Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Dezember 1924 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 5. Dezember 1924
Mein liebstes Herz.
Es wird natürlich wieder kein Brief - aber ein paar Minuten am Sonntag möchte ich Dich doch begrüßen. Wie mag es Dir gehen? Nun nach der gewaltigen Anstrengung der Reise auch noch dies schmerzliche Erleben! Bist Du häufig bei Frau Riehl? Ich sehne mich recht nach einer Nachricht. Aber immer sind die Briefe in meinem Kasten von anderen Leuten, die es eigentlich garnicht verdienen so enttäuscht empfangen zu werden! - - Gewiß hast Du nicht dazu kommen können, Deine Zähne behandeln zu lassen, da sie Dir offenbar wieder viel weh tun. Aber bedenke doch, daß das fürs gesamte Befinden so wichtig ist durch den Einfluß auf die Ernährung, wenn Du nicht ordentlich kauen kannst. - Bei mir hat sich die Entzündung von der Zahnwurzel wieder ins Kiefergelenk verzogen u. verläuft da allmählich "im Sande". Aber Du scheinst diesmal nicht ohne Zahnarzt Herr der Sache werden zu können.
Natürlich werde ich am Sonnabend nicht nach Frankfurt fahren, da ich doch den Sonntag wählen muß. Da ich mich zu den staatserhaltenden Elementen rechne, möchte ich doch meine Stimme nicht verloren gehen lassen. Ich denke also erst [über der Zeile] Sonntag um 9 Uhr 35 abzureisen, u. bis Dienstag zu bleiben. Es ist wohl ganz vorteilhaft, in Frankfurt allerlei zu kaufen, da es ja nirgends so teuer ist, wie in Heidelberg.
- Sehr erschreckt hat mich die Nachricht von dem Bolschewistenputsch in Reval. Wenn das während Deiner Reise geschehen wäre! Ob die Einwohner von solchen Unruhen dort mitbetroffen werden? Oder ist die Stadt auch so groß, daß man dergleichen meist nur durch die Zeitung erfährt? Immerhin macht es deutlich, auf wie schwankem Boden man dort steht, wie gefährdet noch immer die Lage ist. Hoffentlich gelingt es dem russischen Fanatismus nicht jene Grenzposten der Kultur zu überwältigen. -
Schon immer wollte ich Dich fragen, ob sich eigentlich in schulpolitischer Hinsicht garnichts mehr ereignet? Haben all die Proteste nichts genützt? Sucht man mit Dir mehr Fühlung? - Hier nimmt man an, daß die Wahlen wieder einen Ruck nach
[2]
| links gehen werden. Es wäre schade. Aber es kann wohl nicht auf einmal vorwärts gehen. Wir waren in einer einzigen Wahlversammlung bei Pfarrer Traub. Es interessierte mich, den Mann einmal zu sehen. Er spricht gut, lebhaft, mit scheinbarer Mäßigung, doch ausgeprägt parteipolitisch. Einzelheiten waren wohl anzufechten, aber in der Hauptsache konnte ich ihm nur beistimmen. Parteiparole scheint zu sein: die Flagge schwarz, weiß, rot u. kein Eintritt in den Völkerbund. - Wenn ich doch nur einen Menschen wüßte, der uns sagen kann, ob es möglich ist, daß wir nicht dem Völkerbund beitreten? Ich bin dem Gefühl nach immer absolut dagegen gewesen, u. Traub erklärte es als direkte Schädigung, da wir außerhalb viel einflußreicher sein würden, wie dort als unterdrücktes Mitglied. Das leuchtet doch auch unbedingt ein. - Mir ist die plötzliche Liebenswürdigkeit Frankreichs ungemein verdächtig. Und was ist denn nun eigentlich von den Räumungspflichten erfüllt u. was nicht? Da wird man nie daraus klug. - Das Schlimmste sei, wenn man sich an die Revolution gewöhne; dann käme die Nation nie wieder hoch. Er wolle den alten Staat wieder haben [unter der zeile] mit seiner Freiheit, Ehrfurcht u. Arbeitsamkeit etc. - u. am Schluß wiederholte er noch bedeutungsvoll: das Blatt, das man auf allen Straßen u. Bahnhöfen finde: Friedericus das sei ein Zeichen, daß "Friedericus marschiert." -
Bei Dr. Gans war es heiter; lauter Mediziner, die ihre Ordinarien karrikierten! - Außerdem gab es noch ein herrliches Konzert: Händel, Haydn, Beethoven in vorzüglicher Ausführung. (für 80 <altes Pfennigzeichen>!) - Aber Aenne hat einen chronischen Schnupfen, der sie doch ziemlich angreift. Ich werde meine Patenkinder mit Wickelpuppen beglücken u. habe richtigen Spaß am Zurechtmachen. Cäcilie ist dafür leider schon zu groß! - Auf der Bank hörte ich, saß man seine Papiere abstempeln lassen muß. Da gehe ich doch wohl am besten jetzt mal auf die Dresdener Bank, nicht wahr? Denn es ist schließlich Pflicht, den Kram nicht verfallen zu lassen, wennschon es sich nur um Pfennige handelt, wo es früher Mark waren. Jammervoll! Aber so geht es allen u. man hat keine Sorge mehr damit. "Johann der muntre Seifensieder" - aber nun will ich kein Leimsieder sein u. Schluß machen. - Mir ist, als hätte ich eine Ewigkeit nicht von Dir <li.Rand> gehört, mein Lieb. Möchte es Dir gut gehen! In treuer Liebe
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Felizitas schrieb heute [unter dem Gestrichenem] gestern wieder aus Partenkirchen; sehr lieb u. niedlich.