Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Januar 1925 (Berlin)


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1.1.25.
Mein innig Geliebtes!
Nur eine halbe Stunde, ehe ich zu Harnacks gehe, steht mir noch zur Verfügung. Ich muß Dich aber zum neuen Jahr spätestens heut innig begrüßen und Dir für Deine lieben Gaben und Deine beiden lieben Briefe danken. Wie stets hast Du mir eine beziehungsreiche, schöne Sendung zusammengestellt, neben der ich meine Gedankenarmut, die ja z. T. Zeitarmut ist, beschämend empfinde. Der rote Kalender ist schon in Gebrauch. Die 3 Gläser sind Frl. Wingeleit anvertraut, die Dir danken und ein gesundes neues Jahr wünschen läßt. Ob Du den ersten Mörike zurückbekommst hängt davon ab, ob sich die beiden Ausgaben inhaltlich decken. Bolls Sternenglaube wird mich interessieren. Das Herz ist - angeknabbert. Der Kompaß soll uns führen. Die Kravatte wird willkommen sein, sobald die Trauer abgelegt ist. Das Kränzchen - meine feudale neue Lampe hat keinen Griff zum Ziehen, werde ich nach meiner Gewohnheit an einem stillen Abend auf meinem Tisch bei der Arbeit brennen lassen. Bisher hat es einen
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| solchen nicht gegeben. Ich danke Dir für alle Liebe und bitte Dich um Nachsicht, wenn heute ein sehr subjektiver Brief über die Dinge kommt, die mich an der Jahreswende bedrücken.
Die Tage waren so verteilt: 24.XII - Neubabelsberg. 25.XII. bei Susanne. Die Methode des selteneren Sehens hat sich wenig fruchtbar erwiesen. Sie ist nur verliebter geworden. Ich soll Dir Grüße bestellen, habe ihr aber gesagt, sie könne endlich selber schreiben. 26.XII: ab ½ 2 bei Thümmels, wo es wieder recht inhaltreich war. 27.XII: der Ferientag, bei herrlichstem Wetter. Mit Susanne bis Wildpark gefahren, 4 Stunden ohne Pause über Eiche, Golm, Grube, nach Marquardt, Fahrt bis Nauen (minder), Schluß ein vornehmes Souper bei Trarbach und eine v. Susanne übernommene starke Erkältung, die aber bald verschwand. 28.XII. abends bei Kühnes in größerer politischer Gesellschaft. 29.XII. Besprechung mit Hans Heyse in Nb., vergeblicher Besuch bei Nieschling, zuletzt in Nikolassee beim Koll. Wechßler, der seinen 18jähr. Sohn auf tragische Weise verloren hat (vom Auto totgefahren.) 30.XII. beim Registrator mit Wagen für Polenjungen; traf nur die Frau. Nachher minderes Kino: "Die junge Stadt." 31.XII. dringender Besuch bei Wallner, der im August ebenfalls von Auto überfahren u. dauernd hinkt. (in Treptow), von
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| dort nach Baumschulenweg, um über Bernhards Studium zu beraten, der Ostern sein Abiturium macht. Heut Besuch bei Frankes, Maiers u. Hintzes. Frankes haben sich über das Bild sehr gefreut. Grüße - weder von Kühnes noch von Frankes - so ist die Welt.
Hauptarbeit war, Hans Heyses Opus umzugießen. Meine Auffassung von der Sachlage hat sich wesentlicht geändert. Die "Beglückungsmethode" von Frau Riehl, verbunden mit unausgesetzten psychol. Analysen, macht alles komplizierter als es ist. Du kennst den Zustand von 1914 her. Anscheinend ist er durch übermäßigen Gebrauch v. Schlafmitteln jetzt gesteigert. Alle im Hause stehen unter dem ständigen Druck dieser Hypersensibilität. Die Aussprache mit Hans verlief durchaus günstig; auch bei Adelheid merkte ich noch nichts von Haß. Aber Frau Riehl, die in 2 Tagen Lore 2mal (einmal früh um 8) zu mir jagte, scheint zu zürnen, daß ich ihren Weg nicht gegangen bin. Mit diesen Umwegen und Geheimnissen kommt es demnächst dahin, daß ich mir alle Gespräche, die draußen geführt werden, aufschreiben muß, um zu wissen, was jeder - "wissen darf". Lore steht unter der Suggestion der Großmama. Hans klagte schon über die stete psycholog Kontrolle, der er unterliegt. Gewiß, er wird kaum Großes leisten. Aber man muß ihn doch
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| so weit wie möglich mit Zutrauen erfüllen, wenn der Schritt noch einmal gewagt werden soll. Seltsam berührte mich auch das Urteil über Heinrich Scholz, auf Grund von Erzählungen der guten Dora Jäger: Frau Riehl meinte, man könne mit ihm nicht verkehren; er habe Elisabeth durch s. Übersteigerungen ruiniert, habe sich in Kiel wiederholt fremdes wissenschaftliches Gut angeeignet, sein Schmerz sei nicht echt; er sei nur pathologisch etc.
Du kannst Dir denken, wie mich diese komplizierten Verhältnisse zermürben u. irre machen. Die Arbeit hat mir die Festtage vergällt. Nun bin ich fertig, aber was liegt nun alles da! Wann werde ich Ruhe finden für die Münchner Vorträge? Heut zuerst kam ich zum Lesen eines Buches, von Scheler, grenzenlos universal und geistvoll. Der ist mir über.
Die Briefe von Felicitas sind wieder so leer u. oberflächlich wie früher, seit sie wieder in P ist. Sie hat mir einen Kalender geschenkt, wertlos, kitschig, vor allem gedankenlos. Hingegen hat Erika Gomies mir ein nettes Kissen gemacht. (Weißt Du von m. neuen Polstermöbeln?) Frau W. hat die 1000 M für eine elektr. Anlage erhalten.
Du scheinst auch keine besonders erfreulichen Festtage mit Walther gehabt zu haben. Am meisten aber
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| betrübt mich Dein ständig leidender Zustand. Den Brief von Mellins füge ich wieder bei. Ist er eilig, oder ein bißchen kühl u. äußerlich?
Geschenke: Ein Bild aus Riehls Zimmer. Zigarren kasten Glas mit Metall (Hans Heyse) Streichholzschachtel von Lore. Bücher: G. Keller, Lindau (Bilder) v. Susanne, Ghandis Schriften v. indischem Schüler, persische Lyrik von Perser, Matthias Claudius u. Bayernkalender v. D. Thümmel, Flaschenstöpsel mit Silberkopf v. Frau W. u. D. Thümmel, Roman v. Fel. Kolde, 2 Sachen, die ich schon habe, von Frl. Kiehm, 4 Kuchen, 3 Kränze etc.
Leider muß ich abbrechen, um, wie ich glaube, sehr scherzhafte hübsche Gedichte bei H. vorzutragen, die ich, gemäß der diesjähr. Aufgabe, gemacht habe.
Leb wohl, mein Liebstes. Du fühlst wohl: das "Werk" schreitet fort; die Seele leidet dauernd etwas Not. Es ist und bleibt eine große Einsamkeit, immer allein mit den Problemen dieser Zeit.
Du aber bist mir nahe u. ich Dir.
Stets Dein dankbarer
Eduard.