Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juli 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Juli 1925.
Mein liebstes Herz.
Ich danke Dir für Deine Karte, die mich von der Sorge vor etwas Unbekanntem befreite - das Bekannte lag ja ohnehin schwer auf mir. Denn das Gefühl einer solchen Unfähigkeit lag [über der Zeile] war geradezu vernichtend für mich. Denn es ist ja nicht so, daß ich die Sache leichtsinnig abgemacht hätte - sondern ich wollte sie gern um jeden Preis mit aller Energie zwingen. Es traf wie immer alles zusammen: das Haushalten für den Onkel ohne Hülfe, der eilige Abschluß des Buches von Gans u. dazu die fast täglichen Korrekturbogen, manchmal 3 auf einmal. Daß überall so viel Fehler stehen blieben, ist mir vernichtend. Aber daß ich an einzelnen Stellen in Sorge war, schrieb ich damals gleich, weil ich wußte, daß ich nur mit Gewalt das Flimmern vor den Augen überwunden hatte. Ich wollte nicht versagen u. nun habe ich es nur noch schlimmer gemacht u. statt zu helfen, wie es mein sehnlicher Wunsch war, Dir diesen nur zu berechtigten Ärger verursacht. Der Bogen mit den Ausrufungszeichen machte mich ganz krank vor Schrecken u. Du brauchtest wirklich garnichts weiter zu sagen, was ich mir nicht selbst mit Schmerzen gesagt hätte. - Gleich nach Onkels Abreise hörten die Zeichnungen auf u. ebenso die Korrekturen u. ich hatte eine Augenentzündung. -
Jetzt bin ich sehr froh wieder arbeiten zu können: vormittags 2-3 Stunden im Pathologischen, nachmittags 2-3 Stunden in der Augenklinik. Und es ist mir wie bittre Ironie, wenn die Herren begeistert sind von meiner Arbeit, während ich doch so viel lieber Andres gut gemacht hätte.
Sonst ist von mir nichts zu sagen. Der Fieberparoxysmus unsrer Erde scheint sich in - Feuchtigkeit auflösen zu wollen. So ist wenigstens eine Abkühlung eingetreten. Mein Arbeitsraum in den Kliniken war immer erträglich. Dagegen kühlte meine Wohnung auch nachts nicht mehr aus. Bei Dir war es schwerlich besser!
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Jetzt steht mir also von Mittwoch nachmittag bis Freitag oder Sonnabend der Besuch von Lili Scheibe nebst Mutter in Aussicht. Da der Pathologe am Dienstag verreist, so bin ich in der Richtung freier. - - Gleichzeitig hat der Vorstand Besuch von der Schwägerin, die Du kennst, damit das Haus voll werde.
Die Politik beschäftigt mich ständig. Mir scheint als wenn der Druck, unter dem Frankreich nachgiebiger erschien, schon behoben wäre. Ist es denn nicht auch nur ein Schein von Besserung, wenn man die Truppen von der Ruhr nach dem Rhein verlegt? Es ist so unfruchtbar mit andern über das alles zu reden u. Dich kann ich doch nicht fragen. Manchmal kommt es mir, als wollte langsam, langsam das Wirklichkeit werden, was Du s. Z. in Leipzig von der Notwendigkeit einer überstaatlichen Verständigung prophezeitest. Ich weiß, wie ich damals dachte, wie soll sich das durchsetzen ohne eine dahinter stehende Macht? Jetzt ist vielleicht die allgemeine Not die Macht, die dahin treibt.
Und nun - vergieb u. vergiß! Und sei wie immer aus treuem Herzen gegrüßt von
Deiner Käthe.