Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22./23. Januar 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22. Januar 1925.
Mein liebes Herz.
Verzeih, wenn ich noch einmal mit dem Stift schreibe: es geht so viel bequemer, u. ich möchte doch so gern einmal wieder ein wenig mit Dir plaudern! Du wirst nun wieder in der Unrast des Berliner Lebens untergetaucht sein nach den randvollen Reisetagen. Ich freute mich der zufriedenen Stimmung Deines Briefes u. stellte mir lebhaft die Freude vor, mit der Du den nichtofficiellen Teil nach aller Mühe zum Schluß genossen haben wirst. Vermutlich kam Felicitas? Denn Frau Witting wird wegen der Rennwoche wohl zu Haus nötig gewesen sein u. Felizitas erklärte hier ohnehin, daß sie es nicht schätze zu Dreien! Hoffentlich hattest Du eine gute Rückreise u. überstehst all die Strapazen ohne Schaden? Ich hoffe sehr, davon recht bald was zu hören, denn es ist doch eigentlich Menschenpflicht, einen Patienten ein bißchen zu verwöhnen!
Die liebenswürdige Art, mit der man Dich aufnahm u. feierte, wird Dir in gewisser Weise die Anstrengungen erleichtert haben, wenn auch freilich dadurch sogar die Nachtruhe verkürzt wurde. So viel Umstände werden sie gewiß nicht mit jedem Gast machen, wennschon die Münchner ein gemütliches Volk sind. - Ich aber bin ganz besonders glücklich, wenn ich fühle, wie die Kraft Deines Wirkens immer weitere Kreise zieht. Vielleicht kamen manche nur aus Neugier, um den bekannten Redner zu hören, u. erleben mit Staunen, welch ein Gedankenreichtum u. welche Fülle fruchtbarer Anregung sich über sie ergoß. - Der Bericht in der "Münchener Neusten" ist sichtlich recht bescheidener Natur u. doch, wie spürt man auch daran noch - "Deines Geistes einen Hauch." - Die Art, wie in dem Referat von den 3 Bildungsidealen (rel., humanist. u. realist.) berichtet wird, scheint sie völlig abzutun, aber, wie ich meine, wohl im Sinne einer geistigen Verschmelzung.
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| Die Idee ist das Religiöse, die Freiheit das Humanistische, das Pflichtgefühl Realismus in der Wurzel, aber alles hat sich lebendig verwoben u. ordnet das Leben nicht unter ein überliefertes Gebot, sondern unter einen erlebten, überwirklichen Lebenssinn. Diese Vertiefung u. Unmittelbarkeit des Lebens zur vollen Einheit zu bringen in der Zusammenfassung aller menschlichen Kräfte, das scheint es, ist die Aufgabe deutschen Wesens:
"Hier sitz ich, forme Menschen - Nach meinem Bilde -"
ja möchten sie werden u. wachsen nach Deinem Sinne u. unser armes Deutschland wieder zu Ehren bringen. - Wie danke ich Dir für die Kraft u. den Glauben, der selbst noch aus jener schwachen Wiedergabe klingt. Ja, wecke sie zum Leben, die berufen sind, unsre Jugend zu bilden, zu jenem Leben, das sich nicht an die Dinge verliert, sondern wie Luthers Laienpriestertum alles zum "Gottesdienst" adelt. - Das ist das Furchtbare, diese entgötterte Welt, die nur noch das Irdische kennt u. die sich berechtigt glaubt, mit den Dogmen auch den Geist über Bord zu werfen. -
Du beklagtest Dich, daß sich die Sache nicht absolut in Wisenschaft verwandeln läßt. Das aber, meine ich, ist eben doch gerade das Bedeutende Deiner Philosophie, daß sie das volle Leben sieht, u. es nicht in eine abgesteckte Theorie zwängt. Du gibst die Richtlinien, die Bewegung, das Verständnis der Typen u. Zusammenhänge - kein Schema, u. doch ein Ganzes. Du lehrst nicht wissen, sondern verstehen.
Ach, ich kann ja doch nicht richtig sagen, was ich meine, das ist so schmerzlich. Es kommt immer so allgemein, unscharf u. halb heraus, daß es ein Elend ist. - -
Über die Mädchenschulreform, auf die Hermann anspielte, habe ich jetzt von Paula Seitz ein wenig eingehender gehört.
