Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Januar 1925 (Berlin)


[1]
|
24.I.25
Mein innig Geliebtes!
Dein soeben eingetroffener lieber Brief hat mich im Grunde recht betrübt. Denn ich hatte gehofft, daß Du Dich schon länger wieder ganz gesund, wenn auch schonungsbedürftig befändest. Was machen wir nur mit Dir? Der Gedanke einer Erholungszeit ist doch garnicht dumm, und die "Kasse" dafür ist hier jederzeit zur Verfügung. Wenn Du also z. B. Lust hättest, für einige Zeit in die Pension Witting zu gehen, so schreibe es ja. Bedingung ist nur, daß die übliche Bezahlung vereinbart wird, keine "Revanche".
Was ich dir meinerseits an Plänen zu unterbreiten hätte, sieht nicht sehr nach Erholung aus. Ich habe mich breitschlagen lassen, am 6. April in Regensburg für die bayrischen Gymnasiallehrer zu reden, hauptsächlich, weil Regensburg mir nach 4maligem Aufenthalt von einigen Stunden immer noch höchst reizvoll und unausgeschöpft erscheint. Dorthin wollte ich Dich bitten, zu kommen. Allerdings
[2]
| entweder erst am 7.IV., oder während der Tagung incognito; denn es ist viel Klerus bei den bayrischen Studienräten. Daran sollte sich anschließen entweder
1) eine Donau - Mainreise nach Passau, Bamberg, Würzburg, (Rothenburg?) Wertheim, Miltenberg, zuletzt ein wenig Heidelberg.   - Oder
2) Passau, Linz, Wachau, Melk, Wien ohne Heidelberg.       oder
3) München, Lindau, Überlingen u. ein ganz klein wenig Heidelberg.       oder .............
4) München, Innsbruck u. ein See in der italienischen Schweiz, z. B. Lugano.
Denke mal darüber nach. Denn aus Italien wird nichts, wegen des heiligen Jahres und wegen meiner vielen Neuauflagen.
Am Sonntag war ich noch mit Frau Witting 6 Stunden in München sehr ruhig und faul zu sammen. Die Rückfahrt ging gut. Am Dienstag begann die gewohnte Arbeit, außerdem aber habe ich 35 Postsachen in 2 Tagen fertig gemacht, darunter z. T. ganze Aktenbündel u. Gutachten. An 1 Tag kam die Aufforderung zu Vorträgen von
[3]
| 5 Städten: Nürnberg, Herrenhut, Halle, Frankfurt Mannheim - alle abgelehnt.
Mittwoch saß ich nach 2 Stunden Vorles. und 2½ Stunden Sprechstunde (mit einem königl. sächs. Staatsminister a.D.) 3 Stunden im Senat. Donnerstag nahm ich befrackt an der öffentlichen Friedrichssitzung der Akademie teil, über die ich schriftlich "lieber nichts" sagen will. Gestern hatte ich 2 Stunden Kant 2½ Stunden Sitzung, kam um 11 zum Abendbrot. Heute um 5 kommt Hans Heyse, um 7¼ ist öffentliche Trauerfeier für Riehl, bei der Heinrich Maier redet. Morgen neben Besuch vorm. 70 Geburtstag v. Eduard Mayer in Lichterfelde, nachm. Dora Thümmel. Montag Nachm. habe ich Anni Strümpell eingeladen. Wann soll man da Bücher lesen? Es liegt so viel Schönes da. Eben habe ich mit Rollands Michelangelo begonnen. Dann sollen langsam die Karamasoffs folgen. Aber die Hauptsache ist die Durchsicht der Lebenformen, von denen 6000 Exemplare gedruckt werden sollen und für weitere 4000 gleich die Matern hergestellt werden sollen. Dann kommen: "der gegenwärtige Stand", dann die Jps. und dann - Kultur und Erziehung.
[4]
|
Von Neuem ist da begreiflicher Weise nicht die Rede.
Wenn ich nur eine brauchbare Sekretärin fände.
Die beiden Untereckzähne bekommen goldene Kappen, jeder Zahn dazwischen einen Goldring, der innen an einer Verbindungsspange befestigt ist. Dadurch lassen sich die lockeren Zähne noch einige Zeit erhalten.
Ich muß schließen, bitte Dich aber sehr, mir über Dein Befinden oft Nachricht zu geben und die Frage Partenkirchen zu erwägen.
Innigste Grüße
Dein
Eduard.

[] Die Münchner Vorträge kommen in die neue Zeitschrift; jedoch mit einem veränderten 3. Teil, der sich im Aufbau als nicht ganz verbunden und auch nicht als richtige Steigerung erwiesen hat. Daher werden wir dann über ihn reden. Von der Mädchenschulreform weiß ich nichts. Das wird vor mir verborgen.