Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18./19. Februar 1925 (Wilmersdorf)


[1]
|
Wilmersdorf, den 18. Februar 1925.
Mein innig Geliebtes!
Heut morgen um 10, nachdem ich bereits 1½ Stunden gearbeitet hatte, bin ich in die Stadt gefahren, und soeben um 10 bin ich wiedergekommen. Vielleicht sollte ich Dir in dieser Müdigkeit lieber nicht schreiben; aber ich möchte doch auch nicht bis zu Deinem Geburtstag warten, nachdem die Pause schon so groß geworden ist. Die Ursache dafür lag in großer Belastung und allmählich nachlassender Leistungsfähigkeit, zuletzt aber auch in Umständen, die mich sozusagen wortlos machten. Damit möchte ich anfangen, und Du nimmst es nicht übel, wenn mancher Punkt Deiner lieben Briefe zunächst unbeantwortet bleibt.
Am 24. Januar fand eine Trauerfeier für Riehl statt, bei der Heinrich Maier eine "brave" und ein Student eine sehr schöne Rede hielt. Vorher war Hans Heyse wegen seiner Arbeit bei mir und erzählte mir, wie Du weißt, daß sich Frau Riehl in Westend in einem Sanatorium befinde. Die direkten
[2]
| Nachrichten an mich waren spärlich, z. T. nicht ganz verständlich. Susanne wurde zweimal gerufen, aber aus ihren Berichten konnte ich nur entnehmen, daß der Herz- und Nervenzustand sehr ungünstig sei. Jedermann mußte von ferne glauben, daß es sich bei Frau Riehl um ein Nervenleiden handle, das zu Hause nicht gebessert werden könne.
Vor etwa 10 Tagen siedelte sie sehr plötzlich in eine Pension im Grunewald über. Ich sollte sie am Sonnabend besuchen, erhielt aber kurz nach dieser Aufforderung einen zweiten Brief, worin sie mich bat, vorher mit ihrem Arzt Kurzrock zu reden. Beide Briefe enthielten für mich zusammenhangslose Wendungen.
Herr Kurzrock machte mir nun Mitteilungen über die Gründe des Fernbleibens von Neubabelsberg, die alles in einem völlig anderen Lichte erscheinen ließen. Ich habe mich feierlich verpflichtet, diese Dinge andern gegenüber auch nicht andeutungsweise zu berühren und muß, da es sich um Persönlichstes handelt, auch Dir gegenüber daran festhalten. Was mir da noch nicht klar wurde, verstand ich in einer 2stündigen Unterredung mit Frau Riehl ganz. Am Montag war ich noch einmal
[3]
| 1 ½ Stunden bei ihr. Mein Eindruck war dieser: Natürlich liegt schwerste Erschöpfung und ein sklerotisches Herzleiden vor. Es wurde aber von ihr in diesen vielen Stunden nicht ein Satz gesagt, der ohne den strengsten logischen Zusammenhang gewesen wäre, ja es lag nicht einmal eine Übersteigerung der Gefühle vor.
Die seltsamste Verkettung von Umständen fügt es, daß sie, statt in ihr Heim zurückzukehren, heimatlos herumirren muß, ja an Fortreisen von Berlin denken muß. Sie fügt es weiter, daß sie der Welt gegenüber in dem Scheine steht, wegen nervöser Überreizung die Ihrigen meiden zu müssen. Dabei habe ich die entschiedene Gewißheit, daß sie mit fast übermenschlicher Kraft gesund zu werden strebt, daß sie aber in Verhältnisse verstrickt ist, an denen jemand, der noch gesund ist, allmählich nervös zugrunde gehen muß. Immer wieder kreisen ihre Gedanken um das unlösbare Problem. Aber es ist von der Art, daß - wenigstens heute - auch ich nicht weiß, wie man es lösen, wie man allen Beteiligten helfen soll.
[4]
|
Das ist es nun: nachdem die Augen des reinen, ehrwürdigen Greises sich geschlossen haben, bricht sein Haus zusammen, und seine Witwe ist ohne Heimat. Du wirst dies alles unbegreiflich finden. Aber Du wirst mir glauben, daß ich - obwohl ich manchmal in der Parteinahme geschwankt habe - im Augenblick kühl genug sehe, um beurteilen zu können: es bleibt Frau Riehl nichts andres übrig; sie tut, wie sie muß, und sie muß dabei noch den Schein auf sich nehmen, als ob sie durch ihren Zustand an allem schuld sei.
Wie die Dinge sich weiter entwickeln werden, weiß nur Gott. Soviel ist gewiß, daß ich unter diesen Umständen für Frau Riehl so viel Zeit frei machen muß und will, wie nur irgend möglich ist. Sie hat sich schwer entschlossen, mich ins Vertrauen zu ziehen, ist aber nun auf den Arzt und mich als einzige Wisser mit ihrer quälenden Not und Sorge auch angewiesen.
