Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19./20. Juli 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Juli 1925.
Mein geliebtestes Herz.
Du wirst es begreiflich finden, daß mir Dein letzter Brief unablässig auf der Seele liegt u. daß alles, was er ausspricht u. berührt, mich beständig bewegt. Es ist doch wohl auch natürlich, daß ich aus so mancherlei Gründen von ganzem Herzen wünschen möchte, es möge auch Deinem Leben jene Erfüllung zuteil werden, auf die doch scheinbar jeder ein selbstverständliches Anrecht hat. Daß Du so tief in eine Beziehung verstrickt bist, die für Dich einer vollen, reinen Lösung nicht fähig ist, das ist mir eine Qual. Ich fühle die Tiefe dieser Not in Dir - wenn ich auch aus mir selbst einen solchen Zwiespalt nicht voll begreifen kann, da es eine derartige Trennung der Gefühle bei mir nicht gibt, sondern alles nur vom Seelischen ausgelöst wird. Und eben von diesem Seelischen aus muß ich mit Dir sagen: wenn hier immer u. immer eine Halbheit bleibt, dann ist das Starksein u. Überwinden der einzige Weg. Denn wer von andern das Höchste fordert, muß selbst es auch leben.
- Wenn ich nur wüßte, was Du damit meinst, daß ich in Familienvorstellungen gebunden sei? Ich glaube nicht, daß ich in spießbürgerlichem Moralisieren befangen bin u. keinen Sinn hätte für die Stimme der Natur, aber ich glaube, daß es im Menschen noch etwas Höheres gibt u. daß schließlich nur dies den Sieg behält. Und wenn ich von der Schwere der Kämpfe, die aus solch innerem Zwiespalt wachsen, keine Ahnung hätte, dann erführe ich sie jetzt mit Dir. Und daß ich der guten Susanne aus ihrer treuen Neigung einen Vorwurf machen könnte, das wirst Du doch nicht denken?
Wie sehr ersehnte ich über all dies eine restlose Verständigung u. Aussprache. Es wird mir so schwer, das was ich meine, schriftlich auszudrücken u. daß es fast unmöglich ist, das sagt mir auch die Vieldeutigkeit Deiner Zeilen.
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Draußen wogt noch das nächtliche Leben des Sonntags, die kaum merkliche Abkühlung hält die Leute möglichst lange im Freien. Heute morgen war ich seit Wochen einmal wieder im Walde. Es war in der Morgenfrische sehr schön auf dem oberen Wolfsbrunnenweg bis Schlierbach u. von dort für 10 <altes Pfennigzeichen> zurück! - Bei Carl Neumann habe ich ein paarmal Colleg geschunden über den Isenheimer Altar. Jedenfalls ist es immer wieder sehr eindrucksvoll, sich in dies seltsame, großartige Kunstwerk zu vertiefen, das in seiner Durchgeistigung so echt deutsch ist. - Prof. Lederer sprach über Ostasien, d. h. Japan. Man wurde müde dabei, was nicht nur auf Rechnung der Hitze zu setzen war. - Ja, diese Hitze bekümmert mich um Deinetwillen, denn sie vermehrt unnötig die Anstrengung, die doch ohnehin groß genug wäre. - Auch die Kirchenmusik gestern abend erzeugte unerwünschte Müdigkeit; mir schien es mehr Können als Kunst was geboten wurde. Rösel Hecht war mit dort. Sie hat Sorgen ohne Ende u. ich hoffe nur, sie ringt sich für ihre Kinder wieder zu größerer Freiheit durch. Sie kann einem so leid tun!
