Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Juli 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Juli 1925.
Mein liebstes Herz.
Wie soll ich nur all das viele schreiben, das ich Dir zu sagen habe u. wie sollst Du Armer Zeit finden, es zu lesen!! Wie gut von Dir, mir am 28. noch in aller Nacht so ausführlich Nachricht zu geben. Ich danke Dir innig dafür u. für alles Gute, was mir so um den 27. herum zuteil wurde. Das erste war die Aussöhnung mit Frau Riehl. Das war mal gut, daß ich so unbewußt Pythia gespielt hatte u. Du Deinen Brief daher nicht abschicktest. Wer weiß, ob das nicht womöglich neue Schwierigkeiten gebracht hätte - Geschriebenes bringt so leicht Mißverständnisse! Möchte nun alles überwunden sein u. auch Dein Brief seine Wirkung tun, indem damit aus Dir die Verstimmung durch das Aussprechen beseitigt ist. - Dabei hatte ich meinen Dreifuß nicht mal im Hause - (so nennt Onkel das photogr. Statif) - denn er ist in Reparatur!
Und wie hat mir die lang entbehrte Offenheit Deines Schreibens wohlgetan. Du hast recht, daß darin [über der Zeile] was Du schreibst ja eigentlich nichts Neues für mich liegt, u. doch liegt mir etwas Bedeutungsvolles darin, daß u. wie Du es sagst. - Manches, was Du schreibst, ist mir in seiner Meinung nicht ganz klar. Was sollten das für Regionen sein, die Du verwirfst u. in die ich mit Dir gehen wollte? Ich will doch nichts, als die tiefe selbstverständliche Gemeinschaft zwischen uns, die meines Lebens Halt u. Sinn ist. In was für Familienvorstellungen soll ich gebunden sein, daß ich den Menschen nicht sehen könnte, wie er ist? Ich glaube was als Gebundenheit erscheint, ist wohl mehr eine große Scheu, zartes Empfinden mit Worten zu berühren. Wohl mag mein Verständnis seine Grenzen haben an der Begrenztheit meiner Natur, aber niemals werde ich doch daraus einen unbedingten Maßstab ableiten u. werde stets zu verstehen suchen, was mit innerer Notwendigkeit aus dem Wesen eines Andern hervorgeht. - Und was den konkreten Fall betrifft, so habe ich den betreffenden Menschen herzlich lieb u. habe das, was zwischen uns ist, nie durch ihn gestört gewähnt. In einem solchen Fall freilich, magst Du recht haben, daß ich
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| Partei sein müßte, denn das wäre für mich der Tod. Von ganzem Herzen aber finde ich mich zu Dir in dem Sinn, den Du verlangst. Das war mein Wille von Anbeginn. - Und wenn Dein Weg aufwärts Entsagung fordert, so laß das Unverlierbare, das uns bindet, Dir tröstlicher Besitz sein. -
Den 27. feierte ich, indem ich den Vorstand nach dem Scheffelhaus zum Kaffee einlud. Es ist dort, genau gegenüber dem Schloß, ein sehr hübscher Aufenthalt. Abends hatte ich hohes Fieber u. auch am Sonntag fühlte ich mich noch krank. Aber seitdem ist mir beser als vorher, wo die Gliederschmerzen sich recht bemerklich gemacht hatten. - Da hatte ich es ganz angenehm empfunden, daß Dr. Gans, der den 1. Band abgeschlossen hat, mit dem Zeichnen eine Pause machen ließ. So habe ich allerlei Näherei erledigt. - Ja, mit der Garderobe! Du magst ja recht haben, daß der Vorstand mir nicht vorteilhaft rät - aber eigentlich Schuld an meiner minderwertigen Garderobe war doch mehr die Notwendigkeit unbedingten Sparens. Ich hatte seit 1916 nichts Eigenes mehr angeschafft, nur immer alte Sachen aufgemöbelt. Und auch bei dem Neuen: dem blauen Kostüm von Dir regierte die Sparsamkeit, da ich eine feinere Schneiderin nicht bezahlen konnte. Wenn ich jetzt durch Deine treue Hülfe aber dazu in der Lage bin, dann hoffe ich auch, wieder besser angezogen zu sein. -
Der Frieden im Hause ist wieder hergestellt. Aber außer den Mahlzeiten sind wir wenig zusammen. - Das Bild was Frl. Dr. Henrich knippste, ist übrigens recht irreführend. Es sieht aus, als ob wir direkt anein[über der Zeile] ander stehen u. ich bin doch nur von der Ballustrade mit einem Fuß herunter gekommen, weil es angeblich für die Aufnahme erwünscht war. Eigentlich hatte ich mich da oben postiert als Friedhofsdenkmal!
Was Du von deinem Tageslauf schreibst, ist einfach überwältigend. Aber gut, daß das Semester auch mal ein Ende hat. - Daß ich so viel Fehler in den Druckbogen übersah, ist mir recht peinlich. Hätte ich gewußt, daß es nicht so eilt, würde ich mit größerer Ruhe gelesen haben. - Jetzt sind noch einmal 3 Bogen gekommen, die ich Dir morgen schicken werde. -
Meine Gedanken sind unablässig bei Deinem lieben Brief u. allem, was für mich damit zusammen hängt. Diese letzten Wochen vor den Ferien ohne die treue Hülfe werden recht schwer sein. Ob ich Dich
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| danach dann bald sehe, kann ich leider nicht erfahren. Denke doch, Liebling, daß ich schließlich auch mal über meine Zeit bestimmen muß, also habe Erbarmen u. gib mir Nachricht darüber. -
Wie wir hören soll Frl. Dr. Herbig in der Psychiatrischen Klinik sein. Es ist nicht erstaunlich bei ihrem überreizten Wesen. - Auch Gertrud Spröhnle macht mir gesundheitlich Sorge. Sie überarbeitet sich vor der Zeit. Onkel interessierte sich wegen Rudi für ihren Studiengang, erklärte aber das könne man nicht zum Maßstab nehmen, sie sei zu fleißig. Wie soll das einer aushalten?!
Siehst Du, mein Liebstes, es kommt doch schließlich alles aus der eignen Kraft. Und meine Kraft kommt von Dir. Wenn ich nicht fühle, daß es klar zwischen uns ist, dann ist mir das Leben verleidet. - Äußerlich hat sich doch nichts verändert u. doch kann ich die Eigenheiten des Vorstands jetzt ohne Erregung ertragen. Ich kann ihrer naiven Zudringlichkeit, die im täglichen Zusammensein für mich bisweilen nicht zum Aushalten ist, jetzt mit einem spöttischen Wort die Spitze abbrechen ohne weitere Aufregung. Ich bin nicht mehr Objekt der Dinge - ich habe überwunden. Aber allein kann ich das nicht - denn mein Leben ist zu tief verwurzelt in Dir. Darum habe Dank, daß Du mich wieder das alte Einverständnis fühlen läßt -.
Auch für die Sendung der Dresdener Bank, die heute kam, habe Dank. Sie soll zur Hälfte aufs Sparkassenbuch. Alles will ich nicht hergeben, da ich nicht viel verdiente in den letzten 2 Wochen.
Viele, viele Grüße von
Deiner Käthe.