Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. September 1925 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 9. Sept. 25.
Mein innig Geliebtes!
Ich hoffe Dich gut zu Hause angekommen und trotz mancher Anstrengungen dieser Reise ein wenig erfrischt. Meine Fahrt ist gut verlaufen. Unangenehm war nur das Stück Lindau - Hegge in dem von üblen Menschen überfüllten Zuge. In Hegge wartete Schaidnagl. Dann hatte ich den guten Gedanken, mir ein Billett II. Kl. zu nehmen. So fuhr ich die schöne Strecke bequem und fast allein. Es waren Stunden, zu denen ich gern "verweile doch" gesprochen hätte. In Reutte hatte ich 1 Stunde Aufenthalt, suchte auf der Veranda meinen Terlauer zu trinken, mußte aber wegen des kalten Windes immer hin- u. hergehen. Auch jetzt noch würde es mich nicht reizen, länger als 1 Stunde in Reutte zu sein. Die Kälte nahm sehr zu, zumal da ein Fenster zerbrochen war. In Ehrwald stand die große Mauer der Zugspitze (auf der Felizitas tags zuvor in schwerem
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| Schneetreiben gewesen war, in goldenem Abendlicht dicht vor dem Bahnhof. Als wir nach Griesen kamen, wurde es schon dunkel, viel früher als am Bodensee. Felizitas erwartete mich, und bis ¾ 11 saß ich dann noch mit Frau W. zusammen. Ich hatte gerade noch Besinnung, von der großen Post einen ärgerlichen Brief zu lesen, und schlief dann mit Vertrauen ein wie immer. Erst heut erfuhr ich, daß hier ein Fassadenkletterer tätig ist, der sich auch in den Hotelzimmern unter den Betten versteckt.
Der betr. Brief war vom Ministerialdirektor Schüler. In großer Länge und - ich weiß nicht: erstaunlicher Klugheit oder Dummheit, setzte er auseinander, daß ihm die "Intuition" gekommen sei, den Aufsatz für einen eigenen Vortrag zu verwerten (mit gelegentlicher Nennung .. des Namens). Gestern brachte Felizitas schon ein Telegramm mit, in dem er sofortige Antwort erbat. Ich habe vorhin telegraphiert: "Erbitte höflichst Abdruck im Katalog gemäß ursprünglicher Vereinbarung."
Es geht heut ein seltsamer Wind, der sehr müde macht und die Berge uninteressant erscheinen lässt.
Erst heute früh, mein Liebes, fand ich Deine wunderschönen Geleitworte. Ich danke Dir von ganzer Seele dafür. Daß ich selbst jetzt nicht
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| den Schwung zu irgend einer Äußerung finden würde, habe ich Dir ja gesagt. Ich bin Dir auch dafür dankbar, daß ich mich zu Dir über mein inneres Leben aussprechen darf und daß Du Geduld mit mir hast. Unser Band ist unzerreißbar. Nur ist es jetzt in mir erschrecklich leer. Vielleicht wird es einmal wieder anders. Das Beamtenmäßige meiner Existenz freilich ist schwer zu beseitigen. Es bleibt nicht einmal Zeit, um irgend eine Seele mit ganzer Kraft und Tat zu lieben. Unsre Epoche konsumiert die Menschen Stunde für Stunde, ohne daß sie's merken, bis sie "tote Seelen" sind.
Auch für die warmen Handschuhe herzlichen Dank.
Hier hat mich Burdach besucht, ist aber schon vor m. Ankunft abgereist. Ob ich nach dem Barmsee gehen soll?
Ich werde zum Kaffee befohlen. Darum nur noch einmal einen herzlichen Händedruck über die weite Entfernung hin, die wieder zwischen uns liegt. Aber sonst ist nichts zwischen uns und soll nichts zwischen uns treten. Mit innigen Grüßen
Dein
Eduard.