Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Juni 1925 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 8. Juni 1925.
Mein Einziger.
Es ist noch früh am Tage, aber da ich mir doch das Schlafen abgewöhnt habe, will ich lieber die Zeit zu Besserem verwenden. Ein wundervoller kühler u. klarer Morgen steht über der Welt u. die Seele möchte zerspringen vor Sehnsucht nach Frieden u. Glück. Es wäre wohl besser in mir, wenn ich Dich in Zufriedenheit wüßte. Warum kannst Du das Ziel in Dir nicht frei entfalten? - Du weißt es, ich habe das Heiligtum des Lebens immer in reinen Händen getragen, - u. doch fiel mir das Los der Verdammnis. Aber Du sollst in ungebrochner Gewißheit Deinen Weg gehen - auch um meinetwillen. Denn darin liegt auch der ganze Sinn meines Lebens beschlossen -: für Dich! Aber glaube nicht, mein armer Liebling, Du littest allein. So lange das Leben glüht, verzehrt es sich in Sehnen u. Kampf ohne Ende. Und doppelt schwer ist, das Liebste leiden zu sehen u. machtlos dagegen zu sein mit einer Welt von Liebe im Herzen. Oft meine ich, es wäre uns Beiden gut, wenn wir auch einmal alles aussprechen könnten - aber nicht wie in Klösterli, sondern wie man mit sich selber redet in stiller Besinnung. Du irrst, wenn Du glaubst, ich verstünde Dich nicht, aber auch ich war jetzt zu Ostern wie verschlossen u. ersehnte ein erlösendes Wort von Dir.
Wie sehr erinnert mich die Tortur in Klösterli an die Art, wie der Vorstand meine Anhänglichkeit für sie zu Tode quälte. Immer Vorwürfe, immer ein Abwägen des Gefühls - bis alle Unbefangenheit dahin war. - Ob es da ein Aufhalten der Zerstörung durch eine grundsätzliche liebevolle Auseinandersetzung geben kann, ist mir sehr fraglich. Nach meinen Erfahrungen nicht. Denn das alles versuchte ich auch, nicht einmal - sondern oft. Das ist so, wenn in Sachen des Herzens die Selbstsucht Forderungen eintreibt, wo sie um freie Gaben werben sollte. - Immerhin glaube ich, daß Du es doch versuchen mußt, um Deinetwillen,
[2]
| um nichts versäumt zu haben. Vielleicht - wenn Du die Autorität über sie gewinnen könntest zu erklären - (aber auch durchzuführen) - daß Du nur kommen kannst, wenn jede solche Aussprache vermieden wird.
Ob Du noch eine schöne Tagestour machen konntest? Daß die Kieferhöhlenentzündung so rasch verging, ist ja wirklich gut. Das kann sehr langwierig werden! - Heißt die Sekretärin nicht etwa v. Haller? So gab es hier eine Familie, verarmte Grafen, die Mutter eine Wienerin. - Der kl. Saupe hat bei uns Abendbrot gegessen u. erzählt wie ein Wasserfall. In Leipzig gefällt es ihm vorläufig gut. Was er aber über Heppenheim berichtet, scheint nicht unbegründet, denn man hört von andrer Seite dasselbe. Es fehlt an jeder eigentlich Erziehung u. Formlosigkeit ist Trumpf, d. h. "unser Stil".
Hier ist ein Sommer von fabelhafter Schönheit, Sonne u. kühler Wind, Tag für Tag. Gestern zum Sonntag war wir zu viert: Onkel, Walther u. der Vorstand den ganzen Tag im Neckartal: von 10-3 in Neckarsteinach, dann in Hirschhorn, um 7 zurück. Wir schlenderten auf die Burgen, saßen mit Frühstück in der Hinterburg, waren zum Essen auf der Terrasse vom Schwanen, wo ein beständiges heiteres Strandleben vor uns sich abspielte, u. wo ich den Dilsberg sehnsüchtig u. mit Andacht grüßte. In Hirschhorn tranken wir erst auch beim Naturalisten Kaffee, u. bummelten dann durch das Städtchen bis zu der oberen Kirche, setzten auch über u. saßen am Ufer. Es war Ostwind, der fast an Sturm grenzte, aber keine Spur der üblichen Gewitterneigung. Die Gegend hat ihre Natur verändert. Warum triffst Du es niemals so?
Mit Ungeduld erwarte ich die Lebensformen. Daß Du die ungeteilte Ursprünglichkeit des Lebens, die Du früher im "biologischen" Menschen verächtlich abtatest, sich nicht mehr einfügen ließ, ist doch schade. Dieser vitale Typus gehörte wohl an den Anfang, wie der religiöse als Abschluß alles sinnvoll zusammen faßt. Ach - warum ist dies Sinnfinden manchmal so schwer?!