Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8./9. Januar 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Januar 1925.
Mein geliebtes Herz!
Du willst den Brief aus Reval schnell zurückhaben, dann sollen ihn rasch ein paar Zeilen von mir begleiten. Aber über Felizitas reden wir besser mal mündlich. Es ließe sich zusammenfassend höchstens sagen, daß sie mit ihrer fröhlichen Selbstgewißheit eben doch in erster Linie bequem ist. Ich hätte mit Sicherheit angenommen, daß sie für Dich irgend eine nette Überraschung bereit hätte u. verstand es deshalb gut, wenn sie nicht an andre dachte. Aber so ists doch ein bißchen dürftig. -
Mir gehts nicht ganz gut. Als ich Bertha v. A. bei Frau Kroll besuchte, hatte letztere einen argen Husten, der für Bronchialkatarrh ausgegeben wurde. Am nächsten Tage hatte ich es in der Luftröhre u. obgleich ich mich ehrlich wehrte, griff die Sache täglich mehr um sich u. da Fieber u. Kopfschmerzen mich doch nicht ordentlich arbeiten liessen, blieb ich heute im Bett. Es scheint die unvermeidliche Influenza, die ich nun einmal stets mitnehme, wo ich sie antreffe. -
Wenn mir nur jemand ein paar Augen leihen wollte, dann könnte ich Dir so bequem von allem erzählen, was mir in der Stille durch den Sinn geht! Vorerst mal vielen Dank für den unerwartet raschen Brief, u. für die Mitteilung der glänzenden Verse aus dem unerschöpflichen Brunnen Deiner geistreichen Erfindungsgabe. Es ist nur wirklich ganz rätselhaft, wie man bewußt so täuschend die allerverschiedensten Einstellungen zum Ausdruck bringen kann.
Und wahrhaft große Freude habe ich an dem Brief der Frau Schilling. Wie natürlich u. frei spricht daraus die Kraft u. Güte ihres Wesens. Warum müssen diese Menschen auch so weit entfernt wohnen! Denn das glaube ich entschieden, daß bei ihr auch das "Alltagsgesicht" der Bekanntschaft verlohnte. Wie anmutig ist das älteste Töchterchen. Die beiden Kleinen dagegen noch ungeweckt.
Aber das mußt Du nicht sagen, Du seist allein auf das Urteil von Susanne angewiesen, da Du gerade unmittelbar daneben das verständnisvolle Interesse von Dora Thümmel lobst. Es liegt doch schließlich nur in Deinem Willen, dies mehr zu nützen.
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Von Susanne hatte ich übrigens einen netten, natürlichen, offenherzigen Brief. - Komisch ist es, wie eben verschiedene Leute sich mit Erziehungsproblemen gerade an mich wenden. Sie denken gewiß, ich solle für sie zum Sprachrohr Deiner Einsicht werden. So beklagt sich Frau Oesterreich über das Burschikose, das die Coedukation bei Cili zu tage fördert, obgleich sie im Prinzip durchaus für diese Erziehungsform sei. -
Wie ich Dich um den Aufenthalt in München beneide! Ob Du in die alte Pina kommen wirst? Dann grüße mir bei den Spaniern das Porträt des Habsburgers von Velasquez, u. die Dürerschen Apostel u. den Frans Hals u. noch so viele. Ach, u. die Schackgalerie habe ich nicht mehr wiedergesehen, seit sie aus den alten Räumen in der Briennerstraße fortkam. Auch nach dem wunderbaren Athenekopf in der Glyptothek habe ich Sehnsucht u. dazu noch die Möglichkeit, Dich in <mehrere Wörter auf Kopie unleserlich>. - Wäre ich noch pekuniär unabhängig wie früher, ich würde der Versuchung nicht widerstehen. Heimlich, um Dich nicht zu belästigen, würde ich dabei sein - so muß ich mich begnügen, mir von Angelika Weltz berichten zu lassen. Sollte sie Dich ansprechen, sei nett mit ihr, Liebling, sie ist eine prächtige Frau, u. seit Jahren für Dich interessiert.
Ich bin jetzt sehr eifrig im Dehio. Es ist diese frühromanische Zeit auch gerade das Forschungsgebiet von Georg Weise gewesen, u. ich habe eine kleine Broschüre von ihm jetzt zum erstenmal gelesen, die er mir schon 1911 gab. - - Der Gegensatz aber, den Dehio auf Seite 64 zwischen Germanen u. Griechen konstruiert, leuchtet mir nicht so ohne weiteres ein. Darüber würde ich gern mit Dir reden. Doch das müssen wir wohl auf den März versparen. - Wo wirst Du wohnen in München? Werden Wittings beide da sein oder nur Felizitas?
