Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29./30. April 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29.IV.1925.
Mein liebstes Herz!
Die zwei Karten aus der Wirtschaft in Haar wirst Du erhalten haben. Und so lebte ich im Geiste weiter mit Dir! Vielleicht kann es Dein Mißvergnügen über meinen Besuch in Egelfing etwas mildern, wenn Du in Rechnung ziehst, welch wirklich große Freude ich der armen Kranken damit machte. Beim Abschied küßte sie mir ganz spontan die Hand, sodaß ich ganz erschrocken war. - Leider konnte ich während der ganzen Zeit in München den Druck nicht abschütteln, den Deine abfällige Stellung zur Sache mir aufgelegt hatte, als ob nicht am Abschied selbst schon genug gewesen wäre! Trotzdem war ich am Sonntag ¾ Stunde in der Schackgalerie, die durch die Gruppierung in den neuen Räumen ungleich prächtiger u. übersichtlicher geworden ist. Vieles sah ich mit andern Augen als damals, die innere Form redet weit mehr zu mir als Können u. Farbe. Einzelne der alten Lieblinge blieben hinter dem Erinnerungsbilde entschieden zurück. - Ein noch tieferes Interesse weckte mir aber die "Neue Staatsgalerie" (an der wir im Regen vorüber gingen) u. die eine Fortsetzung der Neuen Pina bis in die Gegenwart hinein darstellt. Hans v. Marrées, Leibl, Trübner Slevogt, Corinth, Habermann, eine Fülle vorzüglicher Bilder bis zu den jüngsten Ausgeburten von Munch etc. Auch eine große Auswahl guter Skulpturen (Büste von Heinrich Wölfflin)! ist vorhanden, kurz die 2 Stunden, die ich dort sein konnte, vergingen im Fluge. - Um 9 hatte ich gewählt, um 1 aß ich mit Elisabeth Vetter in einem Bräu, nach dem Kaffee
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| mußten die niedlichen Enkel von Angelika u. die sehr aparte Schwiegertochter besucht werden. Den Rückweg nahmen wir durch den Hofgarten. Wie schade, daß wir am Freitag so durch den Regen behindert wurden. Dann auf dem Platz, der vertieft hinter dem Hofgarten sich ausbreitet, ist etwas ganz Herrliches entstanden. In dem großen Platz ist eine rechteckige Fläche vertieft, rundum durch Stufen zugänglich, u. in der Mitte erhebt sich aus mächtigen Quadern, bedeckt von einer gewaltigen Platte ein Monument. Es erscheint niedrig von ferne, aber die Steine sind über mannshoch u. zwischen ihnen führen überall Stufen hinunter in einen Raum wie ein Grabgewölbe, da liegt ganz gerade u. still ausgestreckt, mit dem Gewehr u. dem Stahlhelm ein schlichter Feldsoldat, in grauem Sandstein gebildet. Er war war von Blumen umgeben, man fühlte, wie dies Symbol zu Herzen sprach, sodaß man ihm ein Frühlingssträußchen in die Hand gedrückt hatte. - Der Stein hat einen wundervoll warmen, goldigen Ton, (so etwa wie die Befreiungshalle, vielleicht etwas dunkler) u. eine dunklere Maserung, sodaß er fabelhaft lebendig wirkt u. auf der Seite der Platte steht mit schöner Schrift: Sie werden auferstehen. - Ich habe Dir einen flüchtigen Umriß gezeichnet, sodaß Du Dir die Anordnung denken kannst. Von der Wucht des Eindrucks giebt es leider kein Bild, es wirkt überwältigend wie ein altes, heiliges Heldengrab.
- Auch diesmal fing es an zu regnen u. wir flüchteten ins Theaterrestaurant zum Abendessen. Als wir dann um 10 Uhr heimkehrten, hörten wir schon die ersten erfreulichen Wahlresultate von München. Aber Angelika jammerte immer, daß sei noch nicht
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| genug: "denn wir müssen Euch doch rausreißen!"
Na, wir sind ja "rausgerissen", Gott sei Dank u. es war großer Jubel bei uns am nächsten Morgen. - Hast Du die Äußerung von Harnack gelesen? Ich erinnerte mich gleich an die wunderbaren Verheißungen, die 1916 Agnes v. Harnack bei Meinels verkündete, u. die sich alle als verkehrt erwiesen. Man sollte doch durch solche Erfahrungen vorsichtiger werden, seine Stimme so maßgebend laut werden zu lassen. Kann denn ein protestantischer Theologe glauben, daß ein Centrumsmann je über den Parteien stünde? - - Natürlich sehen wir alle die Schwere des Amtes, die unserm Hindenburg aufgebürdet ist, aber wir "Altpreußen", wir sind ihm in Verehrung treu, was auch komme.
Angelika in ihrer lebhaften, klaren Art ist eine echte Patriotin, sie verfolgt die Entwicklung sehr intensiv. Und ihrer Meinung nach hat Hitler - so wenig man im ganzen mit der Partei übereinstimmen kann - doch das eine unschätzbare Verdienst, Bayern wieder national gemacht zu haben.
Elisabeth Vetter wollte sich bei Ludwig Klages in der Graphologie weiter bilden. Er ist aber in der Schweiz, u. so ist sie am Dienstag wieder nach Stuttgart gereist, nachdem sie den Psychologen-Congreß in München mitgemacht hatte. Sie scheint also doch zielbewußt zu arbeiten u. hat die Einsicht, daß sie leider: "mehr gelernt haben sollte." Wie weit ihre Veranlagung reicht, kann ja wohl nur die Erfahrung lehren, jedenfalls ist großes Interesse u. Streben da.
