Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Oktober 1925 (Berlin-Wilmersdorf)


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<Stempel: Professor Spranger
Berlin-Wilmersdorf
Hohenzollerndamm>

12.10..25.
Mein innig Geliebtes!
Ich habe Dir so lange nicht schreiben können, daß ich heute nicht weiß, wo ich anfangen soll. Am besten erzähle ich chronologisch. Du hast wohl gemerkt, daß es mir in Deinstedt gesundheitlich nicht besonders ging. Nachdem ich mit der Verdauung ein wenig in Ordnung gekommen war, kam - auch infolge von Überanstrengung der Stimme - eine starke Erkältung, so daß jeden Tag eine andere Not war. Die Sache selbst ist wohl die merkwürdigste, dich die ich auf diesem Gebiet erlebt habe. Es gehörte etwas dazu, um zunächst all die sichtbaren Gegeninstanzen zu überwinden. Das Rattennest als Tagungsmittelpunkt. Am Hauptsandweg das Schulhaus, zum Wohnen für 6-7 Leute geeignet, mit ca 20 belegt, wobei der Redner noch 2 Zimmer (aber keinen Haken) ganz für sich hat. 5 Damen in 1 Zimmer, darunter die beiden guten Pappenheime aus Berlin. 4 Minuten vom Schulhaus ein strohgedeckter Stall a. dato 1731, soeben unten umgebaut zum Tagungsheim, 2 große Zimmer, 1 kleines u. Küche. Zunächst kein Weg fertig, innen geschmackvoll farbig, aber noch feucht, nur Kerzenbeleuchtung.
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| Ein altes Bauernhaus und ein kleines Stück Wald angrenzend. Umgegend ohne jeden auffallenden Reiz, aber doch im Herbst, wenn klar, nicht ohne Tiefe. Gottlob hat es kaum geregnet. Es wäre furchtbar geworden.
Teilnehmer ca 25. Keine Begabung, keine hervorstechende Individualität, keine eigentliche Vorbereitung. Nur 2 Vettern in humoristischer Antithese, und der eine mit dem halben Goethe auswendig im Kopf. Der einzige Vollakademiker Dr. Jordan verläßt mit s. Frau mitten in der Tagung infolge von Konflikten den Ort. Du wirst denken: ein schönes Minus. Und doch war es das nicht. Vielmehr ging alles recht gut aus. Am letzten Volltage brachte ich den Faustgedanken (per Zufall) zu unerhörter Wirkung, daß alles still war. Nachm. auf m. Antrieb schöner Spaziergang in das große Dorf Selsingen mit Wirtshausbesuch und gemeinsamer Heiterkeit. Das alles aber nur Beiwerk. Tietjen ist das eine Geheimnis. Ein Mann, dem ich folge, selbst in den Unsinn, weil er echt und fest und wollend ist. Frau Tietjen das andere, größere. Garnicht schön. Aber dies Mitgehen mit den Idealen des Mannes, diese Kraft des Tuns und Leidens, - und dabei doch wieder die weibliche Sorge um die finanzielle Möglichkeit, um die Kinder und die eigne engere Welt - das zu sehen war ergreifend, zumal wenn man die Entwicklungen ahnt. Verlange nicht, daß ich das beschreibe. Ich kann heute noch nicht von dem Phaenomen des Ehepaares Tietjen los.
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| Er selbst hatte einen Moment, in dem er mißfiel. Nichts war vereinbart; ich wollte nichts haben natürlich. Aber seltsam fühlte ich es doch, als er mich am letzten Tage, für den die geschäftliche Auseinandersetzung angekündigt war, klassisch fragte: "Was bekommen Sie?"
Ich habe in den 4 Tagen kaum je ausreichend geschlafen; einmal fast 7 Stunden dozierend geredet, einmal 14 Stunden in Gesellschaft verbracht, dabei niemals das mir nötige Quantum Alkohol erhalten. So war das Ganze eine große Strapaze. Freitag früh fuhr ich mit Frau Wiener-Pappenheim und anfangs einem guten, redseligen Schulrat ab. In Hamburg besahen wir beide Alster, Ratskeller, Hafen. Sehr großes Leben! Um 9 sehr müde in Berlin.
Sonnabend Vormittag Post erledigt: zunächst 20 Postsachen. Nachm. mit Susanne, was Frau Riehl sehr übel nahm, nach Neubabelsberg (Geburtstag!) Frau R. fühlt sich subjektiv wohl, sieht gut aus, deutete aber neues Leiden an. H. Heyse u. Lore jammervoll aussehend. Die Unterhaltung drohte gleich kritisch zu werden, mündete aber dann in ein sehr gutes, herzliches Wesen ein.