Wenn Fräulein Wingeleit fragt, was auf dem Bilde zu sehen sei, dann paßt sie doch recht gut ins Haus! Ich
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| erinnere mich noch mit schreckhafter Deutlichkeit einer Unterredung über Kunst in Sigmaringen, bei der mir jemand versicherte, er habe bei Bildern eigentlich nur Interesse für das, was sie darstellen. Zum Glück ist das ja eine arge Übertreibung. - Und ebenso muß ich mich gegen die beliebte Anschuldigung verwahren, mein Urteil über [über der Zeile] ein literarisches Werk sei "moralisch". Daß Tolstoi Tendenzschriftsteller ist, weiß man ja wohl. Man könnte vom moralischen Standpunkt aus, also sein Buch nur im höchsten Grade schätzen. Ich kann die Darstellung als solche auch meisterhaft finden in ihrem hoffnungslosen Brüten über einem verfehlten Dasein, das in seiner ganzen Sinnlosigkeit mit so unerbittlicher Consequenz verläuft. Aber etwas derartiges zu lesen, benimmt mir die Luft. Das Problem als solches beschäftigte mich natürlich früher auch u. ich habe es selbstverständlich in "höchst idealem" Sinne entschieden! Wie selten das im Leben selbst zur Wirklicheit wird, ahnte ich nicht, es schien mir vielmehr unerläßliche Forderung. - - Du könntest es ebenso gut ein moralisches Urteil nennen, wenn ich die Vorliebe der alten Deutschen für Fegefeuer- u. Höllenscenen nicht teilen kann. Das alles kann man moralisch, amoralisch u. unmoralisch behandeln - ich mag es überhaupt nicht. Es ist mir, wie ich nun einmal bin, zuwider u. ich halte es nicht für notwendig, lange dabei zu verweilen. - Anders ists mit dem Roman. Da nehme ich reges Interesse, ich glaube darin wahrhafte Menschen zu sehen, aber gegen die Grundeinstellung, die alles Echte in der Natur nur unterliegen läßt, lehnt sich in mir etwas auf. Das ist allgemein menschlich,: Temperamentssache. In meinem Gefühl leben Deine Worte: "In der Welt - über der Welt." Das ist Weltanschauung, meinetwegen religiös - aber nicht moralisch. Ein Buch, das die ganze Welt für ein Totenreich erklärt, muß doch notwendig eine schiefe Blickrichtung haben, die an den Blüten des Daseins blind vorübergeht.
Wie sagst Du von Riehl, dem gütigen:
"Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehen,
Es sei wie es wolle, es war doch so schön."
Diese Kraft, mein Herz, lebendig zu sehen, zu fühlen, Leben zu wecken, zu fördern - die liebe ich.

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Freitag. 9. Januar.
Guten Morgen, mein Lieb. Es ist nichts mit dem Aufstehen heute, denn nun ist der Hexenschuß wieder da. Beim Husten hat sich irgendwas verzerrt. - Siehste - nun spiele ich halt noch einen Tag armer Lazarus!
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Wie doppelt hart wäre das für mich, wenn mit der Arbeitsmöglichkeit auch der Lebensunterhalt stockte. Aber Du hast mir doch durch Deine beständige Hülfe die Reserve verschafft, mir solche Vergnügungen zu leisten. So brauchte ich noch nicht den Verdienst vom Dezember einzufordern, der auf solche Weise mit dem Januar zusammen wohl erst auf die gewohnte Stundenzahl kommen wird. Also ermiß, mein liebes Herz, wie ich Dir dankbar bin. - - Denn wie hart ist es, wenn selbst für Notwendiges die Mittel nicht mehr da sind! Du wirst Dir vorstellen können, wie sehr es mich schmerzt, darüber vom Onkel Klage zu hören. Wie anders hätte ich diesem verdienten stets hülfreichen Manne das Alter gewünscht. -
Hat wohl Deine Umfrage nach der Lehrerbildung*[weiter unten im Absatz] (*Meinst Du dabei die Lehrer oder die "Studienräte"?) mit Deinen Vorträgen in München zu tun? Denn denke nur, Du hast mir nie das Thema mitgeteilt, u. der Kosmos, den Du in Deinem Sinne wälzt, gibt mir keinen bestimmten Aufschluß! - Weißt Du, ich stelle mir vor, daß Susanne die Sache nur vom Wissensstandpunkt aus sieht, während Dora Thümmel Augen hat für das Problem des Lehrens. - Wie ich hier so angenagelt liege, erinnert es mich so lebhaft an Deine Leidenszeit auf dieser Stelle, Du Ärmster. Hoffentlich ist doch diesmal das Muckern in der Schulter ohne Verschlimmerung vorübergegangen?
Sei in München vorsichtig, es gilt doch für rauh. Wie steht es eigentlich mit den Zähnen?
Aber Du wirst dies wohl garnicht lesen können. Verzeih, die physische Unmöglichkeit ist schuld.
Ich wünsche Dir schöne, erfreuende Eindrücke in meinem lieben München. Möchten die guten Bierbayern mit wachen Ohren hören. Grüße Kerschensteiner u. Wittings vor allem aber München selbst, mit seinen malerischen Straßen u. seinem lehmigen Straßenschmutz. Möchte es wenigstens nicht regnen.
Viel innige Grüße!
Deine Käthe.
[li. Rand] Elisabeth Vetter wohnt in Karlshorst, lernt Graphologie.
[re. Rand] Heut kann ich leider nicht mal im Dehio lesen, die dicken Bände sind zu schwer.

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<beigefügter Zettel>
Von einer netten Volkssitte muß ich Dir noch erzählen. Es gibt hier immer sogenannte Neujahrswecken, das ist ein längliches Brötchen, das an jedem Ende (etwa wie ein Kegel) einen kleinen Kopf hat. Die Leute backen das regelmäßig, aber die wenigsten wissen, daß das Janus heißt!
<Zeichnung: Janus>.
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Onkel hat sich so sehr über Dein Buch gefreut. Ich soll Dir ganz besonders herzlich danken. - Ich glaube, es gibt sonst niemand, der mit so treuem Verständnis Anteil nimmt an Dir u. mir wie er. Es ist nie ein Brief ohne eingehende Fragen.
Und nun auch von mir lies einmal innigen Dank für alles Mitgesandte u. - überhaupt.