Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2./3. Mai 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Mai 1925.
Mein liebes Herz.
Soeben komme ich vom Neckar, wo man Hindenburg mit einem wundervollen Fackelzug ehrte. Von der Stadthalle ging es aus, ruhig u. ernst, es war eine fast feierliche Stille, eine endlose Reihe von Lichtern, vor allem studentische Verbindungen, aber auch viele Bürger, jugendliche Vereine, frühere Militärs etc.* [li. Rand] * natürlich auch einige Musikkapellen. - die wandernden Lichter zogen über die alte Brücke, auf der Neuenheimer Seite zurück. Das sah wundervoll aus über dem Wasser, der ganze Neckar wie flüssiges Gold. Von Brücke zu Brücke reichte die Kette der Flammen, u. ich mußte denken, wie jedes dieser rötlich warmen Lichter das Symbol ist eines treuen deutschen Herzens. Es waren viel gut aussehende Menschen dabei u. man sieht doch, daß noch eine tüchtige Schaar vorhanden ist, auf die man hoffen darf. - Wie ernst u. schwer die Lage ist, das fühlt man stündlich. Ich war ganz darauf gefaßt, daß man die Feier stören würde, aber es scheint nichts vorgekommen zu sein. Nur jetzt ist eine Gegendemonstration am Gewerkschaftshaus. - Seit gestern habe ich nun endlich die einzige der hiesigen Zeitungen, die rechts orientiert ist. Es ist ja auch nur ein "Blättchen", aber wohltuend gegen das frühere.
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Sonntag morgen.
Mein Einziger. Draußen scheint endlich einmal wieder die Sonne. Aber sie dringt nicht durch. Mir ist zum Sterben einsam in dieser rätselhaften, dunklen Welt. Kannst Du mir denn garnicht sagen, was ich Dir getan habe? Ich fühle in Deiner Nähe, aus Deinem Brief eine heimliche Feindseligkeit gegen mich, für die ich in mir keinen verständlichen Anlaß finde. Sage es mir doch, mein unendlich geliebter Freund, ich ertrage diese Halbheit nicht. Ich lebe nur in dem Gedanken an Dich. Ich fühlte so tief in Lenggries wie all jene Vergangenheit von mir abgefallen ist u. wie mein ganzer Lebenssinn in Dir beschlossen ist. - Der Besuch in Egelfing, den Du so dauernd mißachtest, war eine Pflichterfüllung; ich habe mich nie, auch in ihren relativ gesunden Tagen mit Tante Jenny "verständigt". Ich ging nicht um meinetwillen hin, sondern weil sie früher gut zu mir war u. ich ihr Dank beweisen wollte. Außerdem war es rein sachlich gut, da man durch den Augenschein erfuhr, daß sie aus dem früheren Einzelzimmer in den Saal verlegt worden ist, was man ja von ihr, die nie schreibt, nicht erfahren hätte.
Du bezeichnest unsre Reise als mißglückt, u. hast damit wohl in der Hauptsache recht. Immerhin kommt es wohl nicht eigentlich darauf an, alles in einer Stadt gesehen zu haben, sondern Einiges recht. Für meine Aufnahmefähigkeit war es zu viel in kurzer Zeit. Vor allem war ich durch den Dehio auf das Romanische eingestellt, das man
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| in seiner schlichten Größe doch gerade im Gegensatz zum Passauer Dom klar empfand. Es ist vor allem das tiefe Gefühl für Gesetz u. Rhytmus, das mir aus diesen Bauten spricht, während der italienische Einfluß auf Pracht u. Schmuck gerichtet ist.
Das sind natürlich Plattitüden, aber die Grundkräfte sind nun einmal einfach u. es tut wohl, ihr Wirken zu spüren.
Ich hatte so gründlich vorher gearbeitet, daß mir tatsächlich bei verschiedenen Einzelheiten zweifelhaft wurde, ob ich sie in Natur oder nur im Bilde gesehen hatte. -
Daß Du nun wirklich zu Pfingsten nicht kommst, ist mir sehr hart. Vielleicht ist es ja aber auch nur eine Illusion, daß ich meine, ich könnte Dir dann näher sein, als es in diesen verflossenen Wochen der Fall war. Es ist ja nicht zum erstenmal, daß ich solch schwere Zeiten durchmache. Aber es muß auf beiden Seiten der gute Wille da sein, sie zu überwinden. Du suchst ein Widerstreben, einen vermeintlichen "Trotz" hinter mir, von dem auch nicht ein Schatten vorhanden ist. Aber ich werde still u. scheu, wenn ich bei jedem Wort auf Ablehnung stoße. Etwas zu erzwingen, ist mir von Natur entgegen u. durch jahrelangen Zwang noch doppelt unmöglich geworden. Ich vertraue so tief auf die stille, unüberwindliche Kraft eines treuen Willens. Ich fühle, daß Du leidest u. es liegt schwer auf mir. Es ist in Dir eine stille Krisenzeit, die sich in nervöser Reizbarkeit Luft macht, u. ich würde dies alles nur mit Dir fühlen, wenn ich nicht
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| fürchten müßte, daß gerade meine Art zu sein Dir noch mehr Anlaß dazu gäbe.