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| Man will sich hier gegen die preußischen Vorschläge wenden. D. h. nicht gegen den 3 jährigen Aufbau, obgleich man ein vertieftes Sprachstudium ohne Grundlage des Lateinischen für problematisch hält, u. außerdem die pekuniäre Durchführbarkeit anzweifelt - auch sei durch die Gabelung das geistige Niveau ein sehr niedriges, denn die besseren Kräfte schwenken in die andern Schulformen ab - wohl aber will man das Abitur auf dieser Grundlage ablehnen, u. ist erstaunt, daß die preuß. Universitäten damit einverstanden waren. - Ist dem so?
Seit gestern rechne ich mich wieder ¾ zur menschlichen Gesellschaft. Es geht sich zwar noch etwas fremdartig auf meinen Beinen, aber ich habe das Stubenhocken satt.
Prof. Gans (a.o.) drängelt zum Glück nicht, sodaß ich vielleicht erst nächste Woche richtig wieder mit der Arbeit anfange. Aber halbtägig beginne ich spätestens übermorgen. - Dr. G. meinte, ob ich nicht auf Kosten einer Kasse in Erholungsurlaub gehen wolle - ist doch eine naive Idee. - Einzig lästig ist mir, daß seit 2 Tagen wieder in Ermanglung andrer Beschwerden die Augenschmerzen eingesetzt haben. Aber ich taxiere, das ist auch überwiegend nervös u. wird sich bald verlieren. Sehr wohltuend ist der hohe Barometerstand u. die größere Abkühlung. -
Während der Krankheit konnte ich ohne Anstrengung viel lesen, leider nur nicht den Dehio wegen seiner Umfänglichkeit. Aber ich "erledigte", was ich schon lange vorhatte, die "Brüder Karamasoff." Die Schilderungen sind fabelhaft; diese Menschen in der Wucht ihrer ungehemmten Leidenschaften treten einem förmlich leibhaft entgegen. Und wie seltsam macht sich darüber der Firniß einer literarischen Bildung u. Halbbildung. Es ist eine
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| mächtige, fremde Welt, in die man hinein sieht, aber die Atmosphäre von Wuttki u. schlechter Luft wirkt bedrückend.
- Dagegen sind die Briefe von Kügelgen eine reine Freude. Am Schluß der Selbstbiographie wurde er mir durch seine orthodoxe Enge etwas unerträglich, aber das verliert sich in der Folge gänzlich, er erringt sich sogar eine relative Freiheit, die ihn im Kreise der Seinen schmerzlich isoliert. Aber es ist alles so fest u. echt in ihm, sein Blick so klar, sein Urteil so weitsichtig, u. ganz besonders entzücken mich seine fidelen Witze. - Wie schrecklich nur für den armen Mann die Farbenblindheit! Er hätte Radierer werden sollen! -
Politisch ist es so unerfreulich wie stets. Das Centrum betätigt den absoluten Machtwillen seiner Abstammung. Sie hatten wohl geglaubt, das Heft schon sicher in der Hand zu haben. - Möchte sich doch die Wendung nach rechts bewähren! Ich fürchte aber, es wird nur zu einem neuen Fiasko, denn die gegenseitige Verbitterung ist zu groß, als daß eine Verständigung möglich wäre.

23.I. Nur noch einen innigen Gruß zum Schluß u. dann bringe ich den Wisch selber zur Post. Soeben in der Zeitung die Nachricht von der Majorität für Luther - ein kleiner Trost. -
Erzähle mir von Deinen weiteren Erlebnissen mit Neubabelsberg. Es beschäftigt mich. Denn ich kann mir nicht denken, daß Adelheid nicht davon überzeugt wäre, daß Du nur ihnen allen zum Besten rätst. - Es wäre auch sonst noch viel zu fragen. So z. B. wie das zu verstehen ist, daß Lubowski erst ein Ersatzstück macht u. dann ziehen will? Ich werde dankbar sein, wenn Du die infektiösen Zähne endlich los sein wirst; es ist sicherlich für das Gesamtbefinden sehr wichtig.
Viel treue Grüße von
Deiner Käthe.