Am 15. wollte Hermann Dich besuchen, ich vermute aber, daß er Dich nicht traf, denn der Mittwoch ist doch der Tag der Studiengemeinschaft. Auch dort wird gewiß die drückende Hitze die Arbeit erschweren? - Was hältst Du von dem bayrischen Konkordat? Hier hat Anschütz vom Standpunkt des Kirchenrechts u. der Reichshoheit aus darüber geredet. Für Baden hofft man durch das Lehrerbildungsgesetz, das im Landtag zur Beratung steht, die Frage in staalichem Sinne zu entscheiden. (natürlich mit akademischer Ausbildung!) -
Im pathologischen Institut habe ich diese Woche 4 Tage fleißig gearbeitet u. es ist doch allerlei mehr zu tun. ich bin sehr froh, daß diese Ausfüllung der Arbeitslücke sich einfand. Außerdem ist es auch immer eine sehr nette Art des Verkehrs mit den Herren dort. Ich wollte, ich könnte dort dauernd Beschäftigung finden.
- Lili Scheibe meldet sich mit ihrer Mutter für den 30. Juli auf der Durchreise an. Und von Susanne hatte ich eine nette Karte, sehr erfüllt von den Schönheiten Partenkirchens. Ich wollte, sie reiste auch über hier zurück, denn ich würde sie gern mal wiedersehen.
<li. Rand> Und Deine Pläne? Ich habe noch nichts erkundet, was sich lohnte, denn das Gute ist ja altbekannt. <Kopf> Neues könntest Du nur selbst entdecken, da es so vom persönlichen Geschmack abhängt.
<Fuß S. 1> Jetzt will ich versuchen, ob ich bei der Schwüle doch schlafen kann. Es sind immer noch 20° R. - Aber vorher muß ich Dir noch danken für den Vortrag von Werner Spranger, der trotzdem so ganz ein Kind <Kopf S. 1> Deines Geistes ist. Wie anders bedeutungsvoll ist doch jede Äußerung von Dir im Gegensatz zu dem was man so gewöhnlich als "Vortrag" geboten bekommt.
<li. Rand S. 1>
Ich grüße Dich in immer gleicher Liebe.
Deine Käthe.

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Montag früh.
Was kannst Du wohl haben? Es legt sich zu allem übrigen auf mich wie eine lähmende Angst. Eben kam Deine Sendung vom 17. Juli - ebenso lakonisch wie der schwarze Stoff. Ich bitte Dich - was ist davon der Grund? Wenn Du in mir eine Ursache der Verstimmung fandest, so sage es. Es kann nur ein Mißverständnis, eine falsche Ausdrucksweise sein, ein Mangel an Kontakt. Ich bitte Dich - schreibe mir. Schreibe rückhaltlos, was Du gegen mich hast, denn Du mußt etwas ganz Schweres, mir Unbegreifliches haben. Warum soll auch zwischen uns die Verworrenheit sein, die sonst von allen Seiten droht? All das Zeug kam ohne ein Wort, da dachte ich, Du habest keine Zeit gehabt - jetzt kann ich das nicht mehr denken. Es liegt etwas ganz Unheimliches für mich in diesem Schweigen. Und es ist mir schwer, daß ich diese letztere
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| Sendung nicht einfach auf Dein Sparkassenkonto tragen kann, denn ich brauche sie bitter notwendig im Augenblick. Zu nehmen aber ohne das Gefühl des gewohnten Einsseins - das ist fast unmöglich.
Was ist in mir, in meinen Vorstellungen so empörend? Daß ich glaube, ein Schwachwerden oder ein Kompromiß in Deinem Kampfe sein unvereinbar mit Deinem tiefsten Menschentum, u. - doch bliebe dieser Kampf eine Sysiphusaufgabe, wenn nicht beide Teile in gleichem Sinne ihn führen? Warum aber sollte nicht eine wahre Liebe dies für Dich möglich machen u. ebenso gut im Sinne der weiblichen Natur liegen? Ja, daß dies ihren Sinn für Dich nur erhöhen müßte! Und darum glaube ich, wenn Dein Wille fest ist aus tiefster innerer Notwendigkeit, dann muß er sich doch endlich auch auf den andern Willen übertragen.