Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2./3. Januar 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Januar 1925.
Mein liebstes Herz.
Wie immer müssen doch die ersten Zeilen im neuen Jahre für Dich sein! Aber es ist mir seltsam, daß ich bis heute noch immer nichts von Dir hörte. Du mußt doch wissen, wie sehr ich nach Deinem letzten Brief auf Nachricht darüber warte, wie sich diese verfahrene Sache mit Heyse für Dich weiter entwickelte. Ich kann es im Grunde meiner Seele nicht für richtig halten, wenn Du nachgibst u. beklage das Ultimatum, das Dir Frau Riehl stellte. Wenn sie wirklich das Urteil über die wissenschaftliche Befähigung des Mannes mit Dir teilt, dann kann sie ja doch garnicht diese Laufbahn für ihn wünschen. -
Aber nicht das allein läßt mich nach Nachricht verlangen. Ist doch jede Stunde des Tages ein Denken an Dich u. alles andere nur äußere Beschäftigung. Wenn Du es wüßtest, wie qualvoll dieses Warten ist, dann würdest Du doch vielleicht dazwischen mal eine Karte schreiben. - Gestern war seit langem die schönste Stunde. Ich ging im Dunkeln am Neckar bis zur Hirschgasse allein - mit Dir. Die Stille tat mir wohl, das immer lebendige Wasser zur Seite, kalt u. schwarz wie die Nacht, die auf den Bergen ruhte. Die Einsamkeit um mich klang zusammen mit meiner Stimmung.
Das Weihnachtsfest brachte mir ein paar seltsame Bücher nahe. Aenne schenkte mir - ohne sie zu kennen - Tolstoi's Kreuzersonate, u. Frau Witting, die sich im Namen ihrer Tochter erkenntlich zeigen wollte: Totenreich von dem Dänen Henrik Pontoppidan. - Beide Sachen sind sicher literarisch gut, aber entsetzlich deprimierend. Bei dem ersten mußte ich denken, daß Du einmal sagtest, man müsse diese Sachen auch kennen, darum las ich weiter, so widerwärtig es mir auch war. - Das andre ist ein weitläufiger Roman, der die Menschen großenteils zurückverfolgt bis ins dritte u. vierte Glied, um daraus ihr Wesen verständlich zu machen. Und es sind z. T. auch sehr greifbar geschilderte Personen. Aber alles treibt zweck- u. haltlos dahin wie lose Blätter im Sturm auf dem Strom einer sinnlosen, verflachten Kultur. Leben tun scheinbar nur diejenigen, die sich aus der Welt zurückziehen. - Ich habe noch kein ganz klares Urteil, aber alles in mir lehnt sich auf gegen solche Stellungnahme. Es ist eine überzeugende
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| Lebenswahrheit in den Schilderungen u. doch sagt man sich: das ist nicht alles. Es gibt noch etwas mehr im Leben, das Wert hat und Kraft, trotz allem Leid u. aller Enttäuschung.
Ich glaube es ja wohl, daß es nicht vielen Menschen zu teil wird, das Höchste im Leben zu finden, das mit seiner Weise das ganze Dasein verklärt. Das ist ein seltenes, wunderbares Glück. - Aber es gibt doch fraglos eine Fülle ernsten Strebens, gewissenhafter Pflichterfüllung u. selbstloser Treue u. was man an der Oberfläche sieht an Genußsucht, Ehrgeiz, Fanatismus, Hast u. Kampf - das ist nicht die ganze Welt. - Sind die Formen des heutigen Lebens so verfahren, daß sie einen tieferen Sinn nicht mehr aufnehmen können u. nur noch den Deckmantel abgeben für persönliche Leidenschaften? Das politische Treiben allerdings will mir oft so erscheinen. Da möchte ich eine Reform von Grund aus wünschen, denn da ist eine Sprachverwirrung wie beim Turmbau zu Babel u. keiner versteht den andern. Ist wirklich alles schon an konventionelle Mächte verteilt u. kein Raum mehr für ursprüngliches Leben? Nein, u. tausendmal nein. Die Mächte, die wir über uns erkennen sind bleibende, mögen sie uns nun als Persönlichkeit oder zeitgemäß geformte Idee erscheinen. Nicht das Wort ist das Bindende, sondern die Kraft. - -
