Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Mai 1925 (Wilmersdorf)


[1]
|
10.V.25.
Mein innig Geliebtes!
Anbei sende ich Dir die auf den Fall Hellpach bezüglichen Briefabschriften. Die Sache ist nicht gerade angenehm. Der tiefste Grund meiner Ablehnung ist natürlich der, daß ich ein Zusammenwirken mit diesem mir in seinem ganzen Wesen unsympathischen Menschen einfach nicht mag.
Was soll ich Dir für Erklärungen über die Veränderungen meiner Natur geben? Das Letzte läßt sich nicht sagen; es muß durchgekämpft werden. Ich fühle nach verschiedenen Richtungen hin wesentliche Kräfte in mir unerfüllt und ungelebt. An dem, was ich tun muß, nehme ich nur halben Anteil. Die Menschen erscheinen mir sämtlich in einer unerreichbaren Ferne. Daß sie meine Anforderungen an Klarheit und Energie nicht erfüllen, ist vielleicht nur die äußere Form, in der ich die tiefere Entfremdung vor mir selbst erkläre. Meine Gemütslage nimmt bisweilen krankhafte Formen an; um Gesundheit der Nerven habe ich schwerer als je zu kämpfen, weiß auch nicht, ob ich
[2]
| diesmal Sieger bleiben werde.
In dieser Gesamtlage hatte ich von unsrem Zusammensein neue Motive und innere Belebung gehofft. Vermutlich erwartete ich ein Heilmittel, das die Krankheit garnicht zu treffen vermag. Ich fand Dich zerstreut, nicht Herr der Verhältnisse, ohne Zugang zu meinem Innersten, das - zumal seit dem Fall Riehl - unter dreifachen Eisenplatten wie in einer Grabkammer verschlossen liegt. Ich fühlte in Dir außerdem den verkörperten Gegensatz zu dem, was mich jetzt quält, und das scheuchte mich noch tiefer zurück.
Aber dies Geständnis darf Dich nicht entmutigen. Du bleibst mir der Nächste, auch in diesen Zeiten. Und wenn ich nicht kaput gehe, sondern überwinde, so wird sich alles wiederherstellen. Nur Zeit mußt Du mir dazu lassen. Es ist ja nichts "vorgefallen", weder auf Deiner noch auf meiner Seite. Daß aber das Menschenleben in der Tiefe tragisch ist, sagt uns nichts Neues. Eher ist mir das Gefühl tiefgehender Langerweile neu, mit dem ich jetzt dem meisten gegenüberstehe, was mir früher wert war.
Dazu zähle ich vor allem den täglichen Beruf. Ich tue meine Pflicht. Aber die Vorlesung ist mir gleichgiltig, deshalb eine tägliche Überwindung. Im Seminar habe ich
[3]
| trotz strenger Siebung anscheinend lauter Lämmer (darunter auch Sabine Meinecke) Ich wünschte, daß einmal nicht nur Ansprüche an mich gestellt würden, daß mir auch einmal jemand etwas gäbe.
Die Eröffnung der Studiengemeinschaft wurde zu einer fatalen Situation, da alle äußeren Verhältnisse völlig ungeregelt waren. Erschöpft von der Tagesarbeit heimgekehrt, mußte ich noch einen ultimativen Rohrpostbrief an Pallat senden, der anscheinend Erfolg gehabt hat.
Frau Riehl befindet sich im vollen Frieden in Klösterli und hat den Rückzug auf der ganzen Linie angetreten. H. H. hat mir bei einem kurzen Besuch mitgeteilt, daß er sich in Breslau habilitieren wird, und zwar anscheinend mit der von mir abgelehnten 1. Arbeit, was natürlich, wenn es Erfolg hat, ein dauernd getrübtes Verhältnis zwischen Hans - Adelheid und mir zur Folge haben muß.
In der Fakultätssitzung habe ich einwandfrei festgestellt, daß H. Maier positiv dumm ist. Mit Mühe habe ich ein Schicksal von den Folgen seiner Einfalt gerettet.
Gestern bin ich im 10 fortgegangen und um ½ 10 wiedergekommen. Mein Mittag bestand in Kaffee u. Kuchen.
[4]
| Zwischendurch kaufte ich mir einen fertigen Sommeranzug, an dem mir die erste Freude durch das blöde Verhalten von Röschen verdorben worden ist.
Vielleicht schließe ich mich morgen den spalierbildenden Studenten an und verschiebe den angesagten Besuch in Nb., vor dem ich mich fürchte, auf Dienstag, wo die Vorlesungen ausfallen. Da ca 6 Dissertationen vorliegen (Gottlob nun nicht Heyse) komme ich mit den Lebensformen nicht weiter. Wenn Du die Korrekturen von Kultur u. Erziehung mitlesen willst, werde ich Dir dankbar sein.
Die Stimmung der Ruhigen in der Hindenburgsache ist so, daß keine echte Freude aufkommen kann. Röschen prophezeit für morgen Unruhen und für heute Regenwetter.
Wie wirkt die Behandlung Deiner Ohren? - Ich habe eine seltsame Schwere in den Beinen, seit ich wieder hier bin.
Quäle Dich nicht mit unfruchtbaren Gedanken, mein Liebes. Habe Nachsicht mit mir. Es wird auch wieder anders werden. Daß ich Dir im Innersten treu und gut bleibe, das ist eine Wahrheit, die sich nicht ändern kann, solange ich in meinem Wesen derselbe bleibe.
Mit innigen Grüßen u. Wünschen
Dein
Eduard.

Der Bericht über Regensburg ist nicht erschienen. Das Gruppenbild habe ich erhalten. Der Anfang der Studiengemeinschaft ist um Wochen verschoben.