Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Mai 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Mai 1925.
(Die kalte Sophie!!)
Heute morgen bekam ich Deinen Brief, mein lieber Einziger, aber noch bin ich ganz fassungslos über seinen Inhalt. Wie ist eine solche Verzerrung alles Menschlichen möglich in einer so hochstehenden Seele! Wie entsetzlich ist dieses Zerbrechen alles Edleren u. Höheren, dies Durchbrechen des brutalen Ich, wenn die normalen Funktionen des Geistigen aufgehoben sind. Aber das Schwerste ist doch, daß solche Krankheit nicht als Krankheit behandelt sein will, sondern mit dem Anspruch voller Lebensberechtigung auftritt. Könntest Du als Psychiater "Symptome" sehen, anstatt unter persönlichem Verlust zu leiden u. von der Sinnlosigkeit dieses Erlebens aus tausend Wunden zu bluten - dann könntest Du vielleicht wie ein Arzt helfend eingreifen. Aber Du bist zu nahe u. zu tief betroffen, - Du lehnst Dich auf, denn Du machst im tiefsten Grunde die Kranke doch verantwortlich für ihre Worte. - - Meinst Du nicht, es wäre richtig, wenn Du Dich jetzt ganz konsequent zurückhieltest? Ich glaube, das würde ihr doch imponieren. Es wäre mir so schwer für Dich, wenn Du Dich bei solch zwecklosen Erörterungen hinreißen ließest u. jener gefürchtete Bruch bliebe als ein Stachel in Dir zurück. - Könntest Du nicht brieflich Deine stets gleiche Hülfsbereitschaft versichern, einen mündlichen Verkehr augenblicklich für undurchführbar erklären? Wenn Heyses fort sind, wird Deine Gegenwart wieder wohltun. - Ob Heyses nicht um ihrer eignen Zukunft willen dies Fortgehen von Berlin begrüßen sollten? Denn daß in dem Zusammenleben in Klösterli noch Segen wäre, kann ich nicht glauben. - Für Deinen wissenschaftlichen Standpunkt Heyse gegenüber kannst Du volle Verantwortung übernehmen. Wenn andre Universitäten geringere Ansprüche machen, so fragt sich noch, ob es zum Besten des Dozenten ist. - Ich bitte Dich, lehne doch jetzt jede Diskussion brieflich oder mündlich ab, weil die Basis zu einer Verständigung fehlt. Es ist besser eine Zeit zu schweigen, als im Zorn auseinander zu gehen!
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Es ist ja nicht möglich, auch nur annähernd zu schreiben, was mich in Gedanken bewegt. Von den großen Worten über Seelengröße u. Treue u.s.w. laß Dir doch nicht imponieren. Wer Dich nicht als treu kennt, der hat Dich nie gekannt. Sei der Du bist u. laß Dich von keinem lieblosen Zwang beirren.
Und daß sich Neid u. Feindschaft gegen Dein Werk erheben? War es nicht eigentlich zu viel des glatten Erfolges? Jetzt sollst Du auch den Wert Deiner Leistung an dem Widerstand kennen lernen, den die alten Gegner mobil machen! Sie werden sich selbst richten, wie s. Z. der Kühnel, u. ich bin froh, daß Du Dich nicht in Kontroverse mit ihnen einlassen willst. Du tätest ihnen zu viel Ehre an! (Wie wohl leider auch dem Hellpach mit Deiner erneuten Weigerung.) - Schreibe mir doch, wo die Sachen gedruckt sind, dann will ich sie für Dich lesen, damit man doch weiß, wie sie es machen.
Haben wir uns nicht lange schon zu jenem "Dennoch" bekannt? Glaubst Du, mein Heißgeliebter, daß Du in jener "realistischen Welt", in bürgerlichem Behagen glücklich wärst? Ich wäre die Letzte, es Dir zu mißgönnen. Aber die Art, wie Du es suchst, sieht nur nach Betäuben aus u. nicht nach Frieden. Ich glaube, daß jene zweite Seele Dich nicht ruhen ließe - jene Seele, die da schaffen muß, damit es kund werde, daß ein Gott die Welt regiert. Warum wird Hindenburg nicht müde zu dienen? - weil er wohl die Illusionen, aber nicht den Glauben verloren hat, den Glauben an das was sein soll.
Auch ich habe ihn gesehen, für Sekunden stand ich ihm Aug in Auge gegenüber u. es war wie ein seltsames Verstehen, das mich in Ehrfurcht vor ihm beugte. Er steht aufrecht in jener "Welt, in der man sich auf nichts verlassen kann", u. er ist der Geist, an dem wir neu erstarken sollen. Laß uns mit ihm gehen in Vertrauen, denn aus dem Vertrauen wächst das Leben.
Für heute will ich nur diese Zeilen noch zur Post bringen, denn es drängt mich, bald mit Dir zu reden. Vieles, was ich noch schreiben möchte das nächstemal. - Noch habe ich keine Nachricht, wann Onkel kommt - der Vorstand will am Dienstag zurück sein. Leider haben wir jetzt volle Sommerhitze. - Von Lieschen Schwidtal kam ein Brief; sie sieht den Hauptvorteil von Onkels Reise in seiner Entfernung von Ida, u. das war s. Z auch mein <li. Rand> Motiv, als ich ihn einlud! Auch dieselbe Tragik. - Aber zwischen uns laß Frieden sein u. Liebe. Deine Käthe.
[li. Rand S. 1] Grüße auch Susanne herzlich.