Was kann ich tun? Ach - was kann ich tun? Ich bitte Dich, antworte mir. Zeige mir einen Weg, denn dieser Zustand ist unerträglich. Vergeblich habe ich gesucht, mit Schweigen u. Geduld ihn zu überwinden. - Sage mir nicht, das hat doch keinen Zweck. Denn es kann doch zwischen uns nur Wahrhaftigkeit sein. Gerade daß Du die Karte von Angelika als eine Heimlichtuerei von mir auffaßtest, hat mich ganz ratlos gemacht. Sie antwortete einfach auf die andern Fragen nicht, weil sie nicht Bescheid wußte. Aber daß ich vor Dir nichts verberge, auch wenn es vielleicht klüger wäre, das dächte ich, könntest Du wissen. Weißt Du es nicht? -
Von den vielen Nachrichten Deines Briefes bin ich über die zahnärztliche Entscheidung nur halb befriedigt, denn ich habe doch gesehen wie wenig ausreichend Deine Ernährung bei dem gegenwärtigen Zustand ist. Aber freilich entschließt man sich nicht ohne dringende Not zu solcher Radikalkur.
Da mein Ohr dauernd eiterte, ging ich schließlich doch noch zum Ohrenarzt. Er ist nicht für Lokalbehandlung der Furunkulose, fand aber beide Ohren nicht normal u. gab mir eine Salbe (Du siehst also, es ist nicht lediglich mangelnde Apperception). Dann verordnete er mir eine Omnadin-Kur, die ich in der Hautklinik machen sollte. Da habe ich aber gestreikt, u. zwar in völliger Übereinstimmung mit Frl. Dr. Clauß. Das Mittel wird als Einspritzung gegeben wie andres Serum auch, ist aber noch
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| garnicht sehr erprobt. Ich bin also zu den Einreibungen mit Staphimmun zurückgekehrt, das schon einmal zu helfen schien. Ich entschloß mich zu der Consultation des Arztes nur, weil ich auch ziemlich starkes Ohrensausen bekam u. womöglich nicht gleich ganz taub werden möchte.
Daß Frau Knauer die Welt mit einer neuen Heilmethode beglückt erinnert mich lebhaft an eine Figur aus dem "Totenreich." Es scheint, als ob keine Karikatur ärger sein könnte als die Wirklichkeit.
Bei dem entsetzlichen Unglück im poln. Korridor war auch von hier der junge Windelband, der infolge eines Rufes in Königsberg gewesen war. Er ist in dem Schlafwagen gewesen u. hat 4 Stunden lang bei der Bergung geholfen.
Die Charakterlosigkeit von Harnack ist, fürchte ich, noch nicht so allgemein bekannt, u. hat gewiß doch den Sieg von Hindenburg beeinträchtigt.
Die Äußerungen von Marx sind von einer so heimtückischen Feindseligkeit, daß ich ganz empört war. Leider ist mir Hindenburgs Antwort noch nicht bekannt. - Was dieser Mann uns bedeutet als Sinnbild einer teuren geistigen Erbschaft, das ist eben nicht abzuwägen. Er wird sich keinen Illusionen hingeben über das, was er erreichen kann. Aber er wird uns wieder mit der Würde eines stolzen, geraden Charakters vertreten - u. Gott gebe ihm die rechten Männer zu Helfern, u. gebe ihm eine starke, entschlossene Gefolgschaft im Volke.
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Sind von den Meldungen zur Studiengemeinschaft so viele untauglich? Es ist aber doch wohl günstig, wenn der Kreis nicht sehr groß wird? - Sage mal, wo ist denn Dein Bericht über den Regensburger Vortrag erschienen? Ich hätte ihn so gern; er war so knapp u. gehaltvoll - ein richtiges Kunstwerk. - Das Kriegermonument steht unmittelbar vor dem Armeemuseeum, ob es Regimentsdenkmal ist, konnte man aus der Inschrift nicht entnehmen. -
Daß die Münchner Tagung ein neuer Beweis von dem Siege der Struktur-Psychologie ist, wird Dich freuen. Es ist eben eine grundlegende Stellungnahme, auf der man weiter bauen, die man aber nicht mehr verleugnen kann, nun sie einmal gegeben ist. Diese Stellung in der Geistesgeschichte ist festgelegt; aber noch wichtiger ist mir, was Du mit dieser wissenschaftlichen Grundlegung in der Anwendung wirkst. Die unglaubliche Verbreitung Deiner Jugenpsychologie ist doch nur erklärlich weil jeder fühlt: hier ist Leben, mein eignes Leben mit seiner Not u. seinem Streben. Deine Stimme wird gehört u. wo es not tut, wirst Du von neuem sprechen u. wirst den wahren Staatsgedanken über dem Parteigezänk aufrichten. Glaubst Du nicht, daß Hindenburg auch Deine Hülfe braucht? Gerade daß Du nicht parteipolitisch gebunden bist, macht Deine Wirkung so menschlich tief. -
Wenn Du doch irgend etwas hättest, was ich für Dich tun kann. Wie gern schrieb ich damals die Zettelchen für den Goethe-vortrag! Laß mich doch Korrekturen mitlesen! Auch blinde Hühner finden doch zuweilen Körner. - Aber es soll keine Quälerei für Dich sein. Du weißt, ich will nur was Deinen Zielen dient. Sei in Treue gegrüßt von
Deiner Käthe.