Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juni 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Juni 1925.
Mein geliebtes Herz.
Was ich am meisten zum 27. für Dich wünschen möchte, das ist eine glückliche Lösung der Neubabelsberger Conflikte. Wenn ich doch nur endlich erführe, wie Dein Brief gewirkt hat? Ganz besonders fühle ich mit Dir, wie dies Zerren an Deinem Gefühl jede freie, liebevolle Regung erstickt. Ich kenne das so gut, wenn in uns selbst etwas ertötet wird, das wir aus freiem Herzen schenken möchten. Das ist ein trostloses Verarmen, das uns an uns selbst irre macht.
Du hast es mir vielleicht verdacht, daß die Eindrücke der letzten Monate auch in mir den ganzen Bestand des Daseins aufwühlten u. mich in einen Zustand von Erschöpfung u. Verzweiflung brachten, der mir das Leben verleidete. Die Spannung im Hause u. damit in mir war einfach unerträglich geworden. Ich weiß, daß der Vorstand es "gut meint", u. doch empfand ich stündlich ihr Wesen verletzend. Über nichts was mir nahe geht, kann ich mit ihr reden, denn die Schnellfertigkeit mit der sie über alles hingeht, empört mich. Ich empfinde mich als ungerecht, ich sehe ihre Vorzüge - u. bin doch im tiefsten enttäuscht. Was gibt mir ein Recht zu solchem Urteil? Warum bin ich so armselig, nicht verzeihen zu können? - Ach, warum hast Du mir das nicht vorgehalten - sind wir doch dazu da, einander zu helfen! Aber daß ich es Dir überhaupt klagen konnte, einmal dem Worte geben, was mein Leben zerquält - das hat auch schon den Bann gebrochen. Deine Güte wirkte auch so in mir zum Guten. Ich fühle die Treue, mit der Du um das bessere Selbst in Frau Riehl ringst, u. so will auch ich versuchen, aus dem enttäuschten Ideal zu retten, was es trotz allem an Gutem enthält. Das hat mir wieder Kraft gegeben u. aus der Forderung an andere ist wieder die Forderung an mich selbst geworden.
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| Das ist das unsichtbare Angebinde, das ich Dir schüchtern zum Geburtstag geben möchte, daß ich die Auflehnung wieder nieder gerungen habe u. daß ich wieder wollen kann. War ich doch im Begriff völlig an mir zu verzweifeln. Es gab Tage, wo mir ein Weiterleben hier unmöglich erschien. Ist es ein Wunder, daß mir da Zweifel kamen, ob es mir nicht überhaupt an der Kraft zur Lebensgestaltung mangele?
Ich fühlte mich so wohl in dem friedlichen Zusammensein mit dem Onkel, obgleich das doch auch nicht durchweg leicht war - u. dann mußte ich mich fragen: ist denn mit mir auf die Dauer kein Auskommen? Bin ich denn verdammt immer nur zu wollen u. nie zu erreichen? Im Täglichen muß man sich bewähren, warum finde ich hier keine würdige Lösung? Aus einer notwendigen Abwehr war eine tiefe, durchgängige Ablehnung geworden - es wäre mir jetzt am liebsten gewesen, die Lebensweise mit Gasthaus u. Selbstversorgung fortzusetzen. Da kam es zu einer Erklärung, daß mein Beitrag an Pension einfach zu ihrer Existenz notwendig sei. Bisher hatte ich immer nur gehört, wie wenig es wäre; nun erkannte sie, daß eben doch ein Vorteil dabei ist. Selbstverständlich ist nun der alte Fahrplan wieder eingeführt, d. h. nur für Mittag u. Abend, Kaffee halte ich mir selbst. Vorsichtig will ich versuchen, diesem Zusammensein wieder einen befriedigenden Inhalt zu geben, u. auf beiden Seiten ist guter Wille. Es soll meine Strafe sein bei einem Rückfall, daß ich es Dir beichten will. Aber ich hoffe, das soll nicht vorkommen. Ich habe ja so viel durchgemacht. - Über die Einzelheiten, die diese Katastrophe auslösten, will ich nicht berichten. Das Schlimmste ist, daß es bewußt oder unbewußt an der strengen Wahrhaftigkeit fehlt u. das erschüttert für mich alles. Aber ändern kann ich nur mich, u. dazu ist es nie zu spät, nicht wahr?
Es kam noch manches dazu, was mich empfindlich traf. Von allen Seiten stürzte es auf mich ein u. ich fragte mich: ist das nur Zufall - oder tiefster Sinn? Aber ich will nicht erliegen, ich will Deiner wert sein. Denn all mein Leben ist ja doch nur Dein. Und wenn Du mir sagen kannst, daß du an diese ernste Wendung
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| zum Besseren glaubst, dann wird sie gesegnet sein.
