Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Oktober 1925 (Berlin-Wilmersdorf)


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<Stempel: Professor Spranger
Berlin-Wilmersdorf
Hohenzollerndamm>
22.10.25.
Mein innig Geliebtes!
Heut Abend ist wohl "Abschied vom Geruhigen Leben." Deshalb will ich Dir nur noch einmal schreiben vor der großen Pause. Deine lieben Zeilen stärkten mich. Es war nötig. Am Montag Vormittag, nach guter Nacht, bin ich auf der Zeit beinahe umgefallen; so griff mich Lärm u. Schwüle an. Von Schweiß bedeckt mußte ich in ein Café flüchten. Bei Frl. Schwarz folgte dann eine nichtssagende Stunde. Nachmittags bei Frau Nußbaum. Die Vorträge wurden äußerlich recht sehr gehemmt: Am Montag Straßenbahnerstreik, am Dienstag außerdem Sauwetter. Trotzdem blieb der Besuch fast unverändert stark. Aber ebenso blieb mein Gefühl einer ungeheuren Fremdheit gegenüber diesem Auditorium. Es war, als ob man Felsen wälzen müßte, obwohl alles gespannt zuhörte. Offenbar war es doch eine ganz fremde Mentalität. Hübsch war Dienstag Vormittag ein Besuch von 1½ Stunden im OLyceum,
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| wo ich mich mit den jungen Mädchen ganz zwanglos unterhielt. Abends mit den Lehrern - na ja, und dem 75 jähr. Schulrat Scherer, der immer noch predigt: écrasez l'infâme. Bezahlung anständig: von den angebotenen 600 M nahm ich nur 500.
Mittwoch Vorm. war ich im Staededelschen Institut; wurde von einem Lehrer mit Klasse gleich entdeckt. Von dem ungeheuer Vielen konnte sich mir nur weniges eingraben. Vor allem packte mich Holbein durch seine fabelhafte Physiognomik. Landschaften v. Steinhausen (Bodensee) und Thoma fesselten mich auch durch die Sache. Wer ist Scholderer? Er tat mir wohl. Um 1 fuhr ich ab u. traf im Zuge einen mir angenehmen älteren Schüler Dr. Pokrandt. Unempfangen mit Auto um ½ 12 zu Hause.
Ach du lieber Gott!
Ich bin schon im Getriebe. Es kommt ja nur darauf an, für alles dazusein. Recht unangenehm ist der Widerstand der Schweizer in Sachen der Pestalozziausgabe, die bisher gut ging. Von allen Seiten kleine u. große Nadelstiche nach deutscher Art gegen den Mann, von dem man fürchtet, er könne zu groß werden. Aber dann auch wieder gute Eindrücke:
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| In der Akademie überreichte ich die 5. Aufl. der "Lebensformen", was den Vorsitzenden Sekretär Roethe veranlaßte zu erzählen, er habe in Gastein im Café gehört: ein mondäner Herr zu einer mondänen Dame: Was, Sie kennen Sprangers "Lebensformen" nicht. Dann allgemeine Teilnahme u. Empörung, als ich von dem Schicksal des Katalogvorwortes erzählte. Dann hübsches Gespräch mit Wilamowitz. Per Auto zu Alice Salomon. Sofort nach Erscheinen Mittelpunkt. Sehr gute Eindrücke von sachlichem Zusammenarbeiten mit dem Ziel der "Hochschule für Frauen", vor allem aber von Alice und ihrer jungen Nachfolgerin: Charlotte Dietrich, m. Schülerin.
"Wir" sind zu dumm. "Gestern ist ein Mann da gewesen, der etwas abholen wollte." - Hat er denn nicht gesagt, von wem er käme? Nein. Hat er denn nicht gesagt, was er abholen wollte? Nein. Haben Sie denn nicht gefragt, von wem er käme? Nein, er wollte wiederkommen. Hat er denn nicht gesagt, was er abholen wollte. Nein. - Zum Donnerwetter, entweder ist der Kerl eselsdumm, oder er ist verdächtig.
Beklage mich.
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Wenn ich morgen freihabe, will ich kurz nach Neubabelsberg. Man hat dort über das Vermieten romantische Ideen. Es ist alles so schwer. Auch das mit Susanne.
Birkemeier macht mir Schwierigkeiten und ist mir verdächtig. Die ganze Studiengemeinschaft funktioniert nicht. Sonntag erwarte ich Kerschensteiner, Muthesius und Alois Fischer, der ganz undurchsichtig ist, zum Kaffee. Montag rede ich in vornehmen Damenkreise über "Die Idee einer Hochschule für Frauen", Dienstag über "Die Weltanschauung des modernen Menschen."
So geht es hin und her. Etliches fällt unter die Dornen, etliches geht auf. Die Frage ist, bleibt man in diesem Treiben echt und unzerrissen.
Sei innig gegrüßt, mein Liebes. Es war schön, daß wir Darmstadt hatten.
Dein
Eduard.