Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Juli 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Juli 1925
Mein einzig geliebtes Herz.
Es ist ein wundervoller klarer u. kühler Morgen, der mich frühzeitig weckte u. da eile ich, Dir in der frühen Stille zu schreiben. Tag u. Nacht sind meine Gedanken bei Dir u. Deiner Not. Warum kannst Du in diesen Conflikten nicht zu Klarheit kommen? Genau wie vor 10-12 Jahren sagst Du mir: da ist etwas, was mich fesselt, aber es ist nur halb. Und doch hat dieses Halbe eine Macht über Dein Leben gewonnen, mit der Du nicht fertig wirst. Warum kannst Du zu keinem klaren Überwinden kommen, wenn Du dies für das einzig Rechte hältst? Ist es wirklich Dein fester Wille? - Muß Dein Wollen erfolglos sein, weil es beständig gegen einen Willen ankämpfen muß, der anders will? Warum sind gerade in diesem Fall Deine Bedenken für das Schicksal des andern so groß? - Ist das nur Mitleid? Man hat mir einmal gesagt: aus Mitleid heiratet man nicht! - - Ist es also anderes? Wenn Du vor Dir selbst u. der hohen Verantwortung, die Du in Deiner hervorragenden Bedeutung gegen das Leben hast, den rechten Weg aufwärts in der Überwindung fest erkennst, warum bist Du da so unsicher? Warum kannst Du kraft Deines inneren, heiligen Rechtes diesen Willen nicht auf den anderen Willen übertragen?
Ich wußte immer, daß dies so ist u. deshalb sprach ich nie davon. Ich wartete, daß es in Dir sich wandeln u. klären sollte, ich scheute mich, daran mit Worten zu rühren. Vielleicht nahmst Du das für Gleichgültigkeit. Eins aber ist allerdings in mir, was Du ja wohl den "Kurzschluß" nennst, daß ich für mich immer einmal wieder an einen Punkt komme, wo es heißt: entweder - oder! Wo ich mit mir abrechnen muß. Wenn ich aber hindurch bin, dann kann ich nicht zurück. - Ist es also eine Unmöglichkeit, die Du von Dir forderst? Ist es nicht ein klares, festes Muß, was Deine tief gefühlte Bestimmung von Dir verlangt?
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Du siehst, es sind nur Fragen, mit denen ich zu Dir kommen kann, Fragen, die in mir seit Jahren lebendig sind - u. die Du ja zur Genüge mit Dir herumträgst. Und wenn ich darin Partei bin, so bin ich es in Deinem Sinne - in dem Sinne, daß nur das geschehen darf, was Deinem Leben zur höchsten Entfaltung dient.
Und warum sollte es nicht für Susanne unter allen Umständen auch ein Glück sein, diesem Ziele zu dienen? - Wenn ich Dir sage: "sie hat es so gewollt" - dann entgegnest Du: "was kann die Motte wollen, die ins Licht fliegt." Nun wohl, dann ist es Schicksal. Soweit ich die Entwicklung der Dinge durch Dich kenne, hat es an Abwehr auf Deiner Seite nicht gefehlt. Wieweit Du ihr gegenüber eine Verantwortung auf Dich geladen hast, ob das Schwankende Deines Innern Dich zweideutig erscheinen ließ - das kann ich nicht wissen. Vielleicht auch hat es ihr an der Feinfühligkeit des Verstehens gefehlt. -
Immerhin muß ich sagen, daß auch ich stets eine Unsicherheit in Dir fühlte, die mich Deinen Worten nicht restlos glauben ließ. Ich wartete daher schweigend. Aber das scheint mir doch, wenn nach [über dem gestrichenem Wort] in so langen Jahren das Störende u. "Halbe" nicht zu überwinden war, dann ist es dauernd. Dann würde es bei näherem Zusammenleben wachsen u. verderblich werden. -
Ob ich in anerzogenen Familienvorstellungen stecke, darüber dächte ich, hätte Dir mein Leben mit Dir längst Aufschluß geben können. Und Deine orakelhaften Worte von den Regionen, die Du verwirfst, kann ich ebensogut als moderne Verantwortungslosigkeit deuten, wie als überstiegene Idealität, die den realen Menschen nicht kennt. Eins liegt mir so fern wie das andere - ich sehe nur das Wirken der Seelen in einander u. fühle die Notwendigkeit im Ablauf dieser Kräfte. Was ich als latente Spannung zwischen uns empfand, das ist nicht die Art Deiner Conflikte, sondern die stille Forderung in mir, daß sich Deine innere Bestimmung endlich einmal wieder zu voller, klarer Freiheit durchringen möchte. Wie diese Entscheidung falle: ich habe
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| das unbedingte Vertrauen, daß sie im [über der Zeile] Sinne höchster Verantwortung gefällt wird, u. daß Du nur einen Weg gehst, den Du mit ganzem Herzen gehen kannst. Denn Dein Weg ist doch ein Höhenweg. Sind wir ihn nicht so viele Jahre gemeinsam gegangen? Könnte nicht in diesem Sinne Susanne zu uns gehören?