Es ist selten gewesen, daß ich Dir so viel von mir sprach. Nimm es nicht ungeduldig auf, es ist tief erlebt. Du wirst es ja verstehen, daß zuweilen Konflikte in unserm Dasein aufsteigen, die uns zu überwältigen drohen. Sie kommen von innen u. nur von innen ist zu überwinden, was wir Schuld der Verhältnisse nennen möchten. - Daß das gerade jetzt über mich kam, mein armer Liebling, darum machte ich mir Vorwürfe. Aber das sind innere Gewalten, die ihren Ablauf nehmen, auch wenn es sehr zur Unzeit ist. Und ich habe doch niemand auf der Welt als Dich, dem ich es klagen könnte! - -
Ob von den sichtbaren Kleinigkeiten, die ich Dir sende, einiges Deinen Beifall erringen kann? Die kleine Mappe möchte auch noch die paar Bildchen aufnehmen, die schon in den Briefen voran gereist sind. Und der Inhalt soll Dich an manch schönen eindrucksvollen Moment unsrer Reise erinnern. Leider konnte ich sie nicht alle festhalten, es wäre auch unerschöpflich. Von den fernen Schneebergen ist leider auf den Platten kaum etwas zu sehen u. den "Zugspitz" muß man ahnen. Aber manch andres ist doch hübsch herausgekommen. Hast Du übrigens "mit der Brille" entdeckt, daß ein Pilger auf dem Bilde ist?! - Das Buch von Schweizer wird Dir gewiß gefallen, u. den Bamberger Dom hast Du hoffentlich noch nicht? Bamberg ist mir das Bedeutendste der Reise geblieben u. ich kehre immer wieder zu diesen Bildern zurück. Ich empfinde so tief, wie anders eine Zeit war, die solche Kunstwerke schuf, als die unsre mit ihren technischen Fertigkeiten. - Möchte doch aus der großen Gemeinschaftsbewegung unsrer Jugend wieder eine bildnerische Kraft von religöser Tiefe hervorgehen! - - (Die Tage der Kaufmannsjugend hier waren eine richtige Freude. Man hatte nur gute Eindrücke von Frische, Ordnung u. gesunder Kraft.)
Sieh Dir doch mal in dem Bamberger Buch S. 26 an, da ist wirklich
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| ein Teil der Gestalten an der Chorschranke von einem Schüler. Die werden wir vermutlich gerade vor Augen gehabt haben, als Du die Echtheit bezweifeltest, denn sie sind sichtbar viel schwächlicher. Überhaupt ist doch in dem Dämmerlicht der Kirche die Feinheit der Durchführung garnicht erkennbar, u. man hat viel mehr an den Reproductionen. - Die Bürste soll Ersatz sein für die verbrauchte Reisebürste u. der Schlips - nicht für den Spuknapf. - Immer zögerte ich mit dem Absenden des Päckchens, weil ich noch ein Buch erwartete, das der Buchhändler für Montag schon versprochen hatte. Nun bin ich im Zweifel ob meine kleine Sendung Dich noch rechtzeitig erreicht u. das Buch muß noch allein reisen! Lesen wirst Du es kaum, aber doch vielleicht darin blättern, denke ich, u. Freude haben an den feinen Bildchen u. dem eigenartigen Menschen, der sie schuf.
Und möchte auch sonst Dir mancher Liebesbeweis zum 27. wahre Freude bereiten. Ich wünsche so innig, daß es Dir wohl ergehen möchte im kommenden Jahr, daß Du in Freiheit Dich entfalten könntest u. daß die stete Klage gehemmter Kräfte behoben sein möchte. Wie sehr leide ich mit Dir darunter. Es muß doch endlich ein Weg sich finden! -
Hermann fragt, ob ich nicht mal nach Stolp käme! Ich aber möchte Dich fragen, was hast Du für Sommerpläne? Wann darf ich hoffen Dich zu sehen, u. Dir zu zeigen, daß ich mich auf dem Wege des Lebens ein wenig empor gerungen habe?
Am 8. war das flüchtige Zettelchen geschrieben. Seitdem hörte ich nichts mehr. Und ich bin doch mit all meinen Gedanken bei Dir u. sorge mich. Wie glücklich wäre ich, endlich zu hören, daß Deine Worte verständnisvoll aufgenommen wurden. - Gut nur, daß die Hitze nachließ. Ich fühlte im Geist die Glut der Hörsäle u. die furchtbare Anstrengung für Dich!
Ich grüße Dich von ganzem Herzen u. mit treuen Wünschen, Du geliebtes Leben. Laß es hell zwischen uns bleiben!
Deine
Käthe.