Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Mai 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Mai 1925.
Mein geliebtes Herz!
Habe Dank für Deine lieben Zeilen, die mich wieder aufleben lassen. Ich danke Dir für jedes gute Wort u. für die liebe Treue, die ich durch alles hindurch fühle. Aber diese Treue soll nicht zur Quälerei für Dich werden - u. so schien es mir in Egern! Weil ich fühlte, daß Du mich anders willst, darum war ich befangen u. unfrei. Das allein kann Dir als zerstreut erschienen sein, denn es gibt nichts, was mir in Deiner Nähe wichtig sein könnte. Gerade in dem Wunsch, Dir keinen Anlaß zur Verstimmung zu geben, tat ich immer das Verkehrte. Es war, als verfolge mich ein böser Dämon - u. das fing schon in Neckarelz an! -
Beständig fühlte ich das qualvoll Negative Deiner Stimmung u.
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| das legte sich lähmend über mich. Denn das wirst Du doch wissen, daß meine scheinbare Ruhe nicht Ausgeglichenheit ist, sondern daß der Kampf kein Ende nimmt.
Daß ich Dich nicht fand, dem jeder Gedanke, jede Regung in mir entgegen kommt, das war meine Qual. Daß ich nicht redete, das war meine Schuld; aber es liegt in der grenzenlosen Scheu, die ich vor jeder Zudringlichkeit habe. "Wenn es ihm wohltäte, mit mir zu sprechen, dann würde er es doch von sich aus tun."
Laß mich wieder teilhaben, mein Einziger, gieb mir die Hälfte dessen, was Dich quält, daß ich Dir tragen helfe. Habe Du Nachsicht mit meiner Unzulänglichkeit u. denke, daß ein reiner, fester Wille alles vermag. Und lehrt die Liebe nicht alles verstehen? Du hast ja keine
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| Ahnung, wie abhängig mein ganzes Dasein von Dir ist, Du Leben meines Lebens. All der schöne Erholungsfirnis ist schon wieder fort in der Qual dieser Wochen, u. jede Nacht um 4 erwache ich, wie von einer Uhr geweckt - u. liege in grübelnden Gedanken u. Selbstquälerei. Was ist mein Leben, wenn es Dir nichts sein kann?
Aber ich will ja nicht von mir reden! Weißt Du wohl noch, ich sagte Dir einmal, daß ich das Schicksal bat: "laß mich eine Stufe sein auf seinem Wege!" - Ich habe kein Recht zu klagen, sondern nur zu danken.
Du Lieber, Guter aber vergrabe Dich nicht in das Gefühl der Unverstandenheit. Wohl fühle ich die verhängnisvolle Kehrseite Deiner geistigen Überlegenheit, die Dich
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| so schmerzlich isoliert. Das Erbteil des Vaters mit seiner kritischen Schärfe hat eben die Oberhand, aber es sind nie Deine glücklichen Zeiten gewesen, wenn diese Periode einsetzte. Ich empfinde es, wie eine Notwehr gegen das andrängende Leben, ein Versteckspielen um nicht berührt zu werden.
Ach, die armen, überempfindlichen Nerven - wie viel hatten sie von meinen tauben Ohren u. blinden Augen zu leiden! Aber das Eine mußt Du mir versprechen, ich beschwöre Dich: sündige nicht so auf Deine Gesundheit; den ganzen Tag angestrengt ohne Essen hinzubringen, das ist selbst für starke Nerven nicht gesund. -
Das Leben ist Dir jetzt eine neue Wendung schuldig - sei es eine
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| Aufgabe oder was sonst! Das Gewohnte hat den Reiz des Neuen verloren, es [unter der Zeile] sind keine Illusionen mehr da. -
Sind denn die Menschen wirklich alle so minderwertig? Wo ist die große Güte Deines Herzens, die sonst in jedem den Suchenden sah, dem Du - gerade Du helfen kannst? Sie haben zu viel von dir gefordert - u. alle wollen nur etwas von Dir! Ich will nicht fordern, geliebtes Herz, u. doch brauche ich Dich nötiger als die Luft zum Leben. Wie mache ich das nur? Ist es nicht vielleicht gerade die Scheu, Dir lästig zu fallen, die mein Wesen unpersönlich erscheinen läßt, als wäre da nichts Eigenes? -
- Heute endlich habe ich wieder das Gefühl des Wirkens von Dir zu mir. Nicht als ob ich Dir nicht immer nahe gewesen wäre u.
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| die Last Deiner inneren Lage gefühlt hätte. Aber es war ein schweigendes Wissen. Ach, hätte ich doch all das, was mich bewegte vor Dir ausschütten dürfen! Wie gut kann ich das in der Stille der Nacht - u. wie verschlossen bin ich Aug in Auge! - Es ist ja so seltsam, wie Du oft schreibst, was ich genau so schon gedacht habe. Du nennst das Instinkt, dies Wissen ohne Worte, - aber es ist eben doch ein Wissen!
- Daß Du mich Korrekturen lesen lassen willst, danke ich Dir herzlich. Ich werde mir große Mühe geben! Wie aber ist es mit dem Sekretär? Ich bitte Dich, zögere nicht, Dir eine brauchbare Kraft heran zu ziehen.
