Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Juni 1925 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 4. Juni 1925.
(Der Zustand auf dem Kirchhof ist jetzt sehr würdig und schön.)
Mein innig Geliebtes!
Soeben habe ich die "Lebensformen" für die 5. Auflage fertig gemacht und verpackt. Es war eine harte Arbeit, die nebenbei geleistet werden mußte. Ob etwas Gescheites daraus geworden ist, weiß ich nicht. Ganz grundsätzliche Umgestaltungen mußten ja vermieden werden. Zum Schluß hat sich herausgestellt, daß in der Tat ein 7. Typus fehlt: der vitale Mensch. Ich mußte den wohl auch erst in der Form von Kampf und Sehnsucht erleben, um ihn "sehen" zu können. Aber einfügen ließ er sich natürlich nicht mehr. Nur ein paar erwägende Bemerkungen konnten eingeschaltet werden. Manches ist wohl richtiger geworden, so der Abschnitt über die Rangordnung der Werte - aber noch nicht voll befriedigend. Der Umfang wächst auf mindestens 450 Seiten.
Eben kommt Dein Brief, den ich erst lesen will.
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Was Sie da sagen, ist nicht viel wert: Aber das Bild ist hübsch, und ich habe mir die Brille aufgesetzt um es zu betrachten. Sie liegt ja da gerade vor mir. Daß der Abschnitt über die Rangordnung der Werte ganz im protestantischen Sinne ausgebaut ist, wirst Du bemerken. Heut bekam ich auch eine Anfrage, ob man mich von der Partei der "Freien Volkskirche" als Kandidaten für die Brandenburgische Provinzialsynode aufstellen dürfe. Ich werde antworten, daß ich nie und nirgends mich von einer Partei aufstellen lassen werde.
Ach, mein Liebes, es ist so wenig Gutes zu berichten. Ich kann unter dem Druck der maßlosen Arbeit und meiner besonderen Lebensverhältnisse nicht so aufleben, daß ich leisten könnte, was in meiner Bestimmung liegt. Ich verzehre mich in der Tagesarbeit.
Die Ungemütlichkeit fängt in der nächsten Nähe an. Der Zustand mit Frl. W ist nicht angenehm. Er erinnert an die Ewertzeit, obwohl die Arbeitsleistung einwandfrei und die Renitenz mehr eine stille ist. Wir finden in nichts zu einander. Vor 3 Wochen, als ich hörte, daß sie noch nicht in Potsdam gewesen sei, bot ich ihr an, für sie und
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| ihre Freundin einen Tagesausflug zu finanzieren. Sehr erfreut, aber die Freundin konnte nicht. Nun versprach ich ihr einen Ausflug mit Susanne und mir. Er mußte verschoben werden, bis es mir besser ging, und das war erst gestern der Fall. Am Tage vorher ließ ich durch Susanne fragen, ob sie sich durch etwas Regen abschrecken lassen würde. Nein, und wiederum sehr erfreut. Am Morgen (cf. Karte) sprühte es bei 9° [über der Zeile] 8 Uhr früh noch etwas nach dem Gewitterregen der Nacht, dem ersten seit 4 Wochen. Natürlich konnte niemand sagen, ob es besser werden würde. Nunmehr wörtlich folgendes Gespräch: W: "Na, heute können wir Kahn fahren." E: Nun, ich will Ihnen nicht zureden; aber ich fahre. W: I Gott bewahre, es ist viel zu n "Dann glückliche Reise! ........... I Gott bewahre, es ist viel zu naß von unten und außerdem zu kalt. Potsdam wird ja nicht abgerissen." Ich sagte garnichts, sondern fuhr mit Susanne fort, und der Tag wurde einer der schönsten, die wir gehabt haben. Natürlich gingen wir nicht nach Sanssouci, sondern in den Wald. - Ist das nun eine Art, sich zu äußern? kein Wort: es tut mir leid, aber ich fürchte mich vor dem Wetter ........ Als ich um ¾ 9
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| nach Hause kam, war niemand mehr zu sehen. Offenbar Ärger und Beschämung: Ich komme auf den Plan nicht zurück. Es versteht sich doch, daß ich ihr nichts Schädliches zugemutet hätte, wo ich sie doch noch nicht mal an den Briefkasten oder gar zur Post schicke.
