Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. Juni 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Juni 1925.
Mein geliebtes Herz.
Eigentlich müßte ich dringend Briefschulden abtragen, aber wenn ich mal zum Schreiben komme, dann wird es doch immer nur an Dich. Ich finde es doch ein wahres Verhängnis, daß der Brief, den ich Dir so schnell als möglich zurücksenden sollte, gerade so ungewöhnlich lange auf der Post brauchte. Wie mag er nun wohl gewirkt haben? Daß er nicht schärfer im Ton war, schien mir durchaus entsprechend. Der tiefe Ernst u. die schmerzliche Erregung sprachen doch deutlich genug u. wenn er Erfolg hatte, dann wird auch sein positiver Sinn mit alter Kraft lebendig u. die krankhafte Verdunkelung überwunden. Immerfort muß ich daran denken, ob Du Gutes damit erreicht hast?
Seit Sonntag ist Onkel fort. Er entschloß sich ganz plötzlich zur Reise auf einen Brief seiner Frau hin, die nun auch in die Erholung will. Er wäre gern noch geblieben - u. ich hätte ihn so gern noch hier behalten. Die Erholung war noch garnicht so stabil u. er hatte sich so friedlich eingelebt, jeder ging seiner Wege u. wir störten einander garnicht. Der Garten war aber auch so zu benutzen wie kaum je, u. öfter fuhren wir auch noch gegen Abend mit der Bergbahn hinauf, oder ins Neckartal. Noch so mancherlei Pläne blieben unausgeführt u. ich hoffe nur, daß der Versuch ihm Mut gemacht hat für eine Wiederholung.
Über Einzelheiten, die mir Kummer machen, würde ich gern mal mit Dir reden. - schreiben läßt es sich so schwer. Nur eine tragi-komische Sache muß ich Dir erzählen: Lieschen Schwidtal schrieb mir doch, daß sie es für besonders günstig fände, daß Onkel mal eine Zeit Ruhe hätte vor Idas Quängeleien. Dann schlug sie vor, er solle doch nach seiner Rückkehr noch
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| bei ihnen eine Nachkur halten. Zu diesem Vorschlag bemerkte Onkel, daß ihm das sonderbar gezierte Wesen von Lieschen, die er sonst als tapfer u. tüchtig sehr schätzt, auf länger unerträglich wäre - - also genau das, was sie an Ida aussetzt! Es ist eben nichts so schwer als das Zusammenleben der Menschen.
Was sagst Du nur zu Hermanns 4. Mädel? Ich war ganz sprachlos, u. wieder solch geschmacklose Anzeige! Warum nur so apart? Außerdem schickte er mir ein Programm seines Oberlyzeums u. realgymnasialen Studienaufenthalt. Hast Du Interesse dafür? (Die Berichte der Philologentagung lege ich bei.)
Hörtest Du, was die Gemüter der Kunsthistoriker so erregt,: daß man ein Selbstbildnis Michelangelo's entdeckt hat? Ich suchte es mir gleich auf der winzig kleinen Reproduction, die ich besitze, u. bin erschüttert von der Symbolik, die sich in dieser Gruppe ausspricht. Wie hat er gelitten, u. scheint doch von so übermenschlicher Kraft!
- Wenn ich doch nur erst wüßte, was Du mit Deinem Brief in Klösterli erreichtest! Aufs innigste fühle ich, was damit für Dich auf dem Spiele steht. -
Nach Onkels Abreise habe ich tagelang jede freie Stunde verschlafen. Es ist nun mal bei der Hitze "nicht viel los" mit meinen Kräften. Aber innerlich komme ich doch ein wenig weiter - es hatte sich so mancherlei angesammelt, was überwunden werden mußte. Und man kann da wohl keine Hülfe von außen dabei erwarten - obgleich mir das nicht "außen" ist, wo ich sie suchte. Zuweilen ist eben die Last der Einsamkeit fast erdrückend. Ich hoffe aber, daß der Tiefstand einmal wieder überwunden ist. Woher kommt nur diese stete Ebbe u. Flut? Ich habe doch geglaubt, endlich auf sicherem Boden zu stehen!
Für heut laß Dir mit diesem Zettel genügen. Ich sehne mich recht, von Dir zu hören. - - Weißt Du, wie es Dora Thümmel geht? Könnte sie nicht über hier zurückreisen? -
Der Bericht über Hellpach u. Behrend hat mich geärgert. Eigentlich wäre es doch wohl diplomatischer gewesen, ihnen entgegen zu treten. - Auch der eklige Druckfehler im Gegenwärtigen Stand etc. S. 11 u. 12 ist häßlich. Das ist sicher erst nach der Korrektur umgestellt. - Aber schrieb ich Dir wohl schon, daß ich neulich eine Partie Schach gewonnen habe? Sehr erstaunlich. Ich <li. Rand> bin aber tüchtig stolz darauf! Nun aber Schluß u. viel innige Grüße!
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Wie geht es mit dem Befinden? Besonders auch mit den Zähnen?