Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21./22. Mai 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21. Mai 1925.
Himmelfahrtstag.
Mein geliebtes Herz.
Ein Tag wie der andre leuchtet vom wolkenlosen Himmel, aber die Feiertage der Natur können mich nicht froh machen. Immerfort wandern meine sorgenden Gedanken zu Dir u. ich möchte am liebsten alles hier im stich lassen, um in dieser schweren Zeit bei Dir zu sein. Könnte ich doch einen Wall um Dich aufrichten, daß diese grausame Enttäuschung, die für Dich in der unbegreiflichen Veränderung der "Mutter Sophie" liegt, nicht solch unversöhnliche Härte hätte! - - Dein Wort von den wesentlichen Kräften in Dir, die nicht zur Auswirkung kommen, verfolgt mich unablässig. Das darf nicht sein u. Du wirst wirst ganz gewiß dahin kommen, sie zu entfalten. Nur daß Du diese Welt in Gegensatz stellst zu dem, was Dein tiefster Beruf ist, zu dem schöpferischen Führertum im Reiche des Geistes - das macht mich stutzig. Wer wird denn wegen einer niedrigen Anfeindung an der guten Sache irre werden! Die Lebenskraft Deiner Gedanken ist durch keine Angriffe zu vernichten, denn alle Wahrheit ist unüberwindlich. Ist es Dir denn um den Beifall zu tun gewesen? Nein - so mußtest Du sein, so mußtest du schaffen, denn aus Dir wuchs das Werk mit Notwendigkeit.
Vor diesem Wichtigsten ist all das viele, das ich Dir schreiben wollte, zurückgetreten. Ich war überhaupt so hingenommen von dem persönlichen Druck auf Dir - auf mir - auf uns, daß ich Dir noch garnicht sagte, wie sehr ich Anteil nahm an dem Hinscheiden Deiner Tante, der letzten nun aus der Generation. Ich freue mich, daß ich doch auch einen Eindruck ihrer kräftigen u. eigenartigen Persönlichkeit bekam.
Und wie mag es sich mit Klösterli nun weiter entwickelt haben? Es wäre ganz gewiß am besten, die Gemüter sich beruhigen zu lassen u. jede Aussprache zu vermeiden. Wo im tiefsten Innern der Einklang gestört ist, da fruchten sie zu nichts.
- Soll ich Dir ein wenig von hier erzählen? Es wird Dir langweilig sein, aber ich habe doch so gern, wenn Du ein wenig mit dabei bist! In meinem Innern bist Du es immer u.
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| ich denke täglich - stündlich: wärst Du doch jetzt hier! Nach einem Tage von unerträglicher Schwüle haben wir jetzt bei frischem Ostwind das herrlichste Sonnenwetter. Viel unternehmen kann der Onkel ja nicht. Wir machen uns überhaupt erst nach 5 Uhr auf den Weg, mal aufs Schloß (Bergbahn), mal mit der Elektrischen nach Schlierbach, wo wir dann über die Brücke u. zur Stiftsmühle zurück gingen. Immer am Ufer den schönen Weg, der in jedem Teil seinen eignen Reiz hatte. Erst in Ziegelhausen das Strandleben, badende Jugend, ein Hund, der apportieren sollte u. dem es ein älterer sehr amüsant u. sichtlich belehrend vormachte, ein Pferd, das in die Schwemme geritten wurde u. mit dem Reiter gegen den Strom anschwamm, ein Bild von künstlerischem Reiz besonders wenn das Tier mit dem nackten schlanken Menschen darauf das Ufer wieder zu gewinnen suchte, gleich reizvoll in Bewegung u. Farbe. Nachher die Wiesen in Blütenfülle, ich habe garnicht gewußt, daß Klee so süß betäubend duften kann. - Aber alles wird dem Onkel noch zu viel u. so haben wir heute den Tag fast ganz im Garten zugebracht; morgens u. nachmittags den Kaffee unten getrunken u. nur die Mittagsruhe u. das Abendessen führte uns ins Haus. - Ach, mein Lieb, wie tief empfinde ich an dem guten Onkel die Tragik des Altwerdens, des Nichtmehrkönnens. Und wie es scheint, ist auch Rudi in seiner Geistesrichtung ihm jetzt entglitten u. er hat kein Verständnis mehr für den Gegensatz zu seiner Einstellung besonders im Politischen bei dem Jungen. - -
Ich verlange sehr danach, wieder von Dir zu hören! Du sagst, das alles seien nur "Teile" - was hat Dich denn noch mehr betroffen? Ist es nicht genug an dem? Ob Du diese freien Tage auch wirklich im Freien zubrachtest? Und wie haben sich die Pfingstpläne christallisiert? Ostsee? - Alle Leute sind dies Jahr im Süden u. berichten begeistert - nur wir Armen mußten so frieren! Warum?
Ich grüße Dich innig.
Deine Käthe.

[li. Rand] Ob denn Herr Quelle nun eigentlich so krank war?
[li. Rand S. 1] Bitte schreibe mir doch mal die Adresse von Felizitas. Ich möchte ihr für die Karte danken, die ich bei meiner Rückkehr fand.

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<beigefügter "Bleistiftzettel" vom 22.5.1925>
Liebstes Herz, wie erschreckt mich Deine Nachricht. Es ist als hätte sich alles verschworen, mich zu quälen. Daß ich nun auch nicht gleich zu Dir kann! Ich bitte Dich, schreibe gleich, wenn du mich brauchst, Onkel geht dann für einige Tage nach Neckargemünd.
Wenn Du nicht willst, daß ich mich in Sorge aufreibe, dann schreibe mir alle 2 Tage eine Karte - ja?
Mit Deinem Brief kamen die 1. Correkturbogen. Die schicke ich an Dich, nicht wahr?
Onkel läßt Dich sehr grüßen.