Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. November 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21. Nov. 1924.
Mein liebes, liebes Herz.
Nun ist es also geschehen, was wir so lange fürchten mußten, Dein Vater Riehl ist nicht mehr unter den Lebenden. Wie viel Du verlierst, das fühle ich tief mit Dir. Könnte ich doch bei Dir sein in diesen Tagen! Es ist etwas Unersetzliches aus Deinem Leben fortgegangen. Aber doch wie schön, daß es Dein war in aller Tiefe, Innigkeit u. Treue. Wenn Du einmal Zeit haben solltest - kann das je der Fall sein?! - - dann schreibe mir doch von seinen letzten Tagen. Hoffentlich hat er nicht viel gelitten, sondern ist nur müde von einem arbeitsreichen Leben eingeschlafen. - Dein Telegramm kam vor dem Brief u. erschreckte mich sehr. Ich ahnte seinen Inhalt garnicht, hatte nach Deinen letzten Nachrichten an Besserung geglaubt. Wie wird die arme Frau Riehl die Vereinsamung tragen? Nun ist es doch gut, daß da draußen auch Heyses in ihrer Nähe sind. -
Aber bitte, sprich nicht von der Möglichkeit, daß Du vor mir sterben könntest. Es ist mir ein unerträglicher Gedanke. Du mutest freilich Deinen Kräften Ungeheures zu; aber ich denke mir doch, Tage wie die in den Ostseeprovinzen sind doch nicht nur ermüdend, sondern zugleich belebend. Habe Dank, daß Du mich durch die Briefe teilnehmen läßt an dem Echo, daß Dein Wesen dort weckte. Denn das ist eben doch das Herrliche, daß Du es bist, der so wirkt, nicht irgend eine Lehre oder Idee, sondern Du in Deiner lebenweckenden Menschlichkeit. Ich verstehe gut, wie Dich nach solcher Zeit das relativ Unpersönliche der wissenschaftlichen Vorlesung unbefriedigt läßt. - Was Du von der Unterredung mit Goldbeck schreibst, macht mich sehr nachdenklich. Muß denn alles menschliche Gefühl als sinnliche Erregung gedeutet werden? Ist es nicht vielmehr nur der so veranlagte Mensch, der alles aus dieser Perspektive sieht? Wie schade, daß kein anderer geistig ebenbürtig, aber ohne diese Gesinnung dort in Deiner Nähe ist. Glaubst Du, er hätte solche Saat dort bei den Balten ausstreuen können?! In Deinem Buche sind diese Probleme ja doch auch gefüllt, aber sie sind nicht das Zentrum u. nicht das Ziel, sondern Untertöne des Lebens, das in seinem Kern ein Höherstreben ist.
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Was das mit der Blutfülle in den Augen auf sich hat, u. wie lange die morgens dauert, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich oft schon 2 Stunden nach dem Aufstehen bei der Arbeit gesessen. - Augenblicklich ist die Arbeit im Pathologischen glücklicherweise zu Ende. Ich bin doch leider so wenig leistungsfähig, daß mich dies "zween Herren zu dienen" sehr angestrengt hat. Aber ich habe dabei 30 M verdient, das ist nett! Deinen Vorschlag will ich erwägen. Es [über der Zeile] Ich habe wohl vorläufig noch nicht die Aussicht, große Ersparnisse zu machen, vielmehr ist es gerade so viel um auszukommen, da ich doch mancherlei anschaffen muß. Die lange Zeit, wo man garnichts kaufte, macht sich doch sehr fühlbar. Und ich bin jetzt gerade wohl in der Lage dazu, vor allem durch Deine liebe Beihülfe. Da genieße ich es ein wenig, nicht jeden Groschen 3 x herum drehen zu müssen, lasse allerlei reparieren u. helfe unten ein wenig aus. - - Da gerade von Geld die Rede ist, muß ich doch noch fragen, wie eigentlich die Währung bei den Balten ist? Haben die auch eine Inflation nach den ungeheuren Preisen, die ich auf dem Programm sah? -
Also am Sonntag sprichst Du für das Deutschtum im Auslande. Ob da Dietrich Schäfer sein wird? Die "Instruktion" erinnert mich an die Taktlosigkeit von Maria Rabl in Leipzig, die auch meinte, sie müsse Dich "inspirieren"! Laß Dich nicht ärgern von denen, die nicht alle werden. Es sind gewiß auch noch andere in der Versammlung. - Sage mal, was soll man nur wählen? Ich bin für No 2. Die Deutschnationalen sind mir zu rabbiat, - u. es scheint doch endlich, endlich im Staate ein wenig besser zu gehen. Damit ist meine Steuerfreudigkeit auch wieder gewachsen. Trotzdem werde ich auf Rat des Beamten eine Eingabe um Erleichterung machen. Endlich bin ich mal dort im Finanzamt an einen einsichtigen Mann gekommen, der mir sagte, daß ich 33⅓ % abziehen darf, u. der mir sogar den Betrag stunden wollte. Da ich ja aber gerade Geld habe, wollte ich lieber bezahlen. Er riet mir dann, wie, wo u. wann ich das Gesuch machen sollte, u. daß ich dann aber nicht sagen dürfe, ich könnte bezahlen, sondern - im Gegenteil!
