Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. November 1925 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 1. November 25
abends.
Mein innig Geliebtes!
Hilf mir ein wenig, mich aus dem Geflecht meiner persönlichen Verhältnisse hier herauszufinden, die allmählich unentwirrbar werden. Es ist allerdings sehr schwer, davon überhaupt eine Schilderung zu geben, geschweige denn schriftlich.
Zur Vorgeschichte der heutigen Situation: Am Sonnabend vor 8 Tagen war Hans Heyse bei mir, um s. Abschiedsbesuch zu machen. Wir sprachen natürlich über die schwebenden schweren Fragen. Er teilte mir mit, daß die Ärzte unbedingt operieren wollen und daß sie für jede Verzögerung schon im August die Verantwortung ablehnten. Dabei kam dann die Rede auch auf die allgemeine Stimmungslage in Kl., und H. H. schilderte sie mit ungünstiger, als es mir nach allem zuletzt erschienen war. Sie hätten seit einem Jahr keine ruhige harmonische Stunde gehabt. H. H. würde dabei sehr kritisch, fast bitter, und sprach ganz unmißverständlich aus "Ein Götterbild ist mir zerstört." Einzelheiten würden hier zu weit führen. Genug, daß ich nun wieder unter diesem Eindruck stand. Wir nannten den Zustand krankhaft, was er ja wohl ist.
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Es war das auch die unruhige und ängstliche Stimmung, mit der ich den heutigen Besuch in NB. um ½ 6 entgegensah. Vorher machte icht mit Susanne, die seit dem Breifwechsel über Frankfurt verändert und wie erstorben ist, einen Spaziergang, der in NB. endete. Natürlich drückte ich dabei meine Stimmung und meine Furcht vor dem Besuch ziemlich deutlich aus.
Ich war dann ca 2 Stunden mit Frau R. allein. Anfangs sprachen wir von ihrem Befinden. Sie erklärte, daß sie sich besser fühle, daß sie aber jetzt keinen Entschluß fassen könne, von dem sie deutlich fühle, daß sie an ihm dauernd nervös zusammenbrechen würde. Ich opponierte nicht, was eigentlich meine Pflicht gewesen wäre, sondern ging auf ihre Gesichtspunkte ein. So schwach ist man, wenn man für das wahre Wohl der Freunde kämpfen sollte. Aber was ist dies wahre Wohl? Dann kam ganz ruhig, ohne irgend eine auch nur nervös oder gar affektvoll zu nennende Art das Gespräch auf das Thema, das wir in Darmstadt auch besprochen haben. Ich kann daraus nur Hauptpunkte hervorheben, so daß das Ganze psychologisch ein schiefes Bild geben muß: es wurde alles in Ruhe besprochen. Frau
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| R. ging von der Veränderung aus, die sie an Susanne bemerkt hat und über die sie mit ihr eine Korrespondenz eröffnet hat, ohne sich eigentlich zu ihr deutlich auszusprechen. Sus. bewege sich so, als ob sie einen unbedingten Anspruch auf mich habe, als Besitzende, ja als m. Frau. Dies werde von gemeinsamen Bekannten allmählich mißfällig betrachtet; man nehme Anstoß daran u. man schiebe mir natürlich die Schuld zu. Später fiel in diesem Zusammenhang das Zitat: "Warum heiratet er sie nicht; er sieht doch, daß sie darauf wartet; ich begreife ihn nicht; ich hasse ihn." Von dieser Außenansicht kamen wir auf die auch zwischen uns wiederholt erörterte tiefere Seite: so, wie das Ganze geworden sei, sie es im eigentlichen Sinne unsittlich, es sei, wie ich es selbst nennen muß, nicht klar, nicht gesund, nicht in meiner wahren Linie. Das wurde dann nach allen Seiten erörtert, ohne daß ein Entschluß zu irgend einem Handeln gefaßt oder gefordert wurde. Denn die Schwierigkeiten liegen ja auf der Hand.
Die Wirkung dieses langen Gespräches auf mich ist sehr vielfältig und jedenfalls zunächst erschütternd. Es war garnicht das Gespräch mit einer Kranken, sondern mit einem sehr scharf blickenden Menschen; es war auch garnicht aus der sonst wohl beobachteten Eifersucht heraus geführt, sondern aus
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| wohlmeinendem Verständnis für mich.
Aber ist zu leugnen, daß ich jetzt mit Frau R. Susanne kritisieren und mit Susanne Frau R.? Das ist ja ein fürchterlicher Zustand. Habe ich mir nun durch H. H. etwas suggerieren lassen? Sind wir allesamt zu klein, zu ungeduldig, zu primitiv neben einer eigenartig hohen u. sensiblen Natur?
