Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. April 1925 (Nürnberg)


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Nürnberg. 6. April 1925
Mein liebes Herz!
Jetzt dachtest Du, Du wärst mich für 3 Tage los, aber es ist nichts damit!! Während Du heute in Regensburg sprachest, war ich [über der Zeile] sehr gründlich in der Lorenzkirche - aber nach Bamberg will mir dies gothische Schnörkselwerk garnicht zusagen. Wie bist Du gestern weiter gekommen? War die Nachtruhe gut? Ich bin so froh, daß Du jetzt die eigentliche Strapaze hinter Dir hast u. nur noch an allgemeiner Liebenswürdigkeit zu leiden hast. Was wirst Du mir alles zu erzählen haben!
Der herrliche Sonnenschein erleichtert mir das Bummeln hier, u. entweder bin ich überhaupt nicht mehr schüchtern oder das vornehme Ankommen II. Kl. hat mir ein großartiges Selbstgefühl gegeben. Am Bahnhof war zu dem vornehmen Zuge allerdings niemand, ich ließ daher meinen Koffer dort u. wanderte den bekannten Weg allein, bekam gleich ein bescheidenes Zimmer (3,50) aß gut zu Mittag u. bedauerte Dich Ärmsten, der vermutlich garnichts Eßbares bekommen würde. Nach einer solemnen Ruhe fuhr ich - da Sonntag nachmittag ja kein Museeum auf ist - zum Johannisfriedhof, der mit seinen riesigen Steinkästen einen wenig anziehenden Eindruck macht. Die Gräber von Dürer, Sachs u. Feuerbach wurden gerade Engländern gezeigt - dann machte ich mich schleunig davon, durch die alte Stadt zur Burg, wo ich auf der Terrasse vor der Folterkammer eine Weile auf der Bank saß, die Sonntagsspaziergänger u. den schönen Blick über die Stadt betrachtend. - Von dort schlenderte
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| ich "linksrum" wieder hinunter, durch alte Straßen, um die Kirchen u. kam gerade recht, mit der Schar der Confirmanden u. deren Eltern eine Predigt in der Lorenzkirche zu hören - einfach, herzlich, etwas dünn. Es war wohl ein junger Vikar - die Kirche ist diejenige, wo Stählin Hauptgeistlicher ist. - Ich genoß dabei die Wirkung des schönen, lichten Raumes, durch dessen bunte Westfenster die Abendsonne spielte. - Leider Gerüst vor den Chorfenstern u. in der Decke störende Luftlöcher. Nach der soliden Echtheit der romanischen Mauern wirkt der schmucklose Verputz nicht.
Heute nun Germanisches Museeum, nur zugänglich mit Führung. Ein verwirrende Menge, nicht chronologisch, sondern mehr nach Sälen geordnet. Morgen gehe ich wieder hin, aber es soll nicht alles zugänglich sein, sodaß ich noch nicht weiß, was ich ergattern werde. Man bekommt einen Eindruck, was wirkliche Volkskunst ist im Gegensatz zum heutigen Produzieren Einzelner. Man könnte dort wochenlang studieren, um wirklich alles zu sehen.
Was ich nun morgen noch anfangen werde außer dem Museeumsbesuch? Die Zeit wird mir lang werden - u. darum freue ich mich jetzt schon, wenn sie vorbei sein wird.
Hoffentlich hast Du die Anstrengung ohne Schaden überstanden u. man läßt Dir Zeit, ordentlich auszuschlafen. Wie waren die Leute? Möchtest Du gern daran zurückdenken - aber auch gern an übermorgen, wo ich Dich ihnen wieder entführen will. Innige Grüße von
Deiner Käthe.