Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Januar 1925 (München)


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München, den 18. Januar 1925.
Mein innig Geliebtes!
Noch aus Deinem München schreibe ich Dir, in der Hoffnung, daß Dich diese Zeilen nicht mehr auf dem Krankenlager, wohl aber in der gebotenen Vorsicht und Ruhe antreffen. Für mich ist der offizielle Teil der Expedition vorüber. Welche physischen Leiden ich dabei und vorher ausgestanden habe, wirst Du ermessen können. Das 1. Lob verdienen diesmal die Münchner: So was von Gastfreundschaft, Interesse, Entgegenkommen, Zeitopfern ist noch garnicht an deutschen Universitäten dagewesen. Wenn ich allein denke, daß der Rektor, Al. Fischer, Becher alle 3 Vorträge und alle 3 Gesellschaften mitgemacht haben, dann schwindelt mir bei dem Gedanken, daß ich einmal in Berlin Vors. der Gastkommission war.
Inhaltlich war die Sache "im ganzen" gelungen. Der Aufbau, an sich glänzend, litt nur an einem gewissen
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| Abfallen und Herausfallen des 3. Teiles. Wie es gewirkt hat, läßt sich schwer beurteilen. Über Plancks Vortrag sind s. Z. die 3 doch ziemlich abweichenden Auffassungen geäußert worden: gemeinverständlich, ungemein unverständlich, gemein unverständlich. Also: am 1. Tage war das Maximum voll, bis auf die Galerien hinauf. (schöner Raum, in dem es sich heiß spricht) Magn. las eine Begrüßung vor. Anwesend waren etwa 10 Kollegen. Am 2. Tage, als ich das Aud. ängstlich betrat, war es gesteckt voll, dieser Vortrag war wohl auch der inhaltlich reifste. Wenigstens gingen viele Kollegen mit Fragen, Zweifeln, Bestätigungen, Ergänzungen darauf ein. Der 3. Tag hatte die ungünstigste Prognose: 1) Fasching 2) Sonnabend 3) dies academicus. Der Saal war wie am ersten Tage besetzt, und etwa 20 Kollegen bildeten m. Schweif. Formell gesprochen habe ich am 1. u. letzten Tage am besten. Im ganzen war ich nicht voll zufrieden, weil die Sache sich eben nicht in strenger Wissenschaft verwandeln läßt, sondern teilweise ethisch bleibt.
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Mein Hôtel ist sehr schön, vornehm, ruhig, bequem zur Universität. Am 1. Abend war Essen beim Rektor, an dem u. a. Kerschensteiner u. Becher teilnahmen. Daran schloß sich ein Bierabend für etwa 25 Dozenten, unter denen viele sehr langweilig waren. Auch kam die Unterhaltung nicht in Gang. Freitag um 10 kam stud. Schwidnagl, mit dem ich dann in die Alte Pinakothek ging. Der Karl V. v. Titian hat auch mir den stärksten Eindruck gemacht. Sonst hatte ich das meiste in den 17 Jahren vergessen. Nach dem 2. Vortrag bei Prof. Schermann, anscheinend etwas jüd. u. norddeutscher Abkunft, Vors. d. Gastkommision. Auch hier nachher Bierabend für 25 Professoren mit glänzend in Gang kommender Unterhaltung (speziell mit dem Mediziner F. v. Müller, mit Gallinger, Rehm etc.) Natürlich nie vor 1 ins Bett. Sonnabend um 11 Gedenkfeier für die Gefallenen in der Universität, musikalisch u. dramatisch wirksam gestaltet, akustisch verhallende Rede von Ed. Schwartz. Man hatte mir neben dem Rektor einen Stuhl reserviert. Da mich die Beamten nicht kannten, blieb ich unter der Herde
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| sitzen. Mühsam mit den Nötigen für III fertig geworden, warf ich mich ins Auto nach Bogenhausen zum Kaffee bei Al. Fischer, wo der kath. Spezial<Wortteil unleserlich> anwesend war. Zu Fuß zu dreien durch den Engl. Garten zurück, 1 Min. vor Beginn eintreffend, sofort nach Schluß zu Fuß durch den Engl. Garten zu Kersch. Dort Zusammensein mit Rektor, Becher, Fischer, Pfänder, Voßler. Guter Wein, Betrachten v. Kunstwerken, sehr mäßige, nur aus Antworten bestehende Unterhaltung.
Wertvoll war mir die Bekanntschaft mit dem Psychologen Bumke, der 2mal zuhörte, mit Juristen Rothenbücher und dem Historiker Joachimsen.
Nach dem 2. Vortrag wurde ich durch Ansprache seitens Frau Angelica Weltz sehr erfreut. Nach dem letzten Vortrag wurde ich durch das Auftreten des F aufs höchste erschreckt.
Ich muß abbrechen, denn ich habe nach Part. telegraphiert, daß ich um 12.45 am Starnberger Bhf warten will, muß aber vorher noch nach Schwabing. Für die Museen fehlt mit buchstäblich die Kraft.
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| Ich hatte mich so darauf gefreut.
Leb wohl u. schreibe mir bald nach Berlin, daß es Dir gut geht.
(NB: Da ich am Dienstag mit den Spitzen der Regierung u. Univ. beim Rektor v Berlin war, habe ich 4 akadem. Abende in 1 Woche mitgemacht. Man hat alles getan, um den Redner durch Alkohol zu deteriorieren.)
Innigst Deiner gedenkend
Dein
Eduard.