Gestern u. heut habe ich mit festem Griff endlich die Rezension der Weber-Erinnerungsgabe vollendet: im Ganzen 40 Seiten, daher m. ermüdete Handschrift. Heut Nachm. war ich mehr aus Vorsicht als aus Bedürfnis
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| bei Kurzrock. An mir hat sich außer einer Neigung zu Hämorrhoidalsachen nichts Erhebliches gefunden, auch in der Nase nicht. Hingegen sagte er mir, daß es sich bei Frau Riehl um sehr Ernstes handle und eigentlich eine Operation nötig sei. Was wird da noch alles zu durchleiden sein!
Heute früh kam ein Brief von Johanna Wezel, der ihren Entschluß ankündigt, sich mit Lothar Richter ehelich zu verbinden. Von ihrer Seite ist das wohl eine Vernunftehe. Ich habe in Bremen ihre guten menschlichen Qualitäten wieder stark gefühlt, die im Brief manchmal zurücktreten. Und die kleine Speckenbach hat mich geradezu gerührt. Soviel vom Tatsächlichen. Ich lese jetzt Deine lieben Briefe noch einmal, um sie zu beantworten. Das Wichtigste davon: eine Leibbinde brauche ich nicht.
Ich pflege hier als Kuriosum zu erzählen, daß Du das Dienstmädchen allabendlich abholen mußtest. Diese Verpflichtung ist doch nun glücklich vorbei.
Auf Deinen Brief vom 25. September habe ich zu antworten, daß das, was mir die Kraft zu jener tiefen Fausterklärung gab, die mich selber bis zu Tränen ergriff - es handelte sich um die 2. Faustlösung: das Ewig-Weibliche etc. - Du
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| warst. So bist Du mir in meinen besten, wahrsten Stunden nahe.
Das Vorwort zum Katalog ist auf Verfügung des A.A. ohne meine Korrekturen gedruckt und vorgeheftet worden, als die fertigen Exemplare schon in Bremen waren! Das Belegexemplar erhielt ich schon in Partenkirchen. Leider scheint es das einzige zu bleiben. Das Buch hat nun 32 Seiten Text (16 deutsch, 16 englisch, genau wie ausgemacht) vor dem Titelblatt. Es ist ein dicker Wälzer.
Lehrerbildung: ich habe ganz dumm beim Minister angefragt, wo man die Denkschrift haben könne. Darauf hat sie mir der Vf. Ministerialrat v. den Driesch geschickt und mir s. Besuch angekündigt, den ich natürlich ihm machen werde. Die Denkschrift kannst Du jedem Schutzmann zeigen. Sie ist maßvoll. So was mache ich in 2 Tagen. Der abgehalfterte Vorgänger Schwartz wird über das Thema in m. Zeitschrift schreiben.
Über Pallat habe ich doch geschrieben: daß er mich beruhigt hat. Karstedt, das eigentliche Karnickel, hat sich gereizt via Herchenbach berichtigt.
Wie man mit der Paula Seitz umgeht, das ist typisch für die Demokratie. Du siehst es ja: erst Lili Scheibe u. dann Paula Seitz und dann die
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| andern - alles um einer künstlichen Hochzüchtung der Scheinqualitäten willen. Pfui!
Also 350 M Miete = 30 M im Monat. Schreibe mir ja, wenn Du Geld brauchst. - es ist schon wieder eine neue Auflage Jugendpsychologie nötig.
Heute Brief v. Kerschensteiner, der über das Telegramm des Fröbelverbandes: Spranger schwer erkrankt, mit Ruhe hinwegkam, dann mich in Garmisch suchte, dort aber an derselben Sache erkrankte, an der er schon vorher in Oberbozen gelitten hatte, wie sich Hussain in Freiburg den Magen gründlich verdorben hat. Also Modekrankheit.
Schreibe doch bitte bald Hermann, Du könntest heilig bezeugen, daß ich mit Vortragsreisen sehr vorsichtig sein müßte u. deshalb zu Ostern nicht nach Stolp kommen könnte. In der Tat: die Sachen nehmen mich zu sehr mit.
Wo nur die Susokarte ist? Ich kann sie heute garnicht finden. Überhaupt ist bei mir ein schönes Durcheinander nach all den Reisen. Am Freitag geht es nach Frankfurt/M. Ich bleibe nur die 3 Vortragstage da u. fahre gleich am 20. zurück, also leider keine Hoffnung auf Sehen. 21.XI Goethevortrag in Dessau.
Röschen hat mir heut, als sie wieder nichts hörte, versichert, sie höre sehr gut, und was sie nicht hören solle, höre sie alles. Was ist das?
<li. Rand>
Nun endlich Schluß mit tausend herzlichen Grüßen Dein Eduard.

[noch li. Rand] Wie fandest Du Sabine Rabl?
[re. Rand] Ich habe 2 Matratzen u. 1 Keilkissen für zus. 198 M bestellt. Teuer?