Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Juni 1925 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 3. Juni 1925
Tantchens Geburtstag.
Mein geliebtes Herz.
"Alles neu macht der Mai" mußte ich denken, als nun auch der "Gegenwärtige Stand" in seinem hübschen neuen Gewand erschien. Habe herzlichen Dank dafür u. auch für die Sendung die ich auf die Sparkasse bringen werde. "Befinden passabel" kann mich natürlich nicht sehr erfreuen. Um diese Nachricht, nach der ich so großes Verlangen hatte, zu bekommen, habe ich 50 Minuten auf der Post gestanden, da der Briefträger mich nie zu Hause traf. Um das Geld hätte ich nicht gewartet! Ich hatte gehofft, etwas zu hören, wie Du die Pfingsttage zubringen wolltest - aber es war nichts. Ich hätte gern gehört, daß Du mit Susanne irgend etwas Hübsches u. Erholendes unternehmen würdest - daß es nun bei Frau Riehl wieder gut u. friedlich sei - aber Du beliebst Dich nur mit Gedrucktem zu äußern.
Aber eine Pfingstfeier war es mir doch, sowohl die Korrekturbogen, als der kleine Aufsatz in der Rheinischen Jugend. Auch er ist geschrieben "als ob Du den Glauben nicht längst verloren hättest" u. selbst wenn man 62 % abschreibt, bleibt noch ein ansehnlicher Rest! Es ist so fein u. zart u. tief u. wird in reinen, jungen Seelen ein starkes Echo wecken.
Wie tief dies alles gerade auf mich wirkt, brauche ich nicht zu sagen, denn Du kennst mich. Du weißt wie mein ganzes Sein eben dies Aufgehen in einer großen, alles bestimmenden Liebe ist. Du weißt es, u. doch habe ich zugleich eine heimliche Sorge, gerade das sei Dir lästig, u. Du habest die Furcht, ich wolle damit etwas fordern, was Dir entgegen ist; - "Habe Geduld mit mir" sagst Du. Soll das heißen: laß mich in Ruhe? Soll ich schreiben - soll ich schweigen? Ach - kann ich denn schweigen? Vielleicht könnte ich auch das - aus Liebe! Sage es mir, wenn Du es willst, mein Liebstes.
[2]
|
Hier ist es - wie es sein kann. Onkel erholt sich sichtlich u. wir leben sehr still. Seit Freitag ist der Vorstand wieder da u. seit gestern das neue Mädchen. So ist alles in guter Ordnung. Onkel schläft im Seltenleer, da ihm die unruhige Straße zu störend war, wohnt aber bei mir. Ich zeichne mit Ausnahme der Pfingsttage, zuweilen aber nur vormittags.
- Am 1. Feiertag waren wir auf der Molkenkur zum Kaffee, am 2. Feiertag bei Frau Fürbringer im Garten u. gestern mit Paula Seitz u. Gertrud Spröhnle auf dem Wolfsbrunnen. Bei meiner Rückkehr war im Garten - der kleine Saupe, der zum Philologen-Congreß hier ist u. der heute um 6 Uhr zu uns kommen will. Er hatte schon mit Aenne verhandelt u. ihr begeistert von Hellpach u. entrüstet von Geheebs erzählt. - Frau Fürbringer u. Paula waren zusammen bei Hettner, dem Geographen, gewesen u. es war höchst amüsant, die zweierlei Berichte zu hören. Fr. F. sprach entzückt von Prof. Hoffmann, der so interessant über pädagogische Fragen gesprochen hätte. Paula sagte, es wäre herzlich unbedeutend gewesen u. außerdem sehr anmaßend. Sie hätte anfangs, als Einzige, manchmal Einwände gemacht, aber da die Andern alle ganz kritiklos waren, hätte sie schließlich auch geschwiegen. So habe er unter anderem behauptet, ein Wissenschaftler mache sich immer lächerlich, wenn er noch in späteren Jahren sich in ein anderes Gebiet des Studiums begebe, da er doch nicht mehr in die richtige Terminologie eindringen könnte. - In Bezug auf die jammervolle Verwaltung in Schulangelegenheiten ist es hier nicht besser als anderswo. Bestimmung war: strenge Sichtung bei der Aufnahme von Volksschulen. Nach sorgfältiger u. mühsamer Prüfung wurde ein großer Teil abgewiesen, der ein bestimmtes Niveau nicht erreichte. 