Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Februar 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15.II.1925.
Mein Liebling!
Es ist Sonntag abend u. ich bin allein. Aenne ist nämlich für 3 Tage zu Elisabeth Vetter (s. Hirahof!!) gefahren nach Stuttgart, um deren neue Wohnung zu besehen. Ich dachte Wunder was ich in dieser Zeit fertig bringen wollte, aber es war wieder mal eine Illusion. Gestern um 1 Uhr reiste Aenne, später bekam ich Besuch, mit dem ich den sogenannten Blütenweg, (d. h. oben am Gaisberg hinter den Gärten) ging bei einem pompösen Sonnenuntergang. Dann sprach man mir von der musikalischen Abendandacht in der Peterskirche, die mich schon einmal so begeistert hatte u. ich hörte dort von 8-9 Orgelspiel u. Chorgesang, recht schön, aber ohne tieferen Eindruck. Dann war ich mal wieder müde! - Heute nun habe ich die übliche Sonntagsrevision gehalten u. allerlei geordnet, in der Dämmerung "um den Neckar" von Brücke zu Brücke gelaufen, abends für Onkel u. Susanne Geburtstagsbriefe geschrieben, u. als nun das Beste kommen sollte: das Plauderstündchen mit Dir, da kam wieder die abscheuliche Müdigkeit über mich. So lag ich eine Stunde auf dem Sopha im Halbschlaf u. jetzt habe ich mich mit einer Tasse Kaffee wieder ermuntert.
Mir ist als hätte ich Dir Jahrzehnte lang nicht mehr richtig geschrieben. Es kommt wohl mit daher, weil ein wirklicher Austausch durch Deinen betrübenden Zeitmangel nicht möglich ist, u. weil von mir u. meinem stillen Leben rein garnichts zu berichten ist. Was Du mir von Deinem Befinden meldest, kann mich nicht erfreuen. Aber es ist ja kein Wunder bei der steten Überlastung. Hoffentlich haben die 2 "blauen" Tage recht genützt? Ich freue mich des baldigen Semesterschlusses. Recht ungeschickt liegt gerade vorher noch mein Geburtstag, der Dir vermutlich einige unvermeidliche Mühe verursacht. Laß es Dich nicht bekümmern, liebes Herz, wenn Du keine Zeit dafür aufbringst, sondern hole es dann in den Ferien nach. - Wie wird es sich nur mit den Neuauflagen gestalten? Was nimmst Du
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| zuerst davon in Angriff? Wenn an der Jugenpdsychologie nichts verändert wird, könnte man Dir da nicht beim Korrekturenlesen helfen?
Mit wahrem Entzücken las ich Deinen "Aufruf an die Philologie" wieder. Dies Verlangen nach geistiger Formkraft anstelle des bloßen kritischen Forschens muß doch ein Echo finden! Und dies Betonen des Positiven in der modernen Geistesrichtung fördert sicherlich mehr als tadelnde Ablehnung. Die Gefahr der Haltlosigkeit u. Zersetzung ist ja deutlich hervorgehoben. - Inwieweit wird das Büchlein verändert werden müssen?
Über die Mädchenschulreform habe ich von meinen beiden Gewährsleuten noch nichts wieder gehört. Paula Seitz sagte nur, daß die Beratung in Karlsruh ergebnislos gewesen sei. Es ist doch auch in der Tat unmöglich, daß wirkliche Reformen von solch einem Sammelsurium zufällig zusammen gerufener Leute ausgehen sollen. Da müßte das gute Glück schon einen Geist von entscheidender Bedeutung mitberufen haben, der die Masse zur Einsicht führt. - - Übrigens erwähnt die Sache ja auch schon Susanne in ihrem Brief an mich, aber in einer Form, die ich als Uneingeweihte damals nicht verstand. Ich hielt es für ein Privatunternehmen ihrer Schule. -
Nachträglich ist mir eingefallen, daß Du vielleicht meine neuliche Bemerkung über Johanna Wezel fälschlich auf Dich bezogen haben könntest, da Du ohnehin besorgt warst, sie sei nicht gut auf Dich zu sprechen. So war es aber nicht gemeint. Sondern ganz unabhängig von Dir u. Deinem Einfluß auf sie, fand ich sie diesmal nicht so erfreulich, wie ich gehofft hatte. Sie macht mir den Eindruck, als ob sie sich für ihre tatsächlich doch vorzüglichen Leistungen im Grunde übersteigern müßte, u. sich infolge dessen etwas garzu wichtig nimmt. Es ist ein Vergrübeln u. eine gesuchte Terminologie in ihren Reden, wodurch die natürlichen Lebenserfahrungen bei ihr zu etwas ganz Besonderem u. Unerhörtem werden. Und darin fühlt sie sich unverstanden von Dir u. mir u. sonst wem. - Man möchte sie immer mal auf den natürlichen Boden neben andre
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| stellen u. vor allem empfindet man unwillkürlich an ihr die Goetheworte: Wieviel bist Du von andern unterschieden, erkenne Dich, leb mit der Welt in Frieden! - Ich will deswegen nicht ihre erfolgreiche Arbeit gering achten, das weißt Du wohl.
