Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. September 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Sept. 1925.
Mein Lieb, bist Du gut gereist? Ich hoffe es bald zu hören. Wie schwer mir wieder der Abschied geworden ist, das weißt Du wohl. Es ist immer, als sollte es mich erwürgen; u. dazu kam nun diesmal noch der Schreck über die nicht abgelieferten Briefe. Hier sind sie nun - u. mit ihnen mein ganzes Herz. Du kennst es ja bis auf den Grund, mein Einziger, u. es ist wohl natürlich, daß es Dir vielleicht nichts mehr zu sagen hat. Die schlechten Verse, die ich dem Abschiedsgruß beilegte, sind nicht von heute u. gestern - sie sind das Motto, das von Anfang, von meinem Anfang in Dir, über meinem Leben stand. Es ist meine Seligkeit, wenn ich Dir etwas sein kann, es ist Verzweiflung, wenn ich fühle, daß es Dir wertlos ist. Aber vielleicht sagen die unbeholfenen Worte Dir, daß ich Deinem Kampf u. Leiden nicht verständnislos gegenüber stehe, daß ich mit sicherem Ahnen auch eine Tiefe erfassen kann, die meiner Erfahrung in dieser Form verschlossen ist. Laß uns einander weiter helfen, u. ist nicht dann die grenzenlose Einsamkeit überwunden im ungewollten Gleichklang unsrer Seelen? Ist doch mein ganzes Sein nur wie ein Teil von Dir. Das Geistige flutet durch uns mit geheimen Kräften, wo ist da eine Grenze u. eine Trennung? Wissen wir nicht, daß wir den gleichen Willen u. das gleiche Ziel haben? -
Nachdem Du fort warst, riet man mir im Hotel am Hafenbahnhof einzusteigen, der Hausdiener würde mir den Koffer in den Zug geben. Auf ½ 12 bestellte ich ein