage, wie die Deutsch-Balten in ihrer steten Abwehrstellung, nicht so leicht dem Neuen zugänglich ist, sondern viel konservativer als bei uns. Von einer Dame aus Goldingen, (Schwester von Angelika Weltz) hörten wir früher öfters von dem steten Kampf des Deutschtums. - Aber das Neue, das Du bringst, ist nicht Tendenz u. Stimmung von gestern u. heut, sondern es ist der Blick über den Strom all dieser brodelnden
[2]
| Ideen, es ist geläuterte u. gefestigte, richtunggebende Gesinnung.
Welch eine Fülle von menschlichen Beziehungen hast Du dort wieder geknüpft u. wie glücklich mußt Du doch sein im Gefühl Deines reichen Wirkens. Laß Dir das bewußt bleiben, auch wenn Dir in der täglichen Berufsarbeit die Kraft Deines Wesens nicht so freudig fühlbar wird.
Wie ist es eigentlich im Verkehr mit Susanne? Bist Du da wieder auf gedeihlicherem Boden? -

15.XI. Gestern hatten wir hier eine große Freude durch den Besuch von Frau Koch. Sie ist nur kurz hier um ihre Wohnung für neue Mieter herzurichten. - Ich weiß nicht, ob sie irgend eine ungünstige Erfahrung gemacht hat, sie scheint recht ernst u. sprach wiederholt von dem Mangel einer beruflichen Ausbildung; wie mir scheint, wohl mehr um der Berechtigung willen nach außen hin. Denn die Sache an sich liegt ihr ja doch <unleserliches Wort> am Herzen u. ist ihr von Natur gegeben. Sie trug mir Grüße auf an Dich u. Dank. Sie wolle Dir gern bald selbst schreiben, sowie es irgend möglich sei. Sie bleibt diesmal den Winter dort oben, da Fortbildungsschülerinnen aufgenommen sind u. wird dann auch Verwaltungsarbeit bekommen, die sie nicht gerade schätzt. Von Dr. Behn ist sie menschlich ebenso angetan wie wir. Als Arzt sei er vielleicht durch seine zu große Vielseitigkeit nicht so tüchtig, hätte aber dieses Jahr gute Assistenten gehabt. - Frl. v. Tadden geht fort nach Salem. Sie hinterläßt eine Bestellung von 80 Centnern Aepfeln, die für die Anstalt, die jetzt nur noch aus 250-300 Köpfen besteht, eine unglaubliche Last sind. Es wird vielleicht doch nicht überflüssig sein, wenn Du gelegentlich mal Deinen Plan ausführtest, im Interesse des Heubergs einen kleinen Artikel zu schreiben. Wie gut wäre es doch, wenn das Unternehmen auch seine Angestellten etwas besser bezahlen könnte! - - Von Onkel Hermann hatte ich endlich mal wieder Nachricht. Es geht leidlich. Er schreibt, Ila will "Begabtenkurse" einrichten für Volksschüler. Sie hat das Projektemachen von ihrer Mutter! - Onkel trug mir herzliche Grüße für Dich auf.
Der Brief muß fort u. ich muß um 9 am Zeichnen sein! Also mein Lieb, sei mir innig gegrüßt u. schreibe bald mal wieder
Deiner Käthe.