Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, Februar 1925


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Mein innig Geliebtes!
Das Amulett oder "Skapulier" wirst Du bekommen, sobald ich Zeit habe, es zu besorgen. Ich bin so sehr ein Mensch des Auswendigbehaltens, daß ich eigentlich kaum weiß, wozu man einen Kalender braucht.
Hier sende ich Dir Neujahrsscherzartikel, die bei Harnacks (und bei Hans Taps = Delbrück) viel Freude erregt haben. Im Grunde bin ich jetzt in schweren Gedanken wegen München. Denn ich wälze einen ganzen Kosmos in meinem Gehirn. Wie gern spräche ich darüber einmal mit einem Menschen. Ich tat es auch heut mit Susanne. Aber nachher fand ich, was sie mir auf meine Bitte über Mängel der Lehrerausbildung aufgeschrieben hat. Auch wenn ich nicht das von Dora Thümmel Gelieferte daneben hätte, müßte mir die absolute Leere dieser 1½ auffallen.
Und das ist nun der Mensch, auf dessen Urteil ich "angewiesen" bin. Ich bitte Dich, Dir meine Situation nicht zu leicht vorzustellen. Man sollte sie lieber verfahren nennen.
Bitte sage mir, was Du über Felizitas gedacht hast. - Zu meinem Urteil möchte ich wiederum bemerken,
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| obwohl ich Pontoppidan nicht kenne, daß man Kunstwerke nicht direkt moralisch nehmen kann. Als heute das Bild von Riehls kam, fragte Frl. Wingeleit gleich: "was stellt es denn vor?"
Am 2.II. waren meine Cousinen 2 Stunden bei mir; hinterher hörte ich instruktiven Vortrag über das Flettnerschiff. Am 3. habe ich den hiesigen Indern einen Vortrag über das Wesen der deutschen Universität gehalten. Seitdem sitze ich über der Münchner Sache. Mittwoch 15. fahre ich mit dem Nachtzug ab u. bleibe mindestens bis Sonntag früh.
Warum müssen feste und klare Menschen wie Rösel Hecht, in der Frage, die für die Frau die entscheidende ist, so in die Irre gehen?
Cilli Oesterreich hat sich bedankt.
Hermann ist wieder in Begriff, auf etwas hereinzufallen. Ich bin ganz Deiner Meinung.
Liselotte Bürde würde von dem, was ich ihr bieten kann, hier kaum leben können. Auch ist sie doch auf m. Gebiet ganz ungeschult.
Innige Grüße Dein
Eduard.
[re. Rand S. 1] Bei dem Putsch in Reval ist der Chauffeur des Autos, in dem ich fuhr, und sein Insasse erschossen worden!

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<beigefügter Zettel>
Harnack hat mir erzählt, er habe sich 2 Jahre lang vergeblich bemüht, Troeltsch in die Akademie zu bringen. Als es endlich gelungen sei, habe die Stimmenzahl "gerade" gereicht. Ich habe nur 1 Stimme gegen mich gehabt. Du siehst, es geht da nicht alles mit rechten Dingen zu.
E.