In diesem "Totenreich" scheinen mir die Strömungen der letzten 50 Jahre geschildert: Aufklärung, Freiheit, selbstgewisser Unglaube, fanatisches Christentum, religiöse u. politische Apostel, alle im blinden Kampfe um die Macht. Menschen sind eigentlich nur ein Naturarzt u. seine Frau - die Christentum leben ohne es zu bekennen. Aber gerade die häufig betonte Opposition zum Kirchenglauben erscheint mir eng. -
Doch genug des abgebildeten Lebens. Habe ich doch in meiner nächsten Nähe schwere Probleme genug. Rösel Hecht sagte mir gestern bei meinem Neujahrsbesuch unter Tränen daß sie entschlossen sei, ihre Ehe zu lösen. In den 6 Jahre ihres gemeinsamen Lebens sei der Mann absolut nicht weitergekommen. Sie habe wohl alle Hochachtung vor seinem Charakter, aber sein Wesen sei völlig unklar u. unreif. Das sei immer noch die alte Weltferne des Wandervogels. In der Fabrik, wo er jetzt arbeitet - erzählte sie als Beispiel - hat er eine sehr
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| einträgliche Erfindung gemacht. Da habe sie ihn aufgefordert, doch eine Lohnerhöhung zu verlangen, da er nur 140 M monatlich bekommt. Das habe er entrüstet abgewiesen: "Er habe ja die innere Befriedigung. Sie denke nur immer ans Geld." - Wie will er da je für eine Familie einstehen! - Vor allem aber ist das Zusammensein mit ihm unerträglich durch die stete Kampfbereitschaft, durch die er sich in seiner gekränkten Männlichkeit verteidigen zu müssen glaubt. Sein Wesen ist Trotz aber keine Würde - das wissen wir andern ja schon lange. - Arme Rösel!

3. Januar, abends. Nun ist der Brief doch zum Sonntag nicht mehr fort gekommen, denn gestern fielen mir die Augen zu. Heute nun kann ich Dir freudig danken für Deinen lieben, lang ersehnten Brief. Ich bin froh, wenn Dich meine kleinen, uninteressanten Weihnachtsgaben doch ein wenig erfreuten. Und daß Du mir geradezu einen Wunsch erfülltest, das weißt Du ja, Du hast also in der Beziehung keinen Grund Dich anzuklagen. Wohl aber gibt es etwas, um was ich Dich jährlich bitte, worauf ich Wert lege, es von Dir zu bekommen, um es immer bei mir zu haben u. was Du mir mit Consequenz verweigerst. Das ist ein kleiner Kalender für die Handtasche. Ist das Absicht? Dann werde ich nicht wieder darum bitten.
Ich hätte Dir viel zu antworten, mein Lieb, u. ich weiß im Voraus, daß es recht ungenügend ausfallen wird. Eine rechte Beruhigung ist mir die Art, wie Du Dich mit Hans Heyse verständigt hast. Es spricht für ihn, daß er Deinen Einwänden zugänglich war u. vielleicht hat er sich für seine Arbeit nur zu sehr in die Einsamkeit vergraben, um etwas Selbständiges zu leisten u. kann doch schließlich noch ein ganz guter Lehrer werden, wenn auch kein bedeutender Geist. Daß Frau Riehl die Menschen drückt, die sie umgeben, das ist ja sicher. Es ist recht schlimm, daß sie nun so nah auf einander sitzen. - - Daß Frau Elisabeth Scholz an der Eigenart dieses wunderlichen Mannes gescheitert ist, scheint mir doch ebenso wahrscheinlich, wie ich es von Lena u. Walther vermute. Aber da kann man doch nicht von Schuld sprechen u. sich deswegen lossagen, sondern man hat eher Grund zu Mitleid.