Was sonst noch vorliegt, ist gegenüber diesem Hauptpunkt nicht wesentlich. Zur Privatarbeit komme ich garnicht. Ein Anfang zur Durcharbeitung der Lebensformen ist stecken geblieben, weil erst die Dissertationen, jetzt die Prüfungen alle Zeit und Kraft in Anspruch
[5]
| nehmen. Was übrigbleibt, gehört der Post und den laufenden Erledigungen. Eine Sekretärin habe ich noch immer nicht. Liselotte käme für mich nicht in Frage, denn so hoch, daß sie hier leben könnte, kann ich sie nicht honorieren, und die betr. Dame muß doch den wissenschaftlichen Betrieb und die ganzen Verhältnisse ein wenig beurteilen können.
Nach jenen 2 Tagen in frischer Luft, die mich etwas herausgerissen haben, habe ich mir noch 2 freie Zeiten gegönnt: Sonntag 5-10 bei Lubowski, der doch ein interessanter Kerl ist, wenn auch sein Goldgehege noch nicht gut funktioniert, und Montag einen Ausflug mit Wenke, Anni Strümpell, Susanne und dem netten Sohn eines Münchner Kollegen, der dort freundlich zu mir war: nach Tegel Schloß und durch den Wald nach Frohnau; sehr hübsch, aber für mich anstrengend, weil ich wieder ohne Weg nach dem bloßen Richtungsgefühl lief, fast absolut sicher, doch mit Angstschweiß.
In der Akademie habe ich bis jetzt nichts gehört was mich mit Be, aber einiges, was mich mit Verwunderung erfüllte. Wenn ich Dir von dem pädagogischen Cronrat, den Becker vor 3 Wochen inszenierte, noch nicht
[6]
| geschrieben habe, so erinnere mich bei unsrem Zusammensein daran. Ich sah bei dieser Gelegenheit alte Bekannte, vor allem Nohl, gegen den ich eigentlich noch ein anmutiger Jüngling geblieben bin.
Mein Plan ist dieser: am 4. März schließe ich die Vorlesungen. Die Hauptvorlesung ist übrigens genau so besucht, wie am Anfang, obwohl sie immer schlechter präpariert wird. Bis zum 15. März muß ich 1 Artikel für meine neue Zeitschrift und die halbe Redaktion der Lebensformen fertigstellen (!?) 15.-20. die neue Auflage von: "Der gegenwärtige Stand". 20.-31 Forts. der Lebensformen. Spätestens am 5. April muß ich nach Regensburg reisen, obwohl ich gern schon einige Tage vorher mit Dir in Bamberg wäre (?) Die Weiterreise denke ich mir so, daß wir von Regensburg zunächst nach Passau fahren (dort über Ostern; soll herrlich sein.) Dann mit dem Dampfer in Stationen über Linz mindestens bis Melk. Abschluß in Wien. Dies scheint mir am meisten Logik zu haben. Ich muß doch um den 24.IV in Berlin sein. Zu Pfingsten hat mich der deutsche Philologenverband aufgefordert, bei einer großen Tagung in - Heidelberg zu
[7]
| sprechen. Ich bin noch nicht entschlossen. Aber "manches" spricht dafür.
Nun ist also Becker Minister. Die Sache kann nicht lange dauern. Und wie man auch über ihn denken mag: ob es gut ist, daß er auf diese Weise über kurz oder lang nach oben hinausgedrängt wird, ist mindestens fraglich.
Die Pestalozzi-Ausgabe kommt mehr und mehr in Gang. Ich lese die Korrekturen von Riehls Kritizismus II mit Bewunderung und Freude.
Im Hause sind wieder einmal alle Türen gestrichen worden. In der letzten Zeit habe ich viele unerwartet große Ausgaben gehabt. Aber ich denke doch an ein - Klavier für den Sommer.*) [re. Rand] *) Ich will auch die Grabstätte meiner Eltern u. die Gedenksteine jetzt machen lassen Man muß mal sehen, was das Gold im Munde kostet.
Für heute muß ich einmal Schluß machen. Gute Nacht, mein Liebes. Dein E.

19.II.
Heut früh kamen Deine freundlichen Nachrichten für Frl. Knoche. Ob Wendlings für einen Nervösen die richtige Umgebung sind, weiß ich nicht. Ich will ihr aber jedenfalls von diesen Möglichkeiten Nachricht geben, und danke Dir vielmals. Mit diesem herzlichen Dank
[8]
| aber und den innigsten Wünschen für Deine fortschreibende Erholung und Kräftigung muß ich für heute schließen. Ich bin von ⅓ - ½ 4 bei Susanne, 4-6 Akademie, 7-9 Fakultät. Dann erst kommt die "eigentliche" Arbeit.
Seit tausendmal gegrüßt. Es dauert jetzt nur noch 6 Wochen, bis wir uns sehen.
Dem Vorstand vielen Dank für die Delikatesse. Das schätze ich in der Tat sehr.
Dein
Eduard.