Ob Du wirklich beim Einzug Hindenburgs Spalier gestanden hast? Ich hoffte es im stillen, denn ich hätte es auch
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| getan! Laß uns die Freude an dieser ersten tieferen Wendung zum Besseren in unserm Volksleben nicht stören durch törichte Unken. Wir wissen selbst, daß es noch längst keine gerade Linie nach oben sein wird, die vor uns liegt, aber es ist doch ein Aufathmen nach langer Mutlosigkeit. Und was die politische Einsicht des alten Mannes betrifft, so scheint mir doch, daß er 1918 der Einzige war, der der Situation gewachsen blieb u. der realpolitisch rettete, was möglich war. -
Ob der Frieden in Klösterli von Dauer sein würde, wenn Heyses nicht fortgingen? Ich zweifle, aber da ich ja allein von der Kenntnis des eigentlichen Konflikts ausgeschlossen bin, kann ich wohl nicht sicher urteilen. - Was hörtest Du wohl über die Krankheit des Herrn Quelle?
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Aenne schreibt ziemlich dürftige 2 Karten aus München.Das neue Mädchen kommt erst zum 1. Juni. Onkel denkt etwa am 15. hier zu sein, der Vorstand einige Tage später. Mir wäre es lieber, sie bliebe noch etwas bei Elisabeth, denn dann fällt natürlich ein gut Teil häuslicher Sorge mehr auf mich. Bisher war alles sehr fein, die Monatsfrau ist ordentlich u. ich bin besser bedient, wie seit langem. Das Essen im Schiff ist tadellos u. ich wollte, wir hätten es so gehabt.
- Daß Du den Philologen absagtest, ist mir lieb, um der Anstrengung willen, die es Dir erspart. Ich hatte Onkel damals gesagt, daß Du zu Pfingsten hier wärest, er also im Mai kommen möchte. Nun ist er
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| ja aber im Bleiben nicht behindert. Ich habe keine Ahnung, wie lange er es plant, aber ich möchte es ihm gern behaglich machen. Ist es doch das letztemal, daß ich dazu in der Lage bin! - Denke nur, ich werde von den Deutschen u. Darmstädter Bankaktien etwa 50 M Dividende bekommen. Das ist doch ein unerwarteter Zuschuß u. soll mir helfen, Onkels Aufenthalt zu verschönen. Auch verdiene ich eben ganz tapfer u. habe von Springer für die Arbeit im März 157 M bekommen. Jetzt kaufe ich mir aber auch einen Zwicker, denn die ewige Komödie mit der Brille ist zu lästig.
Hörtest Du etwas über die Akademierede von H. Maier? Daß er kein großes Feingefühl weder
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| für Menschen noch für Situationen hat, kann ich mir denken. - Du hast es im Übermaß - er leidet daher weniger, u. Du leistest umso mehr! Denn alles will mit Leiden erkauft sein! -
Daß wir die Bilder des Hans v. Marées nicht zusammen sehen konnten! Ich kann den Eindruck nicht vergessen. Erst die Selbstporträts: der feine, blasse junge Mensch, u. der durchgeistigte, zermürbte gereifte Mann - vollendet in Technik u. Ausdruck. Dann die Kompositionen: Idealgestalten vor südlich reichen Landschaften, griechisch in Gestalt u. Geste, dem gemeinen Leben entrückt - u. doch nicht restlos frei geworden, technisch verquält durch endlose Übermalung, die das Bild fast zum Relief
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| machte; man fühlt das vergebliche Ringen nach freiem Ausdruck des innerlich Geschauten. - Eine Hölderlin-natur, die tiefe Tragik des Unvollendeten. - Ich aber muß denken an das Martyrium des Erfolges! Davon ahnen wohl wenige etwas.
Auch Kügelgen nicht, wie mir scheint, dessen Brief mir ein wenig gezwungen vorkommt.
Mein Lieber, Einizger, sage nicht, ich solle Nachsicht haben - die brauchst Du Für mich! Aber verbohre Dich nicht u. habe ein wenig Geduld. Der Sinn Deines Lebens führt Dich zu neuem Tun, laß reifen in Gelassenheit. Aber verzehre Deine Kraft nicht in Sorge u. hoffnungslosem Leidenswillen. Laß Dir heute - in den 7 mageren Jahren - genügen
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| an dem Bewußtsein treuer Pflichterfüllung. Ist denn im Prinzip mein Leben anders? Nur steht bei mir keine Leistung dem freudlosen Ablauf des Tages entgegen. Und doch lasse ich kein Mitleid mit mir selbst aufkommen, ich will nicht unterliegen, u. Du - Du kannst es noch viel weniger.
Hindenburgs Werk von "dieser Welt, in der man sich auf nichts verlassen kann" klingt mir im Ohr u. wir wollen mit ihm einen Grund bauen, auf den man sich verlassen kann. Laß mich doch wie sonst als Schutzwall stehen vor Deinem lieben, allzu verwundbaren Herzen. Und wenn ich der Stein bin, über den Dein Weg hinwegschreitet, laß es gut sein - er soll kein Stein des Anstoßes sein!
Sorge für Dein Wohl - auch das ist Pflicht!
Immer
Deine Käthe.

[li. Rand S. 9] Mit meinen Ohren geht es besser. Aber was ist es mit der Schwere in Deinen Gliedern? Vermeide doch weites Gehen - Du hast Dich vielleicht in Lenggries <Kopf S. 9> übermüdet.