Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Mai 1925 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 13. Mai 1925.
Mein innig Geliebtes!
Um die Haut, in der ich stecke, bin ich in der Tat nicht zu beneiden. Die Dinge haben sich hier genau so entwickelt, wie ich es vorausgesehen habe. Nachdem Frau Riehl mit den Klösterlibewohnern Friede geschlossen hatte, mußte der Frontwechsel gegen mich erfolgen. So ging es auch. Ich war noch nicht 5 Minuten da, so begann Frau Riehl mit Vorwürfen, daß ich es an Wohlwollen und Hilfe gegenüber der Habilitation von H. H. habe fehlen lassen u. daß ich ihm bei den Kollegen geschadet habe. Auf meine Verteidigung die Antwort: ich sei nicht gewöhnt, mir selber jemals Vorwürfe zu machen etc. - Dies alles, nachdem ich monatelang die schwersten Anklagen gegen H. H. habe mit anhören müssen.
Die Taktik dieser Unterredungen ist seit Monaten die gleiche: Erste Generalsicherung: ich bin krank, absolut ohne Kräfte, ich brauche nur
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| Schonung, nur Geduld, nur Liebe. Objektiv bestehen (für Menschen) 3 mögliche Wege. Den ersten kann ich nicht ertragen, den zweiten nicht gehen, den dritten nicht denken. Nun hilf mir. Mach aber dabei das Gesicht, das ich erwarte, und sage ja nichts, was mir etwas abfordern könnte: ich muß Dich in unbedingtem Leid und Mitleid zu meinen Füßen sehen, als Überwundenen!
Diesmal also: die Trennung von Adelheid überlebe ich nicht. (Denkst Du nicht daran, mit nach Breslau zu gehen?) Von diesen Räumen mich zu trennen, halte ich nicht aus. etc.
Es dauerte nicht lange, so begann ich mit bewußtem Widerstand. Ich bat, auch auf meine Empfindungen Rücksicht zu nehmen. Darauf 2 mal mit einer unerhörten Kraft die Äußerung: Ob du leidest, kommt überhaupt nicht in Frage. Es geht nur um mich. Nun natürlich trocknete das Letzte in mir aus. Ich erklärte mit dürren Worten, daß mir der Glanz vom Hause Riehl genommen sei, daß ich nach diesen Erfahrungen überhaupt nicht mehr eines starken Gefühles fähig wäre, und daß sie seit
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| Monaten, ja länger, für mich überhaupt nicht mehr dagewesen sei. Dies bereitete ihr anscheinend eine dämonische Freude. Monoton wurde die Liste heruntergeleiert: Was Du machst, was meine Zähne, was Felizitas. Ich antwortete so, als ob man mich nach dem heutigen Preise des Spargels gefragt hätte. Mein Versuch, in eine neutrale Sphäre zu kommen, wurde mit der Wendung beantwortet: die Seelengröße erwarte ich von Dir, daß Du unsre Beziehung in der alten Treue und Wärme erhältst. Die Unterhaltung nahm z. T. so outrierte Formen an, daß man sie nicht wiedergeben kann. Und zum Schluß die Versicherung (gegenüber meinen Bedenken, ob ihr solche Begegnungen zuträglich wären) "Mir hat das wohlgetan" - und seltsam genug: ich muß das für wahr halten.
Aus dem Zimmer heraustretend, werde ich von H. H. in Empfang genommen. Gartenszene. Beleuchtung von der andern Seite: man spielt sich gegenseitig Theater vor. Der Besucher soll fähig sein, die Rolle auch gleich zu wechseln. H. H.
