Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. November 1925 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 15. November 25.
Mein innig Geliebtes!
In Deinem Brief fühle ich Dich und Dein treues, liebes Wesen so ganz, wie es selten im Brief der Fall sein kann. Und ich kann Dir auch brieflich nicht so danken, daß Du fühlst, wie nahe Du mit jedem Wort meiner Seele bist.
Heut erwarte keine eingehende Nachricht von mir. Ich kann nur sagen, daß ich furchtbar kämpfe. Welt und Leben sind eben durch ganze Zahlen nicht zu dividieren, nur durch Brüche. In meiner Seele beginnt es brüchig zu werden. Aller Ernst des Arbeitens an mir und des Schreibens u. Redens mit ihr hat zunächst nur das eine sichtbare Resultat gezeitigt, daß ich mit niemand mehr harmlose Aussprache habe. Da in der gleichen Zeit die Gemeinheiten der beiden StG.- Mitglieder verhandelt wurden, war dies noch weniger leicht. Es verging kein Tag, an dem nicht eine schwere, verantwortliche Unterredung
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| war, meist unter drängenden Umständen, wenn noch 10 Leute vor der Tür warteten. Arbeit bis an den Rand, am Schluß der Woche Neubabelsberg, wo man es gewiß ernst und gut meint, aber zu schnell Resultate sehen möchte. Mit der "idealen Forderung" allein geht es auch hier nicht. Es ist alles so verworren, so trübe, so novemberlich, während mich der rauschende Erfolg der akademischen Wirksamkeit für den Außenstehenden ganz mit Glorie überschüttet. O, das Leben ist doch viel verwickelter, als in den Büchern der Philosophen steht.
Heinrich Maier ist krank, Dessoir erklärt, seine Gesundheit sei dem Amt nicht mehr gewachsen. Und ich?
Frl. Friedberg im Sanatorium. Der Registrator stellungslos.
Ich lege Dir hier mal eine Serie von Briefen bei, die Du der Reihe nach lesen mußt. Zwischen dem 1. u. 2. liegen 10 Zeilen Antwort von mir als sachliche Erklärung. Persönl. Besuche sind immer abgewiesen worden. Diese Briefe sind mir stellvertretend für 5-6 analoge Fälle, die gleichzeitig spielen.
Soeben 6. Aufl. der Jugendpsychologie erschienen. Ich muß jetzt arbeiten, so schwer mir der Kopf ist. Später mehr. Mit sehr innigem Gruß Dein Eduard.