Die Verjudung unten ist bisher noch weiter nicht fühlbar, als darin
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|, daß man sehr genau ist. Wir sehen nichts davon, aber non olet kann man nicht sagen, denn das Zimmer stinkt derart nach kaltem Tabak, daß man es nicht darin aushält. Die Studenten qualmen wie die Schlöte. - Morgen kommt nun die Mutter, eine geschminkte, geschwätzige Frau (schwer zuckerkrank) in das andre Zimmer, da wird es erst einige Schwierigkeiten geben, bis sie in gehörige Schranken gebannt ist. -
Dieser Tage hörten wir, daß der Saufkomment der Corps' so lebhaft wie je geübt werden soll. Ist das nicht Unfug?
Andererseits gab es hier eine Kampfwoche der Jugendbünde gegen den Alkoholismus. Einen Tendenzfilm, den wir miterlebten, u. der ein Motiv von Selma Lagerlöf behandelt, konnte ich in seiner erschütternden Eindringlichkeit lange nicht abschütteln. Es ist doch etwas Furchtbares, zu denken, daß derartige Scenen täglich zu Hunderten verkommen, das Familienglück u. die Gesundheit untergraben.- -
Was ist das denn, das sich die Leute Ungesundes in Garmisch-Partenkirchen geholt haben? - Nach Dora Thümmel wollte ich schon fragen. Wie leid ist mir Dein schlechter Bericht! Sie kann sich gewiß nicht genug schonen! - Den Hochberg kopiere ich Dir gern, dachte nur, er wäre nicht hübsch genug ausgefallen, um ihn Frankes zu geben. Aber sonst sind die Bildchen doch überraschend nett geworden, nicht wahr? Ich war sehr glücklich darüber.
Und Du Zugvogel willst im Januar nach München? Wird da der Weg nicht über hier gehen? Sonst wollte ich Dir schon vorschlagen, ob ich nicht um Weihnachten herum nach Berlin kommen könnte? Aenne wird sicher wieder auf dem Hemshof sein. - Aber viel schöner fände ich es, Du kämst im Januar hierher. Es sind doch dann Ferien? Ich weiß nie, wie das jetzt eingeteilt ist. Die Semesterwochen sind überall so gekürzt. -
Ich finde es nämlich doch recht nötig, daß man sich öfters sieht, da das Schreiben fast unmöglich wird. Du bist zwar rührend getreu damit, aber wie Du selbst oft sagst, es bleibt doch manchmal zu lückenhaft. Und wenn Dein großer Reisebericht
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| mit seinen 13 Seiten mich auch innig freute, so ist eben doch erst das, was dahinter liegt, u. was mir zum Teil die Briefe sagen, das Wichtigste, was mich bewegt. Ich warte aber geduldig, mein Lieb, bis Du mal Schreiberuhe findest. Nur laß nicht wieder so lange Zeit wie diesmal ohne eine Karte verstreichen. Ich fing schon an, mir wieder Sorgen zu machen, ob Du krank seist, oder ob Du böse seist, daß ich nach Deinem langen Schreiben, daß die Tage Deiner Reise wie einen Sturzbach an mir vorüber rauschen ließ, noch immer mehr verlangte?
Der Vorstand hat die Filmomanie u. ich mache ganz gern mal mit. So waren wir am Donnerstag mit dem Z. R. 3 in Amerika. Vorher aber zogen wir mit den Zugvögeln nach Afrika. Es waren wieder wundervolle Aufnahmen u. meine [über der Zeile] alte Sehnsucht zu fliegen wurde sehr rege. Eine hübsche Einführung durch den jungen Panzer beleuchtete das seelische Verhältnis des Menschen zum Vogelflug u. dem Reich der Luft. - Woher diese seltsame Wanderlust vieler Vogelarten stammt, bleibt unerklärt. Es ist ihnen eingeboren, wie uns das Gefühl "das hinauf u. vorwärts dringt".
Wie eine sinnvolle Verknüpfung ist es mir, daß ich gerade im Geist mit diesen luftigen Wanderern fortzog, als das Leben Deines verehrten Vaters Riehl sich aus der Erdgebundenheit löste. Und ich denke Deiner Worte: "wer weiß, ob nicht auch wir Wandervögel sind!" - - Er ist am Ziel, u. wir müssen ihm die Ruhe gönnen. Aber um Deinetwillen schmerzt es mich tief. - Mein geliebtes Herz, wie unvermögend ist doch die treueste Liebe, dem andern zu helfen! Ach - u. suche Dir doch unter der Schar der Studenten ein sympathisches Gesicht, an das Du Deine Worte richten kannst, damit Du wieder Freude am Lben haben kannst. Denn ohne Freude in Dir kann es ja auch in ihnen nicht lebendig werden!
Aenne trug mir Grüße an Dich auf. Und ich - - -
ich habe Dich lieb!
Deine Käthe.