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| aber geht auch gleich aufs Ganze: Es sei auch zwischen uns nicht so, wie es sein sollte. Darauf habe ich ihm in einem klaren Satz gesagt: Ja, meine Empfindungen gegen ihn hätten deshalb eine Verschiebung erfahren, weil ich zu Zeiten das Maß von Energie in ihm vermißt hätte, das er für seine Pläne hätte aufbringen müssen. Erörterungen, daß es anders nicht gegangen wäre. Ich bemerkte in aller Ruhe: wir stünden auf den Trümmern von Karthago: das Vertrauen sei - durch Schicksal, nicht durch Schuld - zwischen allen Beteiligten getrübt, und wiederherzustellen sei bei der Komplikation der Verhältnisse nicht viel. Verabschiedung mit der Versicherung, daß man es auf beiden Seiten an gutem Willen nicht fehlen lassen werde.
Das Verhalten von Frau Riehl ist psychische Erpressung. Der Fortgang wird angenehm sein. Zunächst erwarte ich morgen einen langen Brief. Jede Begegnung wird eine Szene werden, und sie wird es bei der ungeheuren Klarheit ihres Systems so zu wenden wissen, daß der Bruch
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| genau in dem Moment erfolgt, in dem ich im Unrecht bin; (natürlich nur von mir. Sie bricht nur dann mit mir, wenn sie einen anderen findet, den sie quälen kann.)
Dies ist also die Hauptszene. Daneben läuft eine wohlorganisierte Aktion gegen meine Psychologie, die anscheinend mein "Freund" Krüger in Szene gesetzt hat und deren Stil genügend gekennzeichnet ist, wenn ich sage, daß die erste Kunde davon in der Leipziger Lehrerzeitung stand und daß ein absolut fernstehender Dritter es für nötig hielt, mich zur Abwehr aufzufordern. Ich selbst habe das Objekt noch nicht gesehen, habe auch wenig Lust, mir die Seele damit zu belasten.
Mein Liebes - dies alles sind nur Teile. Sie genügen aber um zu erklären, daß mein Menschenoptimismus eben nicht in Blüte steht, und daß eine realistische Welle in mir (die Du nicht richtig deutest) sehr günstige Gelegenheit hat, sich auszubreiten. Was mir hochstand - Geisteskrankheit. Beifall zum Werk - kritiklos, belanglos. Der gute Name jedem beliebigen Skribenten zur Verfügung. Es war nie anders in der Welt. Aber man verhüllt
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| sich das mit Schleiern, so oft und so lange die Produktivität quillt. Setzt sie aus, so fragt man sich, warum man nicht das Leben an anderen Stellen packt und kostet [über dem gestrichenem Wort] genießt, die zwar auch nur Illusionen sind, aber weniger Kampf kosten und die Zeit ebenso gut ausfüllen.
Hindenburg - das ist noch eine trostreiche Größe: alles so tun, als ob man den Glauben nicht längst verloren hätte - der Mann muß ja den Glauben verloren haben - das nenne ich dienen, bis man Gott und Teufel zugleich überwindet. Und siehst Du, so was hat der Goethe nicht dichten können. Das erst wäre der deutsche Faust. Warum tut das der Mann?
Ich habe ihn gesehen, einen Moment. Aber ich habe gesehen: der Mann ist frei von Illusionen. Er ist über das Letzte hinaus.
Und danach war ich - aus Zufall - bei Lederer im Atelier. Eine Stunde Anschauungspsychologie. Um eine Novelle zu schreiben. Und wie etwas heraus kam aus dem Männchen von Großsein und
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| Ergriffenheit, da war es Preußen, preußische Idee, preußische Kunst.
Wo aber ist Preußen? Es ist da, wo Sparta ist, eine Legende. Die Seiltänzer regieren, und die Juden machen die Meinung des Volkes.
Herchenbachs Eduard Hugo Wolfgang ist angekommen.
Mit einem riesigen Schnupfen ist endlich die schwere Erkältung aus mir herausgekommen, die ich seit Tegernsee in mir hatte, und die auch die Ursache der Schwere in den Gliedern war.
Mit Röschen ist es oft schwer. Ich habe so wenig Geduld mit der Dummheit. Und manche haben so viel davon.
Grüße den lieben Onkel und verlebe gute Tage mit ihm.
Innig
Dein
Eduard.

[re. Rand S. 6] Stedelin S. 134.