Was soll nun wohl mit Frl. Knoche werden? Du schriebst nicht, wann u. auf wie lange der Aufenthalt geplant ist? In Neckargemünd kennt Lulu Jannasch 2 ganz gute Pensionen, ich glaube aber unter 5 M wird man es kaum bekommen. Auch Rösel Hecht will ich nach Adressen fragen. Sie kennt oft Leute, die nicht berufsmäßig, mehr aus Gefälligkeit vermieten, Aber Rösel ist bis Dienstag verreist. Nach Neckargemünd werde ich aber jedenfalls mal gehen u. Erkundigung einziehen. Heute war das Wetter zu abscheulich. Es ist als hätten wir schon Äquinoctialstürme. Und dabei blühen bereits die Mandelbäume. Ob diese ungewöhnlichen Witterungsverhältnisse das entsetzliche Unglück bei Dortmund verschuldet haben? Ob Unvorsichtigkeit oder Schuld vorlag?
Ich kann mich an dem unzeitgemäßen Frühling garnicht recht erfreuen. Er scheint mir zu den allgemeinen ungesunden Verhältnissen zu passen. Was sind das für Sensationsprozesse, einer nach dem andern! Wie nach 70 die Gründerzeit in zahllose Kräche ausklang, so bricht jetzt das Gift der ungesunden Spekulationswut wie Eiterherde am Volkskörper aus. Möchte es ein Prozeß der Reinigung u. Erneuerung sein, der das moralische Gefühl wieder weckt. - Wie muß das Gewissen eines Himmelsbach aussehen, der deutschen Wald an die Franzosen verschachert u. der dann noch seinen Ankläger wegen Beleidigung belangen will! Gott sei Dank hat man ihn durch die Verhandlungen zur Genüge kennen gelernt u. seine Klage abgewiesen.
Erneute Besorgnis herrscht auch in Heidelberg nicht nur wegen der alten Brücke, sondern jetzt soll noch der Bau einer
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| Gewerbeschule geplant sein: am Neckar, neben der Stadthalle, über den Neckarstaden hinweg bis ans Wasser, ein großer, hellgelber Kasten! Ist es möglich?! Es ist, als wolle man die Schönheit der Stadt mit Gewalt zu Grunde richten. -
- Deine Reisevorschläge beschäftigen mich oft u. ich glaube, es sollte am besten von Deinem Befinden abhängen, ob die Städte, oder die Natur bevorzugt werden. Am meisten locken mich N 1 u. 4: (Passau, Bamberg, Würzburg, Rothenburg, Wertheim Miltenberg u.s.w. - oder München, Innsbruck, Lugano) - denn so gern ich auch unsern geliebten Bodensee wiedersähe, so steht mir doch der Sinn noch mehr nach einem neuen Stück Welt u. ich glaube, Dir auch? Für die Schweiz müßte ich aber beizeiten für einen Paß sorgen!
Wenns geht, schreibe mir doch eine Karte mit näheren Angaben über die Pläne von Frl. Knoche. (Ich weiß genau, wer das ist, höre noch ihre wohlgesetzte Rede an den blonden, jungen Mann über die Seminararbeit!) Wenn es sich um Nerven handelt, dann ist das Neckartal wohl kaum geeignet. Aber Stetten ist doch wohl sehr primitiv? Braucht sie besondere Pflege, d. h. mit Ernährung etc.?
Nun aber, gute Nacht, mein Lieb. Ich hoffe, Du schläfst schon recht gut u. bist überhaupt recht "pfleglich" mit Deiner Gesundheit. - Was meinst Du mit den Einladungen nach auswärts -: zu Vorträgen? Da bist Du hoffentlich unerbittlich.
Ich denke immer in Liebe an Dich u. mein Glück am 25. wird es sein, daß ich Dich habe. Dafür danke ich dem Schicksal u. Dir!
Deine Käthe.