Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. August 1925 (Villingen, Postkarte)


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13.VIII. M. L! Wenn Du geneigt bist, mich für einen Edelstein gelten zu lassen, so befinde ich mich jetzt in der seltsamsten Fassung, rein Judas. Von dem Stamme ist nur noch der Graf Nebelkröte da, der aber ebenso wie seine Gattin völlig dekrepid ist. M. Zimmer schlauchartig schmal, mit kl. Balkon, hübschem Blick auf Parkwiese, hohe Tannen u. kl. Wasserfall der Kirnach, für m. Zwecke ganz geeignet. Viel Gesellschaftsräume, nachm. u. abends Hauskapelle, gestern Tanz, also doch wohl täglich, aber harmlos, durchaus familienhaft. Es scheint, daß man hier ganz für sich leben kann (u. muß.) Stadt fast ¾ Std. entfernt; konnte Inneres gestern nicht mehr sehen. Stadtseite jedenfalls ganz kahl. Rückseite jedoch anscheinend endloser Wald, alles auf der Höhe. Luft kräftig u. zunächst berauschend, unzweifelhaft gesund. Kurz: veredeltes Stutenhaus. Kellner (zahllos) im Frack. Obwohl man v. Berlin nicht gerade hierhin muß (sondern besser wohl nach Elmau ginge, was verwandt im Stil, doch einfacher, wird es für 14 Tage auszuhalten, ja ganz zweckmäßig sein. Leider regnet es
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| nur so Eilbriefe vom A. A., von Akademie etc. Muß heute gleich einen Arbeitstag machen. Diese Karte schreibe ich an einer Stelle, die an Freudenstadt (Waldrandweg hinter Stadtbhf.) erinnert. Freudenstadt bietet unzweifelhaft mehr, hat auch nicht mehr Juden u. nicht höhere Preise. Aber dies ist neu u. kurz - man muß auch so was mal gesehen haben. Seit 17 Jahren bin ich z. 1. Mal allein in der Sommerfrische. Es ist eigenartig, wie anders das wirkt als damals. Man ist aus der Sentimentalität heraus. Aber heilsam ist es sehr, um einmal wieder die richtigen Dimensionen der Dinge zu <li. Rand S. 1.> sehen. Sobald ich weitere Eindrücke habe, mehr. Für heut inngen Gruß u. Dank Dein <Fuß S. 1> Eduard.