Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6./7. März 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. März 1925.
Mein liebes Herz.
Der Abend heute gehört mir, denn Aenne ist im Hotel Reichspost bei Albrecht Bolza's. Da schreibe ich natürlich an Dich, mein Lieb, denn danach habe ich schon rechtes Verlangen. Heute wolltest Du die Vorlesungen schließen, nicht wahr? Doch nein - wohl schon am 4. - wenn nicht die Trauerfeierlichkeiten in Berlin Dein Programm behinderten. Sehr erfreut hast Du mich durch Dein heutiges Lebenszeichen - wer hat den Bericht geschrieben? Es macht den Eindruck, als hättest Du die Notizen dazu gegeben. Habe vielen Dank u. ebenso für die Sendung vom 27., Du lieber Hülfreicher. Wie mag die Reise von Frau Riehl verlaufen sein? Und wie anstrengend für Susanne! - - Auch über Deine Ansicht wegen eines Passes etc. wäre ich froh, eine Nachricht zu bekommen.
Hier war dieser Tage eine fabelhafte Unruhe wegen der Bestattung des Reichspräsidenten. Der Zug ging durch die Rohrbacherstr. u. es fanden sich zahlreiche Zuschauer an meinen Fenstern ein. Die Sache war fabelhaft gut organisiert u. verlief ohne den geringsten Zwischenfall. Am Bahnhof war eine sehr eindrucksvolle Dekoration von Arkaden, die den Wandelgang unter der Uhr bis vorn an die Straße rechts u. links fortsetzten, unterbrochen von ganz hohen Pfeilern, auf denen Pechschalen brannten, alles mit Tannengrün u. schwarzen Flor umkleidet. Ebenso würdig u. ernst war die ganze Feier. Ganz besonders auffallend war die feierliche Stille u. gute Haltung des Publikums. Natürlich ist dies zu erklären, weil gerade das "Volk" in Ebert einen der Ihrigen betrauert. Es ist Parteidisciplin - aber gibt es nicht doch zu denken, daß hier die Masse so gebändigt war? Man konnte sich dem Eindruck dieser seltenen Einmütigkeit nicht verschließen u. empfand besonders auch die Achtung, die dieser Mann des Volkes sich auch bei seinen Gegnern erworben hat. - Es ist ein seltenes Glück, daß das Schicksal ihn keinen Abstieg kennen lehrte. Wie hart bedrängte
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| ihn bereits der unlautere Wahlkampf mit verleumderischen Angriffen. - Ja - die Wahl! Wird sie nicht unsre Pläne durchkreuzen? Auf alle Fälle wird man sich ja einen Ausweis geben lassen können, sodaß man auch anderswo wählen kann. Ich werde Dich wählen, mein geliebter Philosoph - frei nach Plato.
Denke Dir nur, was ich für eine merkwürdige Schülerin habe: sie ist geradezu von einem unbändigen Bildungsstreben, lernt Zeichnen u. fremde Sprachen, treibt Musik u. liest - Schillers philosophische Briefe. Dabei ist sie ein frisches, natürliches Mädel. Du mußt sie mal kennen lernen, wenn Du herkommst. Sie kann gewiß von Dir Rat für Ihr Streben finden.
Onkel schreibt, daß Rudi nun glücklich das Abitur gemacht hat. Was nun? - Walther fand den Jungen beim letzten Besuch verständiger. Von Lieschen Schwidtal kam noch keine Nachricht. Und was hat Frl. Knoche beschlossen? Heute besuchte mich Frl. Schneider aus dem Haus am Hag in Neckargemünd, die bis gestern verreist war. Sie macht einen höchst sympathischen Eindruck u. wäre bereit, unter diesen Umständen (Lehrerin!) das junge Mädchen für 4 M aufzunehmen. Sie würde auch ihren eignen Balkon zur Liegekur hergeben. - Sonst ist ihr Preis 5-6 M, je nach dem Zimmer.
- In Bütow bei Hans Hadlichs ist ein kleines Mädchen angekommen, das dritte Kind. - So spinnt sich das Leben weiter, im Kleinen u. im Großen. Wird der Tod von Ebert eine neue Epoche einleiten? Wird es zum Guten sich wenden? Hier haben die Kommunisten gleich am Todestage mit großem Krach Umzug in Autos gehalten u. Flugblätter ausgestreut. Hoffentlich ohne Erfolg! -
Seltsam ist es doch, wie die Verhältnisse stärker sind, als alle Theorie, denn fürstlicher konnte kein Kaiser bestattet werden als dieser Sattler. Es ist eben doch das Reich, das seinen Führer ehrt. Auch der Himmel wollte ihm wohl, während es heute wieder ununterbrochen regnet. - Wer mag als Nachfolger in Betracht kommen? Wieder ein so gänzlich neuer Mann?
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Neben der schönen Besprechung von Kesselring ist Hermanns natürlich bescheidener. Aber es sind warme u. hübsche Worte darin, u. ganz besonders freut mich, wie er die Croner abfertigt.
Also zu Ostern 1900 hast Du das akademische Studium begonnen, Du lieber "Unsterblicher". Kannst Du dir denken, daß wir uns damals noch nicht von Angesicht gesehen hatten?! Das ist zu seltsam, denn ich kann mir garnicht mehr vorstellen, wie ich leben konnte ohne Dich. Vom ersten Sehen an hast Du meinem Dasein den ersehnten Gehalt gegeben. Ich weiß noch so deutlich, wie nüchtern u. schal alles war nach Deiner Abreise. Und noch heute fühle ich immer von neuem die wunderbare Kraft des Lebens, die Dir gegeben ist. Wie gestaltet sich alles zu lebendigem Wachstum in Deiner Hand. Welch feiner, sicherer Sinn für das Organische ist wieder in der Rede über die Universitäten. Man fühlt die Kräfte, wie sie treiben, wie die geistigen Formen sich gestalten mit der Notwendigkeit wie sichtbare Organismen. Man kann nicht willkürlich daran herum doktern, ohne sie zu verkrüppeln. Und eine stille Freude hatte ich auch an dem Gleichnis vom Baum!! - (Willst Du die Blätter zurück haben?)

Am 7. morgens. Gestern war es garzu spät geworden, denn ich mußte noch die Glückwünsche an die liebe Familie schreiben. Heute ist auch allerlei auf dem Programm, aber zum Glück ein hellerer Himmel für die Arbeit. - Die Presse unten von Dr. Davison hat bis auf einen ihre Schüler durchs Examen gebracht. Es ist doch ein rechter Unfug, ganz besonders mit den Doktorarbeiten. Das Renommee der Universitäten leidet bereits merklich. In der Industrie sei der juristische u. nat. ök. Doktor schon bedeutungslos. Kann Du nicht dagegen wirken? -
Frau Davison, Mutter sagt: gestern hat wieder einer eine Doktorarbeit bei meinem Sohn "bestellt" -
Doch ich muß fort - drum nur noch viele liebe Grüße.
Immer u. immer
Deine Käthe.