Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. März 1925 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 10. März 1925
Geburtstag der Königin Luise.
Mein innig Geliebtes!
Vielen Dank für Deine Bemühungen im Interesse von Frl. Knoche. Sie wird nicht kommen, da sich bei ihr eine Herzerweiterung herausgestellt hat, die hier behandelt werden soll. Doch ist es möglich, daß an ihrer Stelle ein Frl. Dr. Henrich bei Euch auftaucht. Sie hat eben ihren Dr. magna cum laude gemacht, war im Seminar dieses Winters die beste, und ist ein sehr bescheidener, angenehmer Mensch, an dem Du Freude haben wirst. Sie sucht für den Rest des Monats Erholung; ob sie in Heidelberg bleibt oder nach Neckargemünd geht, bleibt Eurer Überlegung vorbehalten, falls sie überhaupt kommt.
Auch ich hätte besser getan, zunächst ein paar Tage fortzureisen. Ich sehe mit wachsendem Unmut, daß ich jedesmal am Schluß des Semesters physisch völlig verbraucht bin. Die maßlose Überanstrengung der letzten Tage hat mich ganz heruntergebracht. Wenn man fast nie vor ½ 11 oder ½ 12 zum Abendbrot kommt, ist das kein Wunder. In diesem Sinne kam nur die Trauerfeier für Ebert gelegen: Ich
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| wäre in der Tat nicht fähig gewesen, die 2 letzten Vorlesungen am Mittwoch zu halten. (Im übrigen schätze ich die Verdienste eines Mannes, der, was er selbst vom Tisch geworfen hat, kurz vor dem Hinfallen noch aufhebt, nach Gebühr; bin aber angeekelt von dem maßlosen Weihrauch, den ihm die linksstehende Presse spendet, nur um der Wahlpropaganda willen.) Das Semester schloß insofern gut, als es mir gelang, als Resultat von 8 langen, unfruchtbaren Sitzungen endlich eine in 3 Abenden verfaßte 30 Folioseiten lange, ausschließlich u. ziemlich diktatorisch von mir verfaßte Denkschrift über die höhere Lehrerbildung debattelos durch die Fakultät zu bringen. Es hätte auch sein können, daß das Ganze ohne Resultat verlief.
Gegenwärtig bin ich tief beunruhigt und mit Gewissenssorgen beschäftigt durch den sog. Fußtritterlaß des Preuß. Ministeriums vom 6.II., durch den mindestens 700 (andere sagen 1100) Seminarlehrer, die bisherigen Träger der Lehrerbildung, sämtlich auf Wartegeld gesetzt werden, mit sehr unsicheren Aussichten auf künftige Verwendung. Wie das auf diese Menschen, unter denen sich so tüchtige wie Thiele, Gebhardt, später wohl auch Schwanebeck, Herchenbach befinden, wirken muß, würde ich ohne die vielen Briefe ahnen, die ich bekomme.
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| Das ist nun wieder ein Bild unsrer heutigen Regierungsweise: die Seminare hat man zerstört; ihre Lehrkräfte setzt man außer Betrieb; wie die neue Lehrerbildung aussehen soll, ahnt niemand. Derjenige, der sie im Min. am aktivsten gefördert hat, ist aus Verbitterung über den Erlaß aus dem Amt geschieden. Zwischen den großen Gruppen der Volksschullehrer und Studienräte steht diese kleine Zahl natürlich hilflos. Da ich heut wegen der Ministerpräsidentenwahl Becker nicht erreichen kann, will ich - zum ersten Mal im m. Leben, - versuchen, einen nahe beteiligten deutschnationalen Abgeordneten zu sprechen. Ich glaube nicht, daß ich zu all dem schweigen darf.
Meine dringenden Arbeiten habe ich noch nicht aufnehmen können, da ich zu kaput bin. Auch häufen sich die Dissertationen zu Bergen; nicht weniger als 10 Audienzgesuche kamen unmittelbar nach Schluß des Semesters. Ich werde morgen 5 summarisch erledigen.
Die ganze 8 wöchige Behandlung mit den Goldringen war nutzlos. Der Zahn, der mich schon am 1. Aug. störte, mußte gezogen werden; ein anderer vorn wird bald folgen. Hinten ist alles so schlecht, daß ich entschlossen bin, alles herausnehmen zu lassen. Es fragt sich nur, welche Zeit dazu geeignet ist, da ich dann wohl wochenlang
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| nichts Festes essen kann.
Über unsre Reise denke ich so: Wir machen bestimmt Passau u. Regensburg; verzichten aber, weil die Dampfer nicht gehen, auf die Fahrt donauabwärts. Kerschensteiner, der neulich ein paar Stunden hier war (sehr nett), meinte, man solle donauaufwärts gehen, u. a. Donauwörth, (Harburg) Nördlingen.
Es wird gut sein, wenn wir dann eine Woche in schöner Natur ruhig verbringen, und ganz nach Beliebenheit u. Gelegenheit uns entschließen. Ruhe ist doch für uns beide recht nötig. Ein Auslandspaß kommt dafür nur in Frage, falls wir etwa an Heiden denken. Denn um noch weiter zu gehen wird die Zeit nicht reichen. Darüber schreibe ich Dir noch rechtzeitig; denn ich müsste ja auch das betr. Visum noch einholen. Man kann das in 3 Tagen erledigen.
Frau Riehl ist in Stuttgart angekommen u. zunächst zufrieden. Aber wie soll alles werden?
Davison wird seine Sache schon so geschickt machen, daß ihm niemand an die Klötzer pusten kann.
Habe ich Dir geschrieben, daß - hier bin ich ½
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| Stunde durch einen Studenten unterbrochen worden, den ich im Verdacht habe, daß er in wenigen Wochen bei mir die 1. Berliner Dissertation mit eximium einreichen wird. - Habe ich Dir geschrieben, daß ich die Gedenksteine auf dem Kirchhof herrichten lasse? Außerdem braucht der Lebende - 3 Anzüge!
Wir sitzen im Schnee, höchst unnötig, aber es ist doch gut, wenn der richtige Frühlingsanfang uns dann erst auf der Reise begleitet. Ich nehme an, daß Du Dich auf Architektur und Plastik von Bayern vorbereitest, um mir bildende Vorträge halten zu können. Denn ich werde immer ungebildeter.
Aber jetzt muß ich an die Arbeit - Danksagungen für Zusendungen, deren Zahl unendlich ist. Sonntag war Dora Th. hier - eine sehr Bedenken erregende Gesundheitslage.
Innige Grüße und Wünsche
Dein
Eduard.