Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Dezember 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Dez. 1924.
Mein einzig geliebtes Herz.
Es ist eben mit der Ruhe zum Schreiben etwas knapp gewesen, aber einige Zeilen mußt Du doch heute noch haben. Ich möchte Dir danken für den schönen Nachruf für den verehrten Riehl, der den Forscher u. den Menschen so menschlich warm erfassen läßt. - Daß Du in diesen Tagen nicht schreiben konntest, dachte ich mir selbstverständlich, u. so war mir auch die Postanweisung ein lieber Gruß, für den ich Dir herzlich danke, u. an dem mich der schriftliche Teil ganz besonders erfreute. - Du erwähnst niemals etwas von Deinem Befinden seit der Reise. Sind die Anstrengungen überwunden, oder hat die eben doch unausbleibliche Erschütterung, die jeder Abschied fürs Leben mit sich bringt, Dich wieder recht angegriffen? - Sind für Dich wohl neue Pflichten aus diesem Sonderfall erwachsen? Natürlich wird Frau Riehl sich wieder lebhafter an Dich anschließen, der Du für sie doch wohl sa etwas wie der geistige Erbe des Verstorbenen bist, da Du ihm ja so innerlich nahe standest. Hat sich Heyse als nun als männliches Haupt der Familie praktisch bewährt? - Sind die weiteren Bände des Kritizismus schon gedruckt, oder liegt das nun auf Dir?
Ich frage so viel, mein Lieb, u. weiß doch, daß Du gar keine Zeit hast! Du wirst schon schreiben, was Dir wichtig ist! - Deinen Auftrag für Cäcilie Oesterreich besorge ich gern, wie immer.
Am nächsten Sonnabend hoffe ich nach Frankfurt zu fahren; Anna Weise schrieb u. forderte mich auf, was sehr meinem eigenen Wunsch entgegen kam, wie Du weißt. Ich bleibe dann von Sonnabend früh bis Montag abend weg. Falls Du gerade schreibst, weißt Du ja die Adresse: Dürerstr. 11. - Joh. Wezel denke ich, aufzusuchen.
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Ich bin sehr fleißig gewesen u. habe auch allerlei Unterhaltung gehabt. Auf dringenden Wunsch von Aenne ging ich mit ihr in ein Concert russischer Volkskunst - Balalaika-Musiker. Das ist etwas ganz Eigenartiges, ein seltsames Instrument, halb Guitarre, halb Zitter, auf dem die virtuosen Spieler wundervolle Wirkungen an Weichheit, Tiefe, Innigkeit hervorbringen. - Gesang und Tanz berührte mich weniger. - Am Sonnabend war ich dann - - höre und staune, bei Dr. Gans eingeladen. Wir stehen ja jetzt recht gut miteinander u. seine Einladung hätte ich ohne direkte Kränkung nicht wieder ablehnen können. Es waren lauter junge Mediziner, männlich u. weiblich; aber es war harmlos fidel u. recht nett.
Sage mal, vermieten Kühne's Zimmer? Prof. Bethmann sagte mir, seine Annemarie wäre bei "Verwandten" von mir, einem Professor in Charlottenburg. Wußte aber weder Namen noch Straße. Das kann eigentlich sonst niemand sein.
Der Vorstand leidet öfter an Schwindel, ist aber sonst unternehmend wie immer. Die neuen Mieter haben sich gut eingefügt u. man wird weiter nicht davon gestört.
Draußen liegt der Nebel, daß man meint in der Ebene zu sein. Gestern regnete es den ganzen Tag. -
Wie ist es nur mit dem Streik auf der Untergrund, hat dich das sehr behindert?
Für heut laß diesen Zettel Dir wenigstens von meinem stündlichen Gedenken sagen. Ich hoffe, bald mal wieder zu schreiben.
Viel innige Grüße von
Deiner Käthe.