Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Juni 1925 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 28. Juni 1925.
Mein innig Geliebtes!
Zwanzig Briefe sind heut schon geschrieben, eine Dissertation erledigt, 2 Stunden mit einem amerikanischen Professor vertan, und zuletzt ein Geleitwort für Riehls Kritizismus II geschrieben worden, für das Hans Heyse einen unmöglichen Entwurf gemacht hatte. Es ist 11 Uhr, und die Blüte des Tages wie der Kraft ist dahin. Aber da die nächste Woche noch schlimmer besetzt ist, muß ich Dir heut danken und antworten, wenn es nicht unmöglich lange hinausgeschoben werden soll.
Dein lieber Brief zeigt Dich in traurigen Konflikten. Das Traurigste an solchen Entwicklungen ist doch, daß sie die Gefahr in sich enthalten, ganze vergangene Epochen als einen Irrtum zu enthüllen. So ist es nun nicht. Denn auf jener Seite liegen Werte, die Liebe verdienen. Aber es gibt Menschen, die wachsen, und solche, die stillstehen bleiben oder gar schrumpfen. So ist es jetzt.
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| Daher der Konflikt. Den Einzelanlaß kenne ich nicht; er ist ja auch gleichgiltig. Mit 70 Jahren ändert sich niemand mehr. Und die Hauptsache ist: wo Frauen allein miteinander leben, ohne männlichen Zusatz, da ist immer die Gefahr des Verspießens gegeben. Es ist gut, daß du das fühlst. Sieh dir nur einmal Euer gemeinsames Bild an. Da zeigt sich etwas, vor dem man sich wehren muß. Als ich es zuerst in der Hand von Frl. Dr. Henrich sah, war ich auf unangenehme Weise berührt. Deshalb tut es mir geradezu wohl, Dich jetzt in Opposition gegen - dieses Bild zu finden. Du weißt ohne Worte, daß ich damit nicht aufreizen will. Aber auch das gewaltsame Friedenhalten und Gutsein ist nicht meine Meinung. Du mußt eben Deine Welt so reservieren, daß Du von der anderen nicht mitgerissen wirst, sondern aus dieser Welt sicher in jene hinüberwirkst. Den Charakter wirst Du nicht ändern. Aber glaube mir: wer etwas ist, an den wagt sich niemand heran, höchstens in einer Zeitung, und das wird ja hier nicht eintreten.
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Ich möchte allerdings, daß Du führst, nicht geführt wirst. Im Äußeren spiegelt sich Inneres. Du hast z. B. keine Vorstellung, wie Dein eigener, hervorragender und sicherer Geschmack allein in Kleidungsfragen in der letzten Zeit irregeführt worden ist. Es hat Jahre gegeben, wo ich so etwas für gleichgiltig hielt. Heut denke ich anders. Der Mensch ist eine Einheit.
Wir wollen unsre Kämpfe mit einander, nicht gegen einander führen. Du weißt, daß auch ich in schweren Nöten bin. Warum soll man sie nicht nennen, wie sie sind? Ich habe in jungen Jahren eine Seite meines Menschen nicht ausgelebt. Ich bin aber wirklich ganzer Mensch, nicht bloß Kopf, Schriftsteller, Erzieher. Schon oft sind die Realitäten jener ungelebten Zone stürmisch in mir geworden. Jetzt rütteln sie an mir, ich weiß es, nicht um mich zu unterwerfen, sondern weil es notwendig ist, daß ich jede Realität in mein Weltbild aufnehme.
Du weißt weiter, daß in meiner Nähe ein Mensch ist, der auch diese Realität ver
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|körpert, und daß ich ihn außerdem seelisch lieb habe, ja, weil ich ihn immer mehr achte, so auch immer mehr lieb gewinne. An dieser Stelle pflegst Du einen Kurzschluß zu machen, der mich ärgert. Denn alles dies wäre ja nur ein halbes Problem, wenn nicht diese Seele nur halb zu meiner Seele paßte und - diese Vitalität nur halb zu meiner paßte. Und erst darin liegt das Schlimme, das Unfruchtbare. Ich bin damit an einem toten Punkt. Die eine Lösung wäre der bewußte Irrweg, die andere - ist überhaupt nicht zu sehen ohne Untreue nach tausend Seiten.
So aber spricht nur jemand, der sich seine Lösungen sehr leicht macht. Denn da ich altmodisch genug bin zu glauben, daß der Mensch vor kein Schicksal gestellt wird, das für ihn nicht fruchtbar werden könnte, so glaube ich, daß es hier sehr wohl eine Lösung gibt: das Starksein und das Überwinden. Und dabei würde ich vielleicht Festigkeit finden, wenn nicht der
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| eine schmerzliche Punkt bliebe, daß das, was für den Mann der Weg aufwärts sein kann, für die Frau Sinnverfehlung bedeutet. Und da finde ich nicht heraus; aber ich glaube auch: dafür kann ich nicht.
Du siehst, ich habe Dir alles gesagt, wohl kaum viel Neues. Ich habe Dir damit bewiesen, daß Du für mich hoch oben stehst. Denn von Konflikten spricht man nicht zu dem, der selbst Partei ist. Und wenn auch in Dir etwas sein muß, was Partei ist, so ist es deine Bestimmung, dich mit mir in dem Teil unsres Wesens, d.h. ganz, zusammenzufinden, der nicht Partei nimmt, sondern sich darüber läutert. In diesem Sinn wirst Du mir helfen und, wie bisher, den Menschen, der in ein unseliges Schicksal verflochten ist, mit in Deine Freundschaft einbeziehen. Er ist durch Leiden Deiner wert, und durch Reinheit, die nicht so irgendwie "modern", sondern absolut zu deuten ist.