Ehe ich Deinen Brief erhielt, hatte ich den Wunsch, ihr einmal wieder zu schreiben. Aber dann war mir zu nächst die Unbefangenheit genommen. - Du wirst sie jetzt sehr vermissen, umso mehr als der Semesterabschluß vermehrte Arbeit bringt. Wann wird denn in Berlin geschlossen? -
Daß ich den dringenden Wunsch habe, Dich endlich einmal wirklich wieder zu sprechen, ist wohl begreiflich. Aber muß ich nicht Deine Andeutung mit Tirol so verstehen, als wollest Du lieber allein sein?
Wenn das nicht der Fall ist, dann laß uns in den Schwarzwald gehen! Komm so rasch es irgend geht hierher u. fahre dann, wie Du es planst, voraus. Aber komm erst einmal wieder in das liebe schöne Heidelberg! - Über die Gegend um Villingen ziehe ich Erkundigungen ein. Es spricht doch viel dafür: Höhe, Wald etc. - Und dann ist es etwas Neues, nicht wie das sonst sehr verlockende Freudenstadt. Eine große Sehnsucht aber habe ich nach unserm Bodensee! - Auch über die Rebentäler des Rheins will ich Nachfrage halten, vermute aber, daß da in der nötigen Höhenlage nichts ist. -
- Wie war die Academiesitzung? Wie mag solch Akt verlaufen? Für wen wirst Du in Bremen reden? Sind der Vorträge in Frankfurt für die Lehrer? - Ach, wie kannst Du Armer wohl auf all das antworten; ich weiß doch daß Du keine Zeit hast. - Ich habe leider desto mehr, denn die Pause in der Klinik will kein Ende nehmen. Ob Prof. Gans nicht mehr will, oder ob er tatsächlich keine Zeit hat, will ich nun mal deutlich feststellen. Er hat immer davon gesprochen, daß jetzt der 2. Band an die Reihe käme, aber er hat noch keine Lust, sich damit zu beschäftigen. Natürlich nütze ich die Zeit eifrig zum Nähen aus, aber es beunruhigt mich doch, daß ich momentan so keinen
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| Verdienst habe. - Sehr erfreut wurde ich gestern durch einen herzlichen, warmen Brief von Frau Riehl. Hast Du zu ihr über mich gesprochen? Eine Wendung läßt es mich vermuten. Aber sonst erfüllt es mich mit der gleichen, reinen Freude, wie ich sie bei der Nachricht von Eurem erneuten Einvernehmen empfand. Ach, bliebe doch jetzt alles gut! Für sich selbst glaubt Frau Riehl jetzt neue Kraft zu finden. - Auch eine Karte von Dora Thümmel erfreute mich, u. ich bedaure nur, daß sie wieder nicht über Heidelberg kommt. - sehr gern würde ich auch Susanne einmal wieder sehen. In Berlin fand ich sie das letztemal verändert gegen mich, aber ihr Brief (vom März glaube ich) war wieder im alten Ton geschrieben. -
Allerlei Lektüre ist mir so vorüber gezogen: Polnische Novellen von erschütternder Tragik. : Möricke, Maler Nolten, bei dem aber das Malen sehr Nebensache ist! Ganz entzückt aber bin ich von: Mozarts Reise nach Prag. Kennst Du das? - Gleichzeitig lese ich eine alte Mozarts-Biographie, die mich trotz ihrer altertümlichen Weitschweifigkit sehr fesselt. Welch eine Kraft zur Harmonie war in diesem Menschen!
Ich denke mir, daß Du morgen oder übermorgen nach Klösterli gehen wirst u. da, bitte, grüße u. danke von mir. Laß auch keine Verstimmung mit dem jungen Paar aufkommen. Wenn Du es in Dir nicht dazu kommen läßt, dann gewinnt es auch keine Gestalt. Du kannst es ausgleichen durch unveränderte Gesinnung. Das wirkt unbedingt.
Denkst Du denn wohl jemals daran, auch irgend eine Erleichterung Deiner Arbeit zu suchen? Benutzt Du die Vordrucke zu Absagen etc. etc.? Bleibe mir gesund diese letzten Semesterwochen, (Frau Riehl lobte dein Befinden) u. laß uns das alte, selbstverständliche Einvernehmen wieder finden, das in Vertrauen u. Liebe ruht. Denn ich bin doch von ganzem Herzen nur Dir verbunden.
Deine Käthe.

[li. Rand] Der schwarze Stoff ist noch nicht hier. Aber er wäre wohl kaum für ein Sommerkleid geeignet.

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<beigefügter Zettel>
7 – 5
Du hast ganz recht, es hat das Porto nicht verlohnt. Ich hatte gerade bei diesen Bogen damals gleich das Gefühl u. schrieb es Dir auch: ich fürchte viel nicht gefunden haben. Denn ich las mehr
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|mals bis tief in die Nacht, da sehr viel Bogen auf einmal kamen u. ich am Tage nicht dazu kam. Leider wußte ich nicht, daß ich nicht so zu eilen brauchte, sonst hätte ich es gern 2x durchgesehen u. dabei sicher noch Einiges gefunden. Es tut mir sehr leid. -
Für heute nachmittag hab ich Gottseidank Arbeit im Pathologischen.