20 davon beschwerten sich - beim Ministerium, dies verhandelt mit der Schule u. verfügt die Aufnahme. Dies sind sämtlich katholische Kinder aus dem Bezirk von Stadtpfarrer Dietrich. - Danach aber wären manch andre der Abgewiesenen ihrer Leistung nach noch fähiger gewesen. - Der Schuldirektor ist innerhalb von 4 Wochen abgebaut, ohne Nachfolger. Auf diese Weise sind in Baden 9 Stellen freigemacht, von denen 7 von Katholiken beansprucht werden. - Zum erstenmal hörte ich
[3]
| auch bei dieser Gelegenheit Paula über ihre Erfahrungen mit den katholischen Kindern reden, die meine Ansicht in überraschender Weise bestätigten. Sie hätten ganz besondere Not mit ihnen wegen der durchgängigen Unaufrichtigkeit, die geradezu gezüchtet würde. Auch dieser Einfluß auf die Schulverwaltung, der seit dem parlamentarischen System durch das Centrum geübt wird, entrüstet sie sehr wegen des Mißbrauchs der Religion zu machtpolitischen Zwecken. -
Mir schwebt natürlich immer vor, was ich von Dir zugunsten der kirchlichen Organisition gehört habe, u. ich erkenne die viel größere Einheit der Lebensverhältnisse dabei. Aber Du siehst das alles von oben, in seinen hervorragenden Vertretern u. der äußeren Geschlossenheit. Wieviel dabei auf Kosten des Einzelnen u. seiner höheren Bestimmung geht, wieviel gerade im tiefsten Innern vernachlässigt u. faul ist, zum Zwecke äußerer Bindung u. Machtentfaltung, das fällt da nicht so ins Auge. -
Wie ganz anders aus der Wahrhaftigkeit des Wesens heraus sind die organisatorischen Pläne, die Du in Deinen Schriften entwickelst. Ich war so hingenommen im Wiederlesen, daß ich besorgt bin, ich möchte recht viele Druckfehler übersehen haben. Es war stellenweise fast nichts, was ich anzustreichen fand. Wohl aber hätte ich gern so manche Randbemerkung angefügt! - Es ist doch so: man sieht das Leben wachsen in Deiner Hand. Daß doch diese ungeheure Masse so schwer beweglich ist. Daß es so viel leichter ist, mit äußeren Mitteln zu wirken, wie das Machtsystem der katholischen Kirche, als dem inneren Leben zur sichtbaren Form zu helfen.
- Wie tief Du jedem Empfänglichen an die Seele rührst, sah ich wieder daran, wie Onkel von Deinem kleinen Aufsatz bewegt war. Eigne Jugendschwärmerei mit ihrem gewichtigen Ernst wurde wieder lebendig. - Im allgemeinen bin ich vorsichtig in der Unterhaltung mit ihm, da wir ja auf sehr verschiedenem Boden stehen u. [über der Zeile] ich Differenzen vermeiden möchte. Es liegt sichtlich auf ihm ein schwerer Druck u. er wartet so unruhig auf jede Post, daß es mir ganz schmerzlich ist, wenn nichts kommt.
[4]
| Jetzt sieht er nach einem passenden Erholungsaufenthalt für Ida aus. Vielleicht ein Mittelstandssanatorium - (es muß ein Luftbad haben) - aber wo? Rudi schreibt wenig - die Sorge in Hofgeismar - kurz, es lastet viel. -
Gestern hat er zum erstenmal einen größeren Spaziergang gemacht, vom Wolfsbrunnen über den neu angelegten Weg auf halber Höhe zur Bergbahn am Schloß. Es war wunderbar schönes Wetter u. ich staunte, wie schön das Tal war in seinen leuchtenden Farben. Und doch ist die Welt, als ginge sie mich nichts an.
Wenn ich doch einmal wieder von Dir hörte! Und daß Du Gutes zu schreiben hättest! Ich grüße Dich tausendmal.
Deine
Käthe.

[Fuß] Ich fragte nach der Adresse von Felizitas. - Auch erfuhr ich zufällig, daß der alte Billharz gestorben ist.