Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28./29. Dezember 1924 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Dez. 1924.
Erwarte nicht, mein Lieb, daß ich heute einen Brief schreibe. Walther ist soeben abgereist u. ich bin nun zum erstenmal seit Mittwoch wieder allein. Aber ich bin müde u. abgespannt. – Wie mag es Dir gehen? Ich sorge mich, u. in Gedanken war ich bei Dir u. den neuen Schwierigkeiten, die sich auftürmten. Ich verstehe, wie gerade Dich dieser Zwiespalt zwischen Einsicht u. Gemüt bedrücken muß. Wie schwer ist es, daß man Dich drängt, die Hand zu bieten zu einer Sache, die Dir verfehlt erscheinen muß, u. die aller Wahrscheinlichkeit [über der Zeile] nach zu einer Kette von Enttäuschungen führen muß. Ist es wirklich denkbar, daß Frau Riehl einen Brief an Hans Heyse öffnet? Das wäre jedenfalls eine sehr üble Kennzeichnung seiner Stellung. Wird sie nicht vielmehr nur in der Bestürzung aller gesagt haben: "ich will erst noch einmal mit Eduard reden."? Aber welche Verantwortung von ihr, den Mann um jeden Preis in die Dozentenlaufbahn einrücken zu sehen, wenn allem Anschein nach seine Fähigkeiten nicht dazu ausreichen. Möge sie nie zu beklagen haben, daß sie eine klare, offene Entscheidung verhinderte.
Für mich fällt natürlich vor allem die schwere Belastung in Gewicht, die für Dich aus alledem erwächst. Wie schmerzt es mich immer, Deine Kraft so von unfruchtbarer Arbeit im Dienste anderer verzehrt zu sehen. Es ist ja natürlich Deinem Wesen gemäß, zu helfen – u. ganz besonders wirst Du es gern für diese Menschen tun. Aber es muß ja doch geschehen ohne die Überzeugung, daß es zum Besten des Betreffenden ist: "denn es gewähret die Liebe gar oft ein schädlich Gut, wenn sie den Willen des Fordernden mehr als sein Glück bedenkt."
Wie waren die Festtage? Ich kann Deine Auffassung, daß man sich gern irgendwie "anbringe" nicht teilen. Ich wäre gern u. ohne Sentimentalität allein zu Haus geblieben. Aber wir waren nun mal eingeladen u. so ging es – wie immer in großer Hetze – am Mittwoch um 3 Uhr 14 nach MannheimLudwigshafen. – Am Abend vorher hatten wir ganz spät noch
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| unser Bäumchen [über der Zeile] angezündet, das in meinem Wohnzimmer vor dem großen Eckspiegel steht u. eine entzückend gewachsene Edeltanne ist. Es ist ja zu schade, daß Du es nicht sehen kannst, daß wir nicht zusammen darunter sitzen u. – Feiertage im wahrsten Sinne haben können. Hats Dich nicht amüsiert, wie ich Dein liebes Geschenk ahnte? Es hat mich schon seit dem Sommer dauernd beschäftigt, wie ich wohl die "Theorie" erwerben könnte, in der ich meinen Sinn für die Kunst Dir mitteilbar machte. Dies ist nun freilich Architektur, aber ich denke, die Art der Vorstellung wird die Kulturlage jener Zeiten u. damit auch die Malerei "verstehen" lehren. – Mein kleines Packet u. der Brief sind hoffentlich angekommen u. haben Dich ein wenig erfreut. Ist nun auch die Regierungsbestätigung der Akademiewahl da?
In Ludwigshafen war es sehr nett. Wir kamen spät zum Schlafen, u. standen daher auch spät auf. Fast unmittelbar nach dem Frühstück mußte ich aufbrechen, da Walther sich um 1 Uhr angesagt hatte. Ich versäumte aber den Anschluß, mußte eine Stunde in Mannheim warten, kam gerade aus vor dem Frankfurter Zuge an, bereitete eilends das Mittagsbrot – u. Walther kam nicht! Erst um ½ 6 erschien er, war nicht fertig geworden. Da Liesel diesmal im Hause war wegen der Mieterin unten, war die Last für mich nicht groß, obgleich Aenne erst am 2. Feiertag abends zurück kam. Aber es strengt an, den ganzen Tag Unterhaltung machen zu müssen. Auch waren mir verschiedentlich Ohrenschmerzen recht lästig. – Das Zusammensein war etwas kühl, aber durchaus freundlich. Nur in letzter Stunde gab es beinah einen Zusammenstoß als beim Verteilen von Marken an die sammelnden Kinder die Rede auf ganze Postkarten kam. Ich fand, daß man Karten, die nur eine gleichgültige Mitteilung – etwa über Ankunft oder dergl. enthielten, ruhig hergeben könne. Es fand das wieder indiskret u. "würde es mir sehr übel nehmen, wenn er eine Karte von sich so verwendet fände." Du kannst Dir denken, daß da in mir die Erinnerung an
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| seine vorjährige Indiskretion recht lebhaft aufwallte. Ich habe aber geschwiegen u. die Sache mit einem Scherz abgeschnitten.
Immerhin glaube ich, daß er – so empfindlich wie er ist, – meine unterirdische Verstimmung doch wohl gemerkt hat.
– Allerlei Hübsches bekam ich geschenkt: von Aenne einen Geldbeutel für Papierscheine, die Mitgliedschaft der Deutschen Buchgemeinschaft auf ein Jahr, von Walther die Kügelgen-Briefe von 40–67, – in Ludwigshafen Briefpapier u. eine Kinderarbeit, von –  – Dr. Gans: Christiane Vulpius!! Aus Berlin kamen Hildebrandsche Honigkuchen, Brief u. Drucksache von Hermann, Karten aus Hofgeismar, der Schweiz, von Herrn Labes, von Felizitas u. eine von Frau Witting, um das Ausbleiben des angekündigten Buches zu entschuldigen.
Gestern gingen wir mit Aenne über den PhilosophenwegHirschgasse u. machten zum Schluß einen Besuch im Scheffelhaus. Es war schon dämmrig auf dem Wege u. die Stadt mit den Lichtern schimmerte sehr reizvoll durch den leichten Dunst. Am 1. Feiertag waren wir auf dem Schloß, u. heute in Rohrbach über den Berg zurück, denn der Plan ins Neckartal zu fahren wurde verregnet.
Morgen geht es wieder in die Klinik – leider. Ich habe eben nicht gerade großen Tatendrang u. es ist noch eine Unmasse vor dem 1. Januar zu schreiben. Ich zähle etwa 20 Adressen auf meinem Programm u. dabei wird gewiß noch einiges vergessen sein. – Das imponiert Dir garnicht, nicht wahr? Aber für mich ists eben doch viel!
Für heute aber nun gute Nacht, mein innig geliebtes Herz.

Am 29. früh. – Jetzt will ich nur noch tausend Dank anfügen für Deine liebe Weihnachtsgabe, die mir so sehr erwünscht kam. Und in gewohnter Bescheidenheit muß ich gleich auch eine Bitte anschließen: hast Du noch eine "Musik als Weltanschauungsausdruck" verfügbar? Du sagtest einmal es sei noch davon vorhanden u. ich hätte es sehr gern zum Verschenken!!
Sei mir innig gegrüßt u. denke mein!
Deine Käthe.