Alles, was vernünftige Erwägung fordert, muß mit Susanne besprochen werden. Deren häufiges Erscheinen verbessert (vermutlich) die Stimmung nicht. Aber ohne sie wäre ich buchstäblich ohne jede Möglichkeit, mal ein Wort über häusliche u. andere Fragen zu reden. Dadurch wird nun das Band immer enger, dieses Band, das von ihrer Seite stärkste Lebenserfüllung bedeutet, für mich aber Grenzen behalten muß. Es ist da schwer hindurchzufinden.
Am schlimmsten ist es mit Neubabelsberg. Ich bringe die Kraft zu diesen Besuchen nicht mehr auf. Jedesmal wird alles bis in das Letzte durchanalysiert; jeder bekommt seine Zensur in der Liebe (Lore, die da war, und ich Nr. 4, Adelheid Nr. 1.), niemand aber merkt etwas von Liebe oder auch nur von tieferem Interesse. Es ist ein Quälen genau bis zu dem Punkt, daß der andere - aus Treue - gerade noch wiederkommen kann.
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Vor Jahren habe ich mir sagen lassen müssen, es fehle mir an deutscher Gesinnung, weil ich vorsichtig und hypothetisch Stresemanns Politik nicht verurteilte. Heut soll ich mir vom Verleger 1000 M schicken lassen und an sie weitergeben, weil alles, was an sie direkt per Post kommt, der Steuerbehörde bekannt wird. Ich habe natürlich dies Ehrenamt nach beiden Seiten hin abgelehnt. Das Ganze soll nun nur harmlos "nach Frauenart" gewesen sein. Mein Gesicht, auch wenn ich garkeins mache, wird als ironisch und abweisend bezeichnet. Rate ich im Sinne dessen, was sie haben möchte, so erklärt sie sofort, daß sie niemals von irgend jemanden um ihretwillen Opfer annähme. Hans ist zu mir, nach der Wendung der Dinge, distanziert. Adelheid habe ich seit 4 Monaten nicht gesehen. Natürlich sind die beiden mit mir längst fertig.
So geht es nun nicht weiter. Entweder es handelt sich um ausgesprochene, nicht beeinflußbare Krankheit, dann muß ich meine Besuche einstellen, um das Bild früherer Zeiten ungetrübt zu erhalten. Ich kann mich auch von einer Kranken nicht mißhandeln lasse, obwohl ich ja glauben muß, irgend eine Freude bereiten ihr diese qualvollen Stunden doch.
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| Oder es handelt sich um eine Krankheit, die noch beeinflußt werden kann (wie Kurzrock, der aber kein sehr tiefer Seher ist, für möglich hält.) Dann muß einmal alles in Liebe und Klarheit, aber brieflich, ausgesprochen werden. Dazu bin ich beinahe entschlossen. Ich will aber nicht, daß mein Brief nachher als Ursache eines Herzversagens aufgefaßt wird. Deshalb werde ich Kurzrock und Dir den Brief vorlegen. Ich bitte Dich, ihn mir mit Deiner Äußerung u. Änderungswünschen so bald wie möglich nach dem Termin des Eintreffens zurückzusenden. Im Augenblick kann ich meinen Kopf dafür noch nicht frei bekommen (wenn überhaupt je?)
Bei einem anderen würde man manche Methoden schamlos nennen müssen. Susanne, die nie als Mensch für sie existiert, wird aufgefordert, 3 Nächte in Klösterli zu schlafen, obwohl das Mädchen da ist, nur Hans und Adelheid verreist sind. Sus. hat sich mit Recht nur für 1 Nacht bereit erklärt. Denn sie braucht ihre Ferien, da sie in vielen Oberklassen anstrengenden Dienst hat. - Lore, die jetzt in Leipzig viele Schülerinnen hat und 350 M im Monat verdient, ist ein ganz lieber,
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| tapferer Mensch und wird wohl der einzige sein, den ich vom Riehlschen Kreis behalte. Du wirst verstehen, daß meine Empfindungen sonst einfach schon halb tot getreten sind. Ich befinde mich bald in der angenehmen Lage, mich an niemanden mehr hier durch ein tieferes persönliches Band gebunden zu wissen. -
Am 2. Feiertag hat mich Anderl Witting, der von Leipzig aus Berlin besichtigte, ganz überraschend kurz besucht. Es ist doch gut, daß damit nun das Verhältnis des Maulens beseitigt ist. Für Felizitas genügt es wenn Du schreibst: Haushaltungsschule der Frau Baronin v. Horn, München-Schwabing.
Tante Vally hat mir 1¾ Stunden lang die Schwierigkeit der Familie Salomon in Leipzig mit dem einen Sohn geschildert. Ich hoffe nun alles zu wissen.
Jeder Seminarlehrer trägt mir sein Leid u. seine Sonderwünsche vor. Das Ministerium aber läßt die ausdrücklichen Landtagsbeschlüsse einfach unausgeführt. Nur Richter macht den Eindruck eines anständigen, feinen und klugen Menschen. Wir haben neulich 4½ Stunden mit
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| ihm konferiert, an einem Tage, der für mich mit einer ½ stündigen Kaffeepause von 10-9 dauerte, abgerechnet, was ich zu Hause arbeitete.
Es scheint, daß die lokale Sache in der Kieferhöhle beseitigt ist. Auch sonst hat sich der Zustand gebessert, obwohl mich die Partie gestern noch recht ermüdet hat. Morgen will ich noch einmal für einen ganzen Tag fort - als Reiseersatz. Die Rede in Frankfurt am 20.6. will ich abzuwälzen suchen. Am 2. Juli muß ich meine 8 Minuten lange Antrittsrede in öffentlicher Akademiesitzung halten; am 6. Juli für die Kinderärzte (zwangsweise) sprechen.
Recht schwer geworden ist mir noch die kurze Ansprache im Vaterländischen Frauenverein. Aber die Bekanntschaft mit der Kronprinzessin, die sehr natürlich auftritt, war mir angenehm.
Du hast Dir sehr viele Mühe mit den Korrekturen gemacht. Ich bin dazu noch garnicht gekommen, weil ich mal erst durch die Lebensformen durch muß, von deren 28 Bogen bis jetzt nur 10 erledigt sind. Quelle ist übrigens ernsthaft krank gewesen, hat aber die Korrespondenz mit mir immer noch erledigt.
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Von der nächsten Woche an hoffe ich eine Sekretärin zu haben. Frl. v. Halle, geb. in Heidelberg. Ich habe sie aber noch nicht gesehen.
Die guten, aber doch auch in vielem drückenden Tage Deines Zusammenseins mit dem Onkel kann ich wohl nachfühlen. Es ist gut, daß er dann in Cassel zunächst auch einmal allein sein kann.
Mit Saupe macht bitte nicht viel Umstände. Er gehört nicht mehr dem Geist an, den wir pflegen. Mitleid mag man mit ihm haben, aber daß ich nicht für Anhören eines unfruchtbaren Querulantentums bin, weißt Du aus dem anderen Falle.
Frau Maier war während meiner Krankheit sehr herzlich und gut zu mir. Es sind überhaupt im Kern liebe Leute, obwohl man manchmal über ihn schimpfen muß. Von Troeltsch soll Gruhle gesagt haben, er sei ein geistiger Hochstapler gewesen, was mir neu ist.
Fast täglich werde ich um auswärtige Vorträge gequält. Geht es so weiter, werde ich mal die Maxime machen: überhaupt nicht. Zunächst habe ich Riga für diesen September abgelehnt, aber für nächsten September eine Einladung zum Inter
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|nationalen Psychologenkongreß in Groningen angenommen. Anfang Oktober rede ich im Fröbelverband in Bremen, im Anschluß daran habe ich 4 Tage für Deinstedt bei Bremen zugesagt. Wie kann man neben der Studiengemeinschaft, die mir auf Fernsicht noch garnicht gefällt, viel anderes von mir verlangen?
Nun habe ich wohl mal wieder alles ausgekramt. Aber Du darfst nicht zürnen, wenn das selten vorkommt. Ich möchte wohl, aber ich kann nicht. Umso dankbarer werde ich Dir sein, wenn Du Böses mit Gutem vergiltst und mich immer hören läßt, wie es Dir geht und was Du tust.
Bitte grüße den Onkel, den Vorstand und Frl. Seitz. Ich bin mit innigen Grüßen wie immer
Dein
Eduard.