Und dann das andere: mit Susanne u. mir ist es ja tatsächlich so. Ich habe Dir ja in Darmstadt alles gesagt. Ein zehn Jahre langes Werben hat mich schließlich dahin getrieben, wohin ich nicht wollte. Die Krisis mit m. Vater, dann im Hause Riehl hat S. eine Vertrauensstellung gegeben, die ja unanfechtbar wäre, wenn S. nicht darin etwas erhoffte, was alles in mir als verhängnisvoll ablehnt. Und dieses scheinbar harmlose Bitten um einen Kuß, wie es seit Jahren war, hat in mir Gefühle wachgerufen, die (mindestens) unecht sind. Sie trafen sehr ungünstig auf Spannungen in mir, die nun einmal mit der Natur gesetzt sind, gegen die ich um meiner höheren Bestimmnung willen arbeite; immerhin ist ja kein Zweifel, daß der größte Teil meiner nervösen Leiden (auch die Angst vor Vorträgen) einfach die Folge solcher ungelösten Spannungen sind, in denen S. eine durchaus oder ¾ zufällige – aber, wie Du Dir denken kannst – doch eben nicht günstige Rolle
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| spielt. Denn wer sich überwinden will, soll es vermeiden, in Gefahrsituationen zu kommen. Das ist ja alles von mir auch klar erkannt; ich bin mehr u. mehr Herr der Situation geworden; aber die "Situation" ist ungünstig, "unklar", "ungesund". Vor irgend jemand zu erröten, habe ich deshalb keinen Anlaß. Immerhin gibt natürlich der triviale Gesichtspunkt "Was sagt die Welt dazu" auch zu denken. Gegenüber der Legion, die schrankenlos u. sittenlos auf mich einstürmt, bedeutete S. für mich in den letzten Jahren so etwas wie Schutz. Aber Du weißt ja – auch andere wertvolle Naturen haben nicht die Grenzen innegehalten. Daß das zwischen S. und mir im Grunde mehr tragisch als unmoralisch ist, das sieht die "Welt" natürlich nicht, zumal sie ihm, wie Frau R. ziemlich klar andeutete, auch eine ins Gemeine und Unreine gehende Deutung zu geben geneigt und sehr bereit ist. Ich muß bekennen, daß S. in dieser Hinsicht nie auch nur das mindeste Maß an Vorsicht besessen hat. Alle Grenzziehungen kamen immer von mir. Du selbst bist Zeuge gewesen 1923, und die Naiven sind zum Krassesten fähig, wovon ich aus letzter Zeit wieder ein Beispiel erzählen könnte.
Aber wer hat nun ein Urteil gefällt? Da nur sehr wenige Menschen zu Frau R. kommen, ist das Raten nicht schwer. Frau Hintze, Frau
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| Dessoir
wissen direkt garnichts. Allenfalls könnte man an Frau Meinecke denken, die mal mit ihrem Mann da war. Aber M.s wissen direkt von meinem Leben auch nichts, und daß ich nicht mehr eingeladen werde, hat wohl politische Gründe. Es bleibt nur einer – er möge mir verzeihen, wenn ich ihm unrecht tue: Dutzi Klebs-Schrader. Sie kommt öfter zu Maiers (Frau Maier nie zu Frau Riehl, u. sie hätte mich nicht mit einem großen Blumentopf begrüßt, wenn sie mich haßte.) Warum aber die D. mich "haßte", nun, das wäre leicht zu sagen für jeden Psychologen. Jenes Urteil also ist gezimmert wie die meisten Urteile der "Welt". Wenn es recht hat, so jedenfalls in einem Sinne, von dem es nichts ahnt.
Mein Liebes, ich weiß, daß Du mich verstehst. Es kann nicht leicht mit jemandem langweiliger sein als mit S. Ich erschrecke manchmal, daß gerade sie gerade mir so nahe kam. Irgendwo hat das seine tiefen, seine guten Ursachen. Aber ich sehe immer mehr, daß aus einer Fortentwicklung dieser Nähe für mich nichts Gutes kommen kann. Außerhalb des erotischen Verhältnisses (Du weißt, was ich Eros nenne) ist S. absolut leer. Und wer die buchstäblich physische Zerstörung gesehen hat, die m. Brief aus Frankfurt verursacht hat, dies Verschwinden aller Lieblichkeit und Wärme, den packt auch wieder tiefes
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| Mitleid.
Siehst Du, das sind die "nächsten" Beziehungen, in denen ich hier lebe: alles fragwürdig, alles voll gegenseitiger geheimer Kritik, voll Spannungen, voll Unfrieden. Es ist gewiß nicht das Wichtigste, aber daß es oft mit der W. so wenig klappt, das liegt doch auch an diesem Besitzertum S.s Und diese umgekehrt hat ihr den reizend zutreffenden Namen: das "Hexenröschen" gegeben.
Du weißt, es gibt eine Sphäre, in der ich über dies alles erhaben bin. Aber dies ist zugleich die Sphäre, in der ich aufhöre, Menschen und Menschenschicksale noch stark zu empfinden. Vielleicht soll ich, dahin?
Dein lieber Brief kam heute früh. Mit Griesinger bin ich soeben in persönlichen Briefwechsel getreten. Er hat die Denkschrift der Fakultät sehr lang und sehr verständig besprochen. Am Dienstag habe ich 1 Stunde 20 Min. über "Die Weltanschauung d. anderen Menschen" gesprochen, zugunsten der Hochschule f. Frauen. man hat 600 M damit verdient. Ich habe 10 Pf. Garderobe zuzahlen müssen, nicht ein Wort v. m. Notizen lesen können, niemand hat mich empfangen, Saal mit Nebenräumen so überfüllt, daß vielen schwach wurde. So ging der 2. Teil daneben, aber die Begeisterung war groß, und die "Voß" konstatierte liebenswürdig,
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