Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Januar 1925 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 14. Januar 1925.
Mein liebes, liebstes Herz.
Das habe ich freilich nicht gedacht, daß ich Dir noch mal mit dem Stift schreiben würde! Es geht mir ja auch in der Tat heute entschieden besser u. das Fieber scheint überwunden, aber es war doch eine ganz regelrechte kräftige Grippe.
Welch große innige Freude war mir vorhin Dein lieber Brief, nach dem ich rechte Sehnsucht hatte. Das wirkt besser als die beste Arznei. Ich nehme übrigens nicht viel ein, nur täglich 2 Antineuralgika - sonst verlasse ich mich auf die Ruhe u. meine gute Natur. Die ersten Tage waren allerdings scheußlich, schwerer Katarrh in Kopf u. Bronchien, u. bei der geringsten Bewegung schauderhafte Schmerzen - sodaß ich nicht richtig husten konnte vor Schmerzen u. doch vor ständigem Husten nicht stilliegen. - Frl. Dr. Clauß hat sich wieder sehr bewährt u. Aenne pflegt mich ausdauernd. Zum Glück brauche ich ja nicht viel, denn sonst ginge es über ihre Leistungskraft. Aber ich muß doch regelmäßig gefüttert werden. - Viele Stunden liege ich allein u. habe da eine sehr wohltuende Lektüre. Die harmlos heiteren Jugenderinnerungen von Kügelgen: Ich hatte keine Ahnung mehr vom Inhalt u. freue mich an dem naiv-liebenswürdigen Buch. (Die Fortsetzung schenkte mir Walter zu Weihnachten)
Strümpells Tod geht auch mir nahe. Ich denke immer an die Güte u. Herzlichkeit, mit der er mich beim Arm nahm u. aus dem Gewirr des Krankenhauspavillons heraus führte, als ich ihn verzweifelt aufsuchte, wie Du mit der Luftröhrenentzündung von München zurückkamst. Er ist auch mir damals wahrhaft lieb geworden durch seine echte Herzensgüte.
[2]
|
Auf Einzelheiten einzugehen, fehlt es heute wohl Dir an Zeit u. mir die Schreibmöglichkeit. Aber es beschäftigt mich Alles was Du schreibst. Was ist es nur mit Neubabelsberg - wer ist dort der Störenfried? - Das mit Wenke's Leichtsinn empört mich sehr. Mit anvertrautem Geld ist man doch doppelt vorsichtig.
Froh bin ich, daß ich nun weiß, daß Du in einer Stunde von Berlin abfahren wirst, hoffentlich leidlich schlafen, u. daß ich mir Deinen Aufenthalt so deutlich vorstellen kann, - es ist meine Gegend in München, wo ich am besten Bescheid weiß. -
Das Thema, mein Lieb, ist mir brennend interessant. Es ist eine Frage die in den heutigen gährenden Zeiten wohl niemand so wie Du umfassend, vorurteilslos u. doch mit Festigkeit u. lebenweckender Kraft beantworten kann. Ach, könnte ich doch dabei sein! Das ist kein sentimentaler, gefühlvoller Wunsch - das ist tiefe, innerste Anteilnahme. - Du weißt garnicht, mit wie wenigen Stichworten ich mich immer zufrieden geben muß u. wie sehr mein Denken doch an dem verworrenen Getriebe des Lebens herumrätselt. Und ich glaube es fest, daß Du bestimmt bist, unserm deutschen Volk wieder zu Sammlung u. innerer Kraft zu verhelfen. Du wirst das Ziel weisen u. die Wege.
Hoffentlich ist äußerlich Dein Aufenthalt von solch klarer Winterschönheit begünstigt, wie sie mir morgens von dem besonnten Gaisberg ins Zimmer strahlt. Grüße Kerschensteiner u. Wittings, die doch zweifellos kommen werden. Halte Dich gesund u. - fürchte Dich nicht, glaube nur, daß Du berufen bist, von Deinem Reichtum zu schenken an alle, die Ohren haben zu hören.
Der Vorstand läßt grüßen. Und Du grüße mir das ganze liebe, alte München.
Ich bin in Liebe bei Dir,
Deine Käthe.