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Der Aufenthalt bei Angelika war sehr behaglich. Sie wohnt nur leider sehr weit von der Stadt, sodaß man viel Elektrische fahren muß. Am Montag hätte ich gern den schönen Athene-kopf in der Glyptothek besucht, aber ich war zu müde. So blieb ich bei Angelika, u. sie begleitete mich dann um 12 zur Bahn. Die Reise ging glatt u. ich verlor keinen Hut.
Wenn ich jetzt nur schon wüßte, wie Du ankamst? Ich kann den Eindruck Deiner Angegriffenheit garnicht abschütteln. Die Nachwirkung der Tour u. der Wetterumschlag zu Schneegestöber lagen Dir wohl in den Gliedern. Aber es bekümmert mich doch sehr, daß dies gerade der Abschluß der Erholungsreise sein mußte. Wie gut nur, daß wir nicht noch länger in Egern blieben; es muß ja dort unerträglich geworden sein. Auf der Reise sah ich viel Blüten von Stuttgart ab. Die Geislinger Steige aber war kahl u. rauh. Wie steht es damit bei Euch? Und was vor allem hat sich bei Lubowski entschieden? Ich bin so ungeduldig, davon zu hören,habe am Montag in der Bahn beständig daran gedacht, während ich halb schlafend in meiner bequemen Ecke saß. Denke nur, die Fahrt kostete 17,50 M.!
Dienstag war ich gleich bei Dr. Gans, der viel zu tun hat. Beim Augenarzt wurde ich gründlich untersucht u. habe nun seit 2 Stunden eine tadellose neue Brille, mit Zeiß-punktal-gläsern, mit der ich so gut sehe, wie lange nicht. Arbeiten konnte ich mit der alten aus Cassel leider nicht, aber zum Lesen reichte sie aus u. so habe ich mich gleich auf das erneute Studium dessen gestürzt, was mir die Reise an Eindrücken gebracht hat. Es tut doch immer not, die Erinnerung zu klären u. zu festigen, u. dann sieht man auch recht,
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| wie viel noch aufzunehmen gewesen wäre. Es scheint mir nicht mehr als eine Orientierung, was wir genießen konnten.
In meinem Büchlein der Alpenflora habe ich gesucht, was wir Blühendes an unserm Wege fanden. Auch Adele Henning habe ich konsultiert, aber sie weiß nicht mehr als ich. Der alte Herr war dabei, lag kümmerlich auf dem Sopha, u. bemerkte launig: der Mann hätte doch recht gehabt, der sich wunderte, woher nur die Leute wüßten, wie all die Blumen heißen. -
Also das, was Du als "Hyazinthe" bezeichnetest, halte ich für Pestwurz, die gelbe Blüte, nach der ich Dich fragte ist Huflattich, u. die unbekannte Blume von dem Weg an der Rottach heißt - uns zu Ehren! - Zahnwurz! Ist das nicht sehr geschmackvoll?
Von Günther habe ich ein nettes Briefchen bekommen, "kolossal" erfreut. Gerade mit diesen Kindern möchte ich Familiensimpel gern in näherer Beziehung bleiben.
Noch immer habe ich das Schlafen nicht wieder richtig gelernt u. wache gerade wie in München immer um 4 Uhr auf, was mir entschieden zu früh ist. - Am Sonnabend wird Aenne abreisen, u. Liesel geht am 1. Mai. Eine Monatsfrau, die 3 x in der Woche kommt, hat sich glücklich gefunden; hoffentlich werden wir zusammen auskommen. Frau Davison erklärte, nicht allein in der Wohnung schlafen zu wollen, also muß ich für die Nacht hinunter. Das ist mir nicht gerade sehr gemütlich.
- Das Ohr war schon wieder mal entzündet. Wenn es jetzt noch einmal dazu kommt, dann werde
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| ich doch an einen Arzt glauben müssen. Ich fürchte immer, es ist eine Fistel da, die sich stets von neuem füllt.
Also morgen wird nun der regelmäßige Fahrplan wieder beginnen. Ich empfinde dankbar, daß ich mich doch entschieden recht erholt habe. Was gäbe ich darum, wenn Du das auch sagen könntest! Ja, ich würde Dir von Herzen gern meine Erholung abtreten. Wenn doch morgen früh eine Nachricht käme!
Es war doch sehr hübsch, daß wir Felizitas in München noch sahen, das wird Dich auch mit der unbeliebten Stadt ausgesöhnt haben. Ich denke noch mit Freude an den lieblichen Eindruck ihres fröhlichen Wesens.
- Nun ists aber 10 Uhr u. morgen fängt der Tag wieder früh an, darum gute Nacht. Sei mir in Liebe gegrüßt u. laß es Dir gut gehen!
Deine

Käthe.

30.IV. Wie schmerzlich, auch heute noch nichts von Dir zu hören! Natürlich fange ich gleich an, mich zu ängstigen, daß Dich die beabsichtigte Procedur am Montag recht krank gemacht habe? Du versprachst doch, bald zu schreiben u. jetzt ists fast eine Woche, seit wir uns trennten.
Nun gehe ich in die Klinik - u. werde durch das mikroskopische Bild den Tegernsee u. die beschneiten Berge schimmern sehen u. werde im Herzen all das ungelöste Sehnen fühlen, das keine Worte fand. Werde nicht irre in Deinem Vertrauen, mein Liebstes, ich fühle Dich auch ohne Worte u. trage Dich im Herzen. Quäle Dich nicht in unverstandener Einsamkeit, ich verstehe u. verehre die tiefe Notwendigkeit Deines Wesens. - Jedes Ding währt seine Zeit, Treue Lieb' in Ewigkeit.
Deine Käthe