Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4./5. Januar 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Januar 1925.
Mein Liebstes Du!
Hauptsächlich schreibe ich heute schon wieder, um Dir zu sagen, daß ich zu meinem Erstaunen ein zweites Exemplar des " Beethoven" mit einer Widmung darin fand, das offenbar vom Tantchen stammen muß. Das kann ich nun also nach Entfernung des Geschriebenen für den geplanten Zweck verwenden. Verzeih also, wenn ich Dich damit belästigte. Es tut mir richtig leid, mein armer Vielgeplagter.
Wenn die Atmosphäre hier sich nicht bald bessert, dann gehen meine Nerven dran kaput. Es ist unbeschreiblich schlaffe Luft u. ich fühle mich wie nach einer schweren Krankheit. Aber ich bin jetzt entschlossen, dem ein Ende zu machen. Wir wollen doch mal sehen, wie weit man da mit gutem Willen kommt! Im Augenblick freilich habe ich mir dazu die Unterstützung einer guten Tasse von dem Schweizer Kaffee gesichert. Aber ist es nicht eigentlich beschämend, daß man solche Mittel braucht, um sich als Mensch zu fühlen? Sage mal, benutzt Du eigentlich den Kaffeefilter jetzt immer, oder hat sich Frl. W. nicht damit befreundet? - -
Es regnet heute den ganzen Nachmittag. Trotzdem bin ich wieder im Dunkeln am Neckar gewandert u. fand es, wie immer, sehr wohltuend. Ich hatte vorher Deine Rede am Sarge des verehrten Vater Riehl gelesen u. ließ nun Deine Worte in mir nachklingen. Wie tief u. echt ist diese Würdigung seines Werkes u. Wesens, wie liebevoll das Unerfüllte geahnt. Dies schöne Bild, das Du so bleibend von ihm fest hältst, wird mir immer lebendig bleiben, denn sonst würde ich ja auch zu denjenigen gehören, die nur "mit Sicherheit das Besondere dieses Menschen fühlten."
Weil ich weiß, wie viel Wert Aenne darauf legt, las ich ihr nach Tisch die Rede vor. Aber Du weißt ja, wie verletzend es immer ist, wenn noch vor dem Verklingen des letzten Wortes das unvermeidliche: "wunderschön" ertönt. Ich schweige dann u. drücke mich möglichst bald.
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Möchte sich doch für Dich in Neubabelsberg die schwierige Situation nun gelichtet haben. Es kann doch nicht immerfort kritische Tage erster Ordnung geben! Wie schwer macht sich Frau Riehl das Leben, wenn sie sich nun auch mit Dir uneinig fühlt! Laß Dich, ich bitte Dich innig, im Gefühl Deines Rechts u. Deiner reinen Absicht nicht davon quälen. Sie wird ganz gewiß bald zur Einsicht kommen. - Eins freilich beschäftigt mich doch dauernd: Ist bei Hans Heyse die Berufswahl innere Notwendigkeit oder war es ursprünglich mehr ein Zufall? Denn es ist doch ohne Zweifel ein Martyrium, das ein Privatdozent ohne große Mittel auf sich nimmt.
Veranlaßt durch Deine Erwähnung der notwendigen Neuauflage las ich die wundervolle Ansprache an die Philologie einmal wieder. Es ist so viel Glaube u. Zuversicht darin, so viel Vertrauen in den kommenden Menschen, daß es mir in tiefster Seele wohltut u. die letzten Reste des pessimistischen Romans wegfegt. Ich verstehe ja sehr wohl, daß solche literarischen Erzeugisse [über der Zeile] wie dieses mit Absicht derartig negative Lebensschilderungen geben, um die Augen zu öffnen für die Schwächen u. Schäden des Daseins. Aber ich meine, es müßte doch auch gezeigt werden, wo u. wie positive Kräfte ansetzen müssen [über der Zeile] u. können. Kunst mit Tendenz ist immer bedenklich, - aber verlangt man nicht nach einem Sinn?
Mit lebhafter Anteilnahme las ich vor Weihnachten ein Buch, das Du mir vor 10 Jahren schenktest. Damals ertrug ich es nicht, meine Seele war wund u. wirr von der grauenvollen Wirklichkeit des Krieges u. den ungelösten Dissonanzen in uns. Jetzt stand ich freier den Dingen gegenüber u. fähiger zu innerem Verständnis. Es sind die Briefe von Caroline u. Dorothea Schlegel. Die geistvolle Grazie von Caroline nimmt trotz aller Bedenklichkeit, ob wohl alles echt u. wahr an ihr sei, gefangen, u. zunächst berührt Dorothea daneben ungelenk u. schwer. Aber allmählich wächst sie zu wahrer Größe, u. man beklagt nur, daß ihr Katholizismus daneben so fanatisch ausartet. Wie schwer hat es diese Frau gehabt!
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Die gemeinsame Lektüre war leider jetzt länger unterbrochen. Wir stehen mitten in den Erinnerungen des alten Wundt. Es ist mir immer ein Kummer, daß sich die Einzelheiten bei mir so rasch verwischen, obgleich ich wirkliches Interesse dafür habe. Es ist durchaus nicht wahr, daß man nur vergißt, was man nicht behalten will. Dann wäre es nicht so schlecht möbliert in meinem Kopf!
- Was magst Du wohl von der Hecht-schen Ehescheidung halten? Ich bin nicht sicher, daß Rösel recht daran tut. Aber sie ist fest entschlossen. Es ist doch ein unendlich folgenschwerer Schritt für die Kinder. Freilich ein Erzieher wäre ihnen dieser Vater auch nicht!
Hast Du den Brief von Johanna Wezel erhalten, den sie hierher adressierte? Heute bekam ich eine Karte von ihr aus Freudenstadt, wo sie sehr genußreiche Ferientage verlebt. Ist es nicht zum Beneiden? Aber noch mehr beneide ich die Leute, die Dich in München hören u. sehen werden. Wie unendlich gern käme ich dorthin, aus vielen Gründen. Ich habe doch noch alte Beziehungen dort, würde auch sehr gern einmal wieder die Schwester meiner zweiten Mutter in der Nervenanstalt besuchen. Da sie niemals schreibt, weiß man ja garnicht, ob sie unsre Briefe u. Sendungen überhaupt bekommt. - In Bezug auf Cäcilie Oesterreich fange ich in der Tat an, nachgerade bedenklich zu werden. Es wäre schade, wenn das Päckchen nicht ankam! - Auf einen Neujahrsgruß an Frl. Bilharz bekam ich wendend eine freundliche Karte mit Ansicht des Hauses. Unser - d. h. Dein - Besuch hatte sie offenbar sehr erfreut. -

5.I.25. Heute kam glücklicherweise die Bestätigung aus Tübingen. Ich schicke Dir gelegentlich mal die Briefe mit. Und jetzt eben brachte die Post auch Deine liebe Sendung. Habe Dank, mein liebes Herz, ich werde gut haushalten damit, daß ich auch sparen kann. - Von dem Beethoven glaubte ich, er sei vergriffen u. Du hast mal gesagt, es seien Dir Exemplare liegen geblieben. Daher meine Bitte! - Endlich ist es etwas kälter geworden u. man lebt auf. Da wird die Arbeit auch wieder flotter von der Hand gehen. Ich werde mich mit Eifer hineinstürzen, denn die Zeit drängt.
Für heute lebewohl. Zankst Du über meine beständige Wanderlust? Laß gut sein, es hat seine Reize, solchen Träumen nachzuhängen!
Von Herzen Deine Käthe.