Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Januar 1925 (München)


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13.I.25.
(Onkel Ernsts Geburtstag.)
Mein innig Geliebtes!
Kein Brief, sondern nur ein Wort der Teilnahme mit Deinem Leidenszustande, das eigentlich schon [über der Zeile] vorgestern geschrieben werden sollte. Aber es geht immer so hin und her. Wenn es wirklich eine Influenza ist, so tu mir die Liebe und steh nicht zu früh auf, geh auch nicht aus oder arbeite gar, ehe Du wieder ein bißchen überschüssige Kraft hast. Wer pflegt Dich? Der Vorstand natürlich. Hoffentlich bekommst Du etwas Schönes und Leichtes zu essen. Gute Besserung, und wenn Du eine Karte schreiben kannst, bitte ich um Nachricht nach München, Pension Gartenheim, Ludwigstr. 22 (neben Ludwig kirche.)
Ein großer Schmerz ist mir widerfahren durch den Tod von Strümpell. Ich fühle jetzt erst ganz, wie ich ihn im stillen lieb gehabt habe. Seine Autobiographie werde ich Dir senden. (Weißt Du übrigens, daß s. jüngste Tochter jetzt in m. Übungen ist.) Überhaupt, das Elend der Ärzte! Der Onkel! - Am 23.XII besuchte ich Benary, traf ihn krank im Bett u. hatte so tieftraurige Eindrücke, daß ich tagelang nicht davon loskam u. auch so nicht darüber schreiben kann.
Ich habe heut noch Seminar, danach Einladung zum Rektor, morgen Vorlesung, ab 7.25 Schlafwagen nach München.
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Thema: Das Bildungsproblem der Gegenwart im Rahmen der Kulturphilosophie. 3 Stunden. Es wird nicht gerade streng philosophisch, aber voll ganz großer Welt- u. Zeitperspektiven. Es ist nichts für die Schulmeister; ob überhaupt das Richtige? Die Sorge um das Gelingen, die Mühe, fertig zu werden, die Angst vor den vielen Verpflichtungen macht mich schon heut ganz krank, und ich schwöre im stillen ähnliche Unternehmungen für die Zukunft ab.
Entwicklung in NB. m. E. psychotisch; man kann das nicht mit wenigen Worten schildern.
Daß mir die Seminarkasse von 607 M gestohlen worden ist (d. h. eigtl. Herrn Wenke, schrieb ich wohl schon zu Weihnachten.)
Lubowski baut mir eine goldene Vorderunterfresse; dann wird hinten unten alles gezogen etc.
In der Pestalozziausgabe kann ich mich mit den eingebildet-dummen Schweizern nicht einigen.
Ob die Akademiebestätigung noch einmal kommt? Minister ist ja nicht mehr da.
Wittings habe ich abgeraten, nach München zu kommen.
Ich muß fleißig sein. Daher nur noch einmal viel gute herzliche Genesungswünsche und viele Grüße auch an den Vorstand.
Stets Dein
Eduard.

Ich vergaß zu schreiben, daß mir in Deiner Weihnachtssendung das Tannenteller kränzchen fast das Liebste war.