Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Mai 1925 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 2. Mai 1925.
Mein innig Geliebtes!
Es freut mich, Dich wieder zu Hause zu wissen, schon im Interesse der Sicherheit von Frau Davison. Wenn der Onkel kommt, wird er hoffentlich über Dein Ohr Gescheiteres zu sagen wissen, als die Heidelberger Ärzte. Ich habe mich am Montag mit Zustimmung von Lubowski entschlossen, nichts ziehen zu lassen, da kein dringender Grund besteht. Zahnschmerzen habe ich z. Z. nur in den Beinen. Wenn sich etwas Neues zeigt, dann muß es sein. Ich wollte aber nicht das Semester mit Blutvergießen anfangen. Infolgedessen habe ich nun auch mit Ruhe zunächst 3 Dissertationen lesen und einen kl. Beitrag schreiben können. Die Rechnung von Lubowski für die Goldsache und 10 Behandlungen mindestens betrug 135 M. Ich habe ihm anstandshalber 200 geschickt; es ist doch keine Poliklinik.
Gleich am Sonntag war m. Vetter Imhülsen in m. Abwesenheit bei mir und brachte die Nachricht
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| vom Tode seiner Mutter. Am Donnerstag haben wir sie in Ahrensfelde, eine halbe Stunde mit dem Fernzug vom Schlesischen Bhf, beerdigt. Ich mußte zu diesem Zweck Maiers Rede in der Akademie schwänzen. Die Studiengemeinschaft, für die 75 Meldungen eingegangen sind, wird kaum mehr als 20 umfassen, die am Mittwoch Nachm. zum ersten Mal zusammentreten sollen. Ich habe 3 Stunden gebraucht, um die Gesuche zu sichten. Außerdem bin ich weiter an den Lebensformen tätig. Heut Nachm. beginnt mit der 1. Sprechstunde das Semester. Dann ist für die nächsten 14 Tage außer Sonntags kein Nachmittag frei.
Frau Riehl schreibt heute, nach einigem Hin und Her - plötzlich aus - Neubabelsberg. Ob es nun wieder zu ruhigeren Verhältnissen kommt?
Harnack täuscht sich, wenn er glaubt, daß auf seine Stimme noch gehört wird. Allgemein wirft man ihm Charakterlosigkeit vor.
Die Pfingstsache in Heidelberg habe ich endgiltig abgesagt. Muthesius hat mich wieder zur Goethegesellschaft eingeladen, aber ich werde kaum
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| hingehen. Er schreibt, daß nach einem Zeitungsbericht über den Psychologenkongreß in München die Strukturpsychologie entschieden gesiegt habe. Ludwig Klages ist der Abgott des kleinen Thieme (s. Lenzkirch.) Gestern war ich bei Knauers, traf nur sie, die mir erzählte, sie sei Biochemikerin geworden und kuriere mit Hilfe des Pendels (??) Du siehst, der Mittelstand fängt an, vom frommen Betrug oder Düpieren seiner Mitmenschen zu leben.
Daß Du Dich mit der Tante Jenny so ausgezeichnet verständigt hast, ist ja sehr schön. Das Denkmal ist doch wohl nicht ein Regimentsdenkmal? Ein solches, das vorläufig im Freien plaziert ist und später ins Armeemuseum soll, ist nämlich in seinem architektonischen Teil vom jungen Kerschensteiner. Wir waren für unsre Frühlingsreise, die ich für ein mißglücktes Unternehmen halte, schlecht präpariert. In dem Buch "Deutscher Barock" von Pinder finde ich allerhand Bamberger Bauten, die wir nicht beachtet haben.
Bei dem furchtbaren Eisenbahnunglück im poln. Korridor ist anscheinend auch einer meiner Schüler umgekommen: Dr. Friedrich Neumann, Kommunist,
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| aber ein braver Kerl.
Hellpach kann jede Melodie pfeifen. Die Antwort von Hindenburg an Marx finde ich glänzend. Im übrigen ist man hier so vermießt. Auch Rechtsstehende sprechen immer nur vom Alter des Mannes. Ich glaube aber, daß die Rechte von ihm immer noch mehr wert sind als etwa der Vollbestand von Hellpach. Und außerdem ist das Ganze zunächst Symptom der Volksstimmung. Ich hätte einen größeren Sieg vermutet. Eine arbeitsfähige Regierung in Preußen ist noch nicht gefunden. Vielleicht nächstes Jahr.
Sonst hier nichts Neues. Meistens Regen. Ich wünsche Dir Freude an Deiner Arbeit und gute Gesundheit. Die 3 nächsten Monate werden auch für mich schwer genug sein. Es fehlen aber ganz die mittragenden Mitarbeiter.
Viel innige Grüße und Wünsche
Dein
Eduard.

Vielen Dank für das Weißbrot.
Joh. Wezel schreibt heute vom Laggo Maggiore.
Mein Artikel gegen den Fußtritterlaß ist nachweislich in 4 größeren Zeitungen erschienen.