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Was Du von Felizitas schreibst, kann ich nur bestätigen. Sie liebt doch sonst sehr, selbständig zu handeln u. ist nicht schüchtern. Aber jetzt zu Weihnachten schrieb mir die Mutter einen Brief u. schickte die Bücher, während [über der Zeile] von Felizitas eine nichtssagende Ansichtskarte kam. Das hat mich doch etwas erstaunt. Du verstehst wohl, nur um ihretwillen! Mancherlei stille Beobachtungen während ihres Hierseins tauchen dabei wieder auf, die ich in der Erinnerung zurückgedrängt hatte. - Die Post hat diesmal überhaupt mehr durch mich, als für mich zu tun gehabt* [li. Rand] *Hast Du einen Dank von Cäcilie Oestereich? Vom Onkel weder zu Weihnachten noch zu Neujahr eine Nachricht. Das macht mir Sorge. - Heute kam von Hermann ein Brief, der mir die Frage vorlegt, was ich von der intellektuellen Mädchenbildung hielte, die einen nachdenklich mache, wenn man junge Mädchen, die von der 2. Klasse aus Schulüberdruß abgehen, ein paar Jahre später als interessierte, lebhafte Frauen wiederfindet. - Ich muß nun sagen, daß ich diese ernste Schulung u. Grundlage an Kenntnissen durchaus erwünscht finde. Es kommt nur darauf an, daß es auch entsprechend dem Interesse nahe gebracht wird. Wer nicht reagiert, kann ja früher abgehen. Mir aber scheint es für die dazu Veranlagten durchaus erwünscht, wenn ihnen die Möglichkeit zu einem moglichs recht weiten Weltbilde gegeben wird. - Den Brief von Käthe Mellin habe ich anders beurteilt. Du kennst halt die Bedingungen nicht. Die Rugeschen Töchter sind nüchterne Menschen, die wenig Worte machen. Außerdem kennen wir uns so gut wie garnicht, u. ich hatte seit dem Tode von Paul noch nicht geschrieben. So war ich etwas besorgt, wie sie meine Annäherung aufnehmen würde u. hatte rechte Freude über die freundliche Art. Es ist doch sehr viel, daß sie die Kinder so ganz zu sich genommen haben, u. offenbar wird es ihnen garnicht ganz leicht. -
- - Ich denke sehr daran, was Du von Scheler schreibst. Es weckt mir den Wunsch, Du möchtest die äußere Unabhängigkeit, die Dir die literarischen Erfolge geben, einmal benützen, um Dich für eine Zeit vom Amte frei eigener Arbeit widmen zu können. - Auf jeden Fall aber bitte ich Dich, Dir jede nur mögliche Entlastung zu verschaffen. Willst Du nicht Liselotte Bürde als Sekretärin anstellen?!
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| Sie arbeitet in Schlesien in einem Büro, fürchtet aber abgebaut zu werden, da das Geschäft verkauft ist. Ihr Brief an Aenne klingt ernst u. gereift. - Auch Bertha von Anrooy war wieder ein paar Tage hier. Ihr geht es ebenso ungünstig im Beruf, da die Stelle, die sie bekleidet, aufgehoben wird. Nun sucht sie anderes, aber in ihrem Alter ist das natürlich sehr schwer. - - -
Ist wohl in Berlin ebenso abscheuliches Föhnwetter? Hier sind die Leute wie matte Fliegen, u. mir geht es natürlich genau so. Die Ohren sind endlich heil, statt dessen meldet sich ein leichter Bronchialkatarrh. Aber es ist alles nicht schlimm, ich war nur verwöhnt; die Erholung der Reise u. die gute Wirkung der Bäder hatten mich so frisch u. kräftig gemacht.
Nun will ich aber diese Zeilen noch fortbringen, denn morgen zum Sonntag werde ich nicht sehr früh ausgehen. Sei mir von ganzem, ganzem Herzen gegrüßt u. laß meine unendliche Liebe Dir immer nahe sein, aller Einsamkeit zum Trotz, so wie ich es auf meinem Neujahrswege in friedvoller Gewißheit erlebte. Aber laß es nicht nur bei diesem tröstlichen Gefühl bleiben, sondern laß mich auch immer teilhaben an dem was Dich beschäftigt u. womit Du ringst. Wir wollen doch nicht resigniert dieser Welt aus dem Wege gehen, sondern zusammen stehen im positiven Kampf gegen Verfall u. Unkultur. Wir wollen leben der helfenden Liebe!
Immer nur
Deine Käthe.

Hab auch noch Dank für die Übersendung der Rede, die ich morgen zum Sonntag mit Ruhe u. Andacht lesen werde.
[li. Rand] Liebling, hast Du noch einen Beethoven-Aufsatz übrig?