Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. März 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag. 29.III.25.
Mein liebstes Herz.
Du wirst mit Recht erwarten, daß ich Deine Anfrage eingehend beantworte, denn wenn es Dir nicht wichtig wäre, hättest Du nicht gefragt. Zu einem Briefe aber kam ich nicht sogleich. Wärst Du nicht sehr zweifelhaft gewesen, ob Du dem Unternehmen beisteuern solltest, so hättest Du wohl überhaupt nicht gefragt. Aber was könnte Dich denn veranlassen dazu? Wer Deine Gedanken kennen lernen will, der findet sie in Deinen Büchern. Natürlich hättest Du über das Thema für Jeden Bedeutungsvolles zu sagen - aber daß, Keyserling schreibt Du seiest geeignet, den Begriff logisch zu entwickeln, macht mich stutzig, es müßte denn sein, daß er darunter die innere Wesenhaftigkeit versteht, die all Deine Darstellungen kennzeichnet. - Hattest Du nicht früher ein wenig günstiges Urteil über die Unternehmungen dieses Mannes? Ist es nicht literarische Mache, was er treibt? Ist es nicht vielmehr der baltische Name, der Dich im Augenblick zögern läßt? Ich würde so gern darüber mit Dir sprechen, da ich ja nicht so eingehend orientiert sein kann, daß nicht Gegengründe mir erwünscht wären. Ich persönlich empfinde so: was braucht sich ein König von einem Kaiserling dirigieren zu lassen! Du bist mir zu schade dazu, denn alles was nur nach Mode aussieht, ist Deiner wissenschaftlichen Höhe unwürdig.
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Wenn du glaubst, daß Du an dieser Stelle eine einflußreiche Mahnung in Kreisen vernehmbar machen kannst, die Dir sonst fern bleiben würden, so wäre das freilich ein Gesichtspunkt. Aber glaubst Du wirklich, daß Menschen vor jeder eignen Erfahrung von einem Buch zu leiten sein würden? Gehen nicht in Wirklichkeit die Meisten mit den schönsten Illusionen u. idealsten Absichten an die Sache heran?
Natürlich wäre es für Keyserling sehr wertvoll, Deine Mitarbeit zu gewinnen; aber ist es in Deinem Interesse? Kurz u. gut - ich bin einfach zu stolz, weil ich glaube, daß diese Art der Publikation unter Deinem Niveau ist; wenn ich darin irre, so lasse ich mich von Dir gern belehren.
Noch mancherlei hat mich im Zusammenhang damit beschäftigt - aber da müßte ich endlos schreiben, u. wir sehen uns ja nun hoffentlich bald! Ich lebe ja nur noch im Gedanken daran, mein Einziger.
Soeben war ich zur Wahl - u. falls Stichwahl nötig sein wird, werde ich mir einen Schein ausstellen lassen. Einen neuen Personalausweis kaufte ich schon für 50 <Pfennigzeichen>. Aber einen Paß hätte ich so schnell nicht bekommen, dazu hätte ich erst Gott weiß was für Bestätigungen wegen der Staatsangehörigkeit haben müssen, weil ich nicht Badenserin bin.
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Meine Kunststudien werden wohl kaum den bildenden Erfolg für Dich haben, den Du erwartest. Denn zu einem wirklichen Eindringen scheint mir ein ganz anderes Studium u. zwar an Ort u. Stelle zu gehören. Anfangs verwirrte mich das Wort ohne richtige Anschauung mehr, als es mich förderte. Und ebenso ging es mir mit dem Brinckmann, den ich gleich nach Empfang las u. dann wiederholt vornahm. Es ist sehr interessant, aber in der Darstellung nicht von der vollendeten Klarheit Deines Stils, durch den ich so ungemein verwöhnt bin. Aus der Fülle seines Wissens u. dem Reichtum seiner Beispiele entsteht eine Sprunghaftigkeit, die bei der Unmöglichkeit, alles aus eigner Anschauung nachzubilden, zuweilen überwältigt. Du weißt, ich bin ein Augenmensch, beschriebene Bilder sagen mir nichts u. deshalb sind seine Beispiele mir weniger zugänglich, wo ich die Originale nicht kenne. Seine Auffassung aber scheint mir sehr überzeugend. Und wiederholt sich nicht in diesen Lebensepochen der Humboldsche Dreiklang: Individualität, Universalität - Totalität als
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| verschieden betonter Grundakkord? - Ist das wohl der Brinckmann, der hier in H. wohnt?
Von etwas ungemein Schönem habe ich Dir zu berichten, von einem herrlichen Liederabend. Es ist eine Frau aus hochkultivierter Familie, deren Mann im Krieg verschollen u. die jetzt für ihre Kinder durch Musikstunden erwerben möchte: Else von Löwis of Menar, die Tochter des früheren Ministers v. Dusch. Sie hat eine höchst sympathische Stimme, eine vorzügliche Ausbildung, aber vor allem spricht aus ihrem Vortrag eine so in sich vollendete Natur von edelster Geistigkeit u. schlichter Größe, daß ich immer in Deinem Sinne denken mußte: die höchste Kunst ist auch religiös. - Sie sang Goethelieder (von Zelter bis Wolf) - eins immer schöner als das andre.
- Heute reist nun das Doktorinchen wieder ab, die uns eine liebe kleine Freundin geworden ist. Gestern war ich nochmal mit ihr auf den Neckarsteinacher Burgen. - Von Frau Witting hatte ich einen interessanten Brief u. von Felizitas ein "Briefchen". - - Auf der Bahn sagt man mir, daß ich um 6.56 mit beschleunigtem Personenzug bis 2.48 ohne Umsteigen nach Bamberg führe. Also dort auf gutes Wiedersehen! Deine ungeduldige Käthe.