Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1925 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 23. Februar 1925.
Mein innig Geliebtes!
Heute gibt es nur einen Tropfen; aber er ist ein Mikrokosmos von guten Wünschen für Dich, und er enthält in seiner "Einwicklung" alles, was sich zum Guten für Dich entwickeln kann. Ich hoffe, daß Du täglich ein wenig mehr "lebendige Kraft" aufspeichern kannst (was physikalisch ein Unsinn ist, aber sonst seinen Sinn hat.)
Zwei Drucksachen sind an Dich abgegangen. Nr. I ist aus meinen Beständen. Hoffentlich beschwerst Du Dich nicht, daß Du jetzt immer die abgelegten Sachen von mir bekommst; beim Rohrbuch ist es offen gestanden ebenso, und was das Bild betrifft, nun erst recht so. Daß ich diesem Betrieb standhalte, ist immerhin schon ein Zeichen von Kraft oder Wurschtigkeit. Diese Woche sind es 22 Prüfungen, teils von ½, teils von ¾ Stunde, u. am nächsten Montag sitze ich schon wieder von 4-8 beim Examen. Was frei bleibt,
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| gehört Frau Riehl, d. h. einer unlösbaren Aufgabe. Das letzte Mal waren meine Eindrücke ungünstiger. Die Wirklichkeitsferne, die immer da war, steigert sich. Die Gedanken gehen monoton im Kreise. Das Interesse an der übrigen Welt nimmt ab. Heut Nachmittag war ich bei ihrer Freundin Frau Reymann in Lichterfelde - auf einer Reise. Das Urteil der Beteiligten stimmt überein. Aber Heyses machen es sich leicht, wenn sie andern die Sorge überlassen. Im Grunde gehört doch Frau Riehl das Klösterli, und wenn einer weichen müßte, wären sie es. Ich lese fast jeden Tag einen Bogen Riehl. Das ist fast meine größte Freude. Es ist, als ob man mit diesem klaren reinen Geist noch einmal zusammen wäre.
Lubowski hat festgestellt, daß die Donaudampfer im April noch nicht gehen. Ist dies so, dann sparen wir uns das Projekt vielleicht für eine geeignetere Zeit auf und gehen von Passau aus wohin es uns gefällt. Heut wurde ich mitten in der Prüfung an Maiers Telephon gerufen; die oesterreichische Gesandtschaft übermittelte mir eine Einladung für
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| Anfang März nach Wien. Sehr ehrenvoll; der Bundespräsident sollte vor mir sprechen, eine Gründung "im Sinne meiner Ideen". Aber nicht im Sinne meiner Knochen, deshalb a limine abgelehnt.
Anders habe ich die Einladung nach Heidelberg behandelt. Hier sollte vor mir Herr Hellpach sprechen. Ich habe erklärt, daß ich nur annähme, wenn er vorher die ungehörigen Bemerkungen seines Artikels von 1920 mir gegenüber in Ordnung brächte. Angeblich würde er dies tun. Dann würde ich also am 4. Feiertag zum 1. Mal in Heidelberg reden. Schloßbeleuchtung für die düsteren Philologen findet auch statt.
So angreifend hätte ich mir das Berühmtsein nicht gedacht. Der Strom, den ich in Bewegung gesetzt habe, wächst unheimlich an. Ich kann ihn nur noch, heidelbergisch gesprochen: kanalisieren. Zu neuen Fluten fehlt Zeit und Kraft.
Ich muß wohl schließen. Du fühlst das Unausgesprochene mit aller Wärme und Treue heraus. Ich danke Dir, daß ich Dich habe, und bleibe
stets Dein Eduard.