Schon früher sagte ich Dir, was hinzukommt. Das alles ist nicht Privatsache. Ich habe zu lehren und zu führen. Ich kann nicht anderen als Lösung zu
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|muten, was ich nicht in mir selbst gelöst habe. Das ist der tiefere Grund meiner jetzigen Unlust zum Lehramt. Und gerade jetzt bin ich fast nichts als Lehrer.
So laß uns unser beider Schwierigkeiten offen und frei miteinander tragen. Ich muß gewiß sein können, daß Du Dich aus anerzogenen Familienvorstellungen losmachst, nicht um mit mir in Regionen zu gehen, die ich verwerfe, sondern um den Menschen zu sehen, wie er ist. Diesen Willen in Dir muß ich erst fühlen. Dann werde ich auch mündlich wieder reden können zu Dir, was ich in Baden-Baden, in Lenzkirch, in Tegernsee nur halb konnte, weil ich Dich gebunden fühlte.
Und nun genug für heut.
Deine liebe Sendung war in jedem Stück gerade das, was ich brauchte. Alles macht mir große Freude und ist die Wahl eines lieben und gescheiten Herzens, bis auf die Farbe der Kravatte, d. h. diese exclusive. Schweitzer habe ich mir gewünscht. Friedrich lockt mich riesig,
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| ich liebe ihn aus der Ferne. Leider komme ich vor den Ferien nicht einmal zum Nippen. Der Bamberger Dom - ebenfalls begehrlich ersehnt. Die Bürste, von der ich nicht hoffen will, daß sie ein Symbol sein soll, ist sehr notwendig. "Regenwürmer freut man sich, wenn man findet." Und nun vor allem die Bilder in der Mappe, teils heiter erinnerungsvoll (der Philosoph u. der andere Hammel), teils prachtvoll in der Wirkung, besonders das von der Weißachbrücke. Einige kann ich nicht ganz sicher identifizieren. Hättest Du doch die Namen dazu geschrieben.
Der Geburtstag war eine Strapaze 1. Ranges. Von 11-1 Kolleg. Wie schön, daß um 9 Adalbert Körner erschien, und als ich ihn glücklich herauskomplimentiert hatte, tauchten Ludwig u. Zymalkowski mit der Mine zweier Studienräte auf, die zufällig schulfrei haben und bereit wären, bei einer Flasche Wein auf 3 Stunden zu bleiben. In der Universität Bernhard u. Erika. Viele Blumen, zahllose Briefe etc. Mit Frau Riehl war es gut, trotz innerer Angst auf m. Seite. Nun aber macht sich Spannung zwischen
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| mir und dem jungen Paar bemerkbar.
Um zu motivieren, daß ich abbrechen muß, ein Bild der nächsten Woche:
Montag:10 Uhr Bank.
11 Uhr Kommissionssitzung
11 ¾ Stadtrat aus Frankfurt/M.
12 Uhr 2. Kommissionssitzung. (bis ½ 2)
}bleibe in der Stadt.
½ 4 1. Student.
42. Student.
4 ½ 3. Student.
5-8 Staatsexamen.
Dienstag: 9 UhrAssistentin. (unbrauchbar.)
12 Uhr Student.
5-7 Seminar. (Vorbereitung??)
7 ½ Galaeinladung zu Roethe.
Mittwoch11-1 unvorbereitete Vorlesung.
3-5 Sprechstunde.
5-7 ½ Studiengemeinschaft.}Schwänzen einer sehr
½ 8 Einladung zu Lüders}wichtigen Senatssitzung.
Donnerstag:10eine Amerikanerin,
11 ein Schweizer
12 ein Perser.
5 UhrFestsitzung der Akademie.
Bitte, wo ist da Vorlesungsarbeit, Dissertationen, Korrespondenz
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| unterzubringen?
Die Korrekturen wollen auch gemacht sein. (Euer Gnaden lassen in jedem Aufsatz ca 5 Fehler stehen)
Über Reisepläne kann ich heut nichts sagen, weil ich noch garnicht entschlossen bin. Jedenfalls müßte die Erholungsreise vom 8.VIII bis 15.IX sein. Vom 1.-15.X sind Vorträge auswärts.
Nun muß ich aber aufhören. Es ist tiefe Nacht. Die Hand will nicht mehr. Habe innigen Dank und sei mit mir vereint in ewiger Liebe.
Dein
Eduard.

Heut ist ein sehr interessanter Vortrag erschienen, den ich selbst gehalten zu haben mich erinnere. Diesmal heiß ich: - Werner Spranger.
Teubner will das Blatt neu drucken. Ich hatte es noch nicht bemerkt.
Du, ich bin eigentlich doch ein fabelhafter Arbeiter. So ein Semester und noch nicht tot - das ist aller Ehren wert. Aber noch 5 Wochen!!
<li. Rand> Lebensformen bis Bogen 19 erledigt. 20-28 noch zu machen. Probeeinband, den Niemeyer rühmte, als geschmacklos abgelehnt.
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<beigefügter Zettel mit gedruckter Einladung auf der Rückseite>
Ich wollte mir von dem Stoff, den Du mir geschenkt hast, einen Talar machen lassen. Es stellte sich aber heraus, daß dazu 7m erforderlich sind, während dies nur 2m waren. Ich habe nun das Luxusobjekt (257,50 mit Barett) doch bestellt, u. werde Dir den Stoff zur eignen Verwendung dankbar zurücksenden.
E.