Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Dezember 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Dez. 1924
Mein liebstes Herz,
Es ist wohl eigentlich ein Unsinn, wenn ich vor dem Fest noch einmal schreibe, aber ich habe so das Gefühl, als ob Du am Sonntag doch notwendig einen Gruß haben müßtest. Seit Frankfurt sind ja wahrhaftig schon fast zwei Wochen vergangen. Deine liebe Mahnkarte fand ich dort vor, als ich - gewählt habend - dort ankam, den Brief schickte Aenne mir nach. Du hattest ganz recht, daß ich zunächst bei meinem Plänemachen den Wahltermin übersehen hatte. Aber es ging ja alles so ganz glatt. - Mein Aufenthalt war sehr gemütlich, man fühlte die alte Freundschaft. Aber das ist gewiß, daß die Reichgewesenen am schwersten unter der Umstellung leiden, auch wenn sie von unmittelbarer Sorge verschont sind. Da kommt dann doch zum Vorschein, wie sehr das ganze Leben von äußeren Dingen abhängig war. Es scheint mit der selbstverständlichen Verwöhnung doch ein gut Teil innrer Harmonie fort zu sein. Es ist eben wohl sehr schwer, sich im Alter nun noch wieder zurechtzufinden.
Aber wieviel schwerer ist erst das Weiterleben, wenn das innere Leben zerissen ist. Ich denke es mir namenlos schwer für Frau Riehl, so stark u. ergeben sie sein mag. Ob sie sich nun wieder tiefer u. persönlicher gegen Dich aufschließen wird? Oder ob sie lieber allein bleibt? - Mit tiefer Anteilnahme las ich, was Du von der Bestattung schriebst. Das war ein schönes Ausklingen dieses edlen Lebens. Werde ich Deine Rede auch einmal lesen können, oder hat sie nur Frau Riehl? Eigen ist es, wie das, was Du von den Enkelinnen schreibst, genau den Eindruck anspricht, den ich bei meinem ersten flüchtigen Besuch in der Kaiserallee von ihnen hatte.- Ist Frau Riehl wieder körperlich wohler?
- Wie gut, daß der Geistliche verständnisvoller war, als damals der Schwätzer Violet. Seine Karte schickte ich wohl mit zurück? Hier haben sie inzwischen Prof. Braus begraben. Da kam so recht zum Ausdruck, wie wenig Freunde er hier hat. Was hat ihm nun all sein ehrgeiziges Streben geholfen!
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Mein Liebling, ich bin hier so im Rückstand mit allen Vorbereitungen zu Weihnachten. Und von Dir kommt eine Sendung nach der anderen. Erst 2 x die wundervolle Jugendpsychologie.* [li. Rand] * u. heute ein großes Paket. Noch ist das Buch kein Jahr alt u. schon die 3. Auflage! - Ich danke Dir sehr für die beiden Bücher, denn es ist auch damit wie so oft, als hättest Du meine Gedanken von ferne geahnt. Ich wollte es gerade für den Onkel beim Buchhändler sehen. - Ich suchte mir gleich die kleinen Ergänzungen. Es ist nicht viel, ich fand 3 größere Stücke eingeschoben. Vor allem der Abschnitt im Rechtsbewußtsein ist mir aufgefallen. Verstehe ich das richtig: nicht auf die Einsicht in das Ungesetzliche einer Handlung komme es an, sondern auf die Möglichkeit, mit seinem ganzen Menschen in das Rechtsgefüge hinein zu wachsen. - ? -
Ich bin so wenig leistungsfähig eben. Rheumatische Beschwerden machten sich schon länger fühlbar u. die ersten 3 Tage dieser Woche war ich gänzlich lahm gelegt mit dem üblichen Hexenschuß. Noch ists nicht ganz vorbei, aber stattdessen ist das rechte Ohr wieder stark entzündet. Morgen gehe ich zum Spezialisten, denn die Erfahrungen in der Poliklinik haben mich nicht zu einer Wiederholung ermutigt. - Nach Möglichkeit habe ich trotzdem für meine Patenkinder genäht. - Hilde u. Gisela bekommen Puppen, 2, die diversen Schwestern, dazu 4 ganz kleine Püppchen. Es war eine reine Kleinkinderwirtschaft bei mir. Aber es macht immer mehr Mühe, als man vorher denkt. -
- Für Cäcilie habe ich ein sehr hübsches Ledertäschchen gekauft, dazu eine Tafel Schokolade, die sie liebt. Die Frau von Georg Weise, die ich in Frankfurt traf, erzählte mir, daß das Kind sich prächtig entwickelt habe, sie hätte sie kaum wiedererkannt. Vom Vater spräche man nicht sehr anerkennend. Er sei ein Vielschreiber. -
Schrieb Dir mal Frau Koch? Sie scheint sehr absorbiert, denn der Sohn hatte keine Nachricht. Er geht zum Fest auf den Heuberg u. freut sich auf den "intimen Kreis" von nur 200! Er erzählte von seiner Teilnahme an den Wahlen u. daß sie in
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| ihrem Kreis des Reichsbanners "Schwarz-Rot-Gold" - sich von jeder Hetze fern gehalten hätten. Sie hätten entschiedenen Erfolg mit diesem anständigen Kampf weise erzielt. -
Gegenstück: Gertrud Spröhnle, die an jeder Wand ihres Zimmers ein Bild von Hitler u. 6 Hakenkreuze hat!
- Sehr lieb ist eine Sendung der guten Frau v. Donop: Thee, Kaffee, Schokolade. - Cläre Wendling ist in Davos. Ob sie gesund wird?
In Frankfurt war ich auch bei Johanna Wezel, die ich frisch u. heiter fand, nachdem sie gerade mal wieder einen Zusammenstoß mit Frl. Schwarz überwunden hatte. Ist das eine elende Weiberwirtschaft! Johanna lud mich zu sich ein, so vermieden wir das offizielle Zusammensein bei Weises.
Sie war begeistert von meinem neuen Hut, der ja allerdings auch dringend notwendig geworden war. Ob auch die Regenmantel so günstig ausgefallen ist, fragt sich. Immerhin - nicht wahr?!
Am Heiligen Abend werden wir in Ludwigshafen sein u. am 1. Feiertag kommt Walther. Na ja! - Aber eine Freude war es mir, daß ich durch Deine liebe Hülfe doch allerlei nette Geschenke machen kann. Es sind ja Lappalien - aber doch persönlich möglichst angepaßt.
Nur für Dich, Du mein Liebstes, weiß ich so garnichts Hübsches. Du mußt Dir halt die Reisebilder noch mal wieder besehen! -
Jetzt aber muß ich schlafen, Du merkst es an dem dummen Geschreibsel. Nun ist bald der 22., von dem an ja wohl die Tage freier werden sollten. Ich grüße Dich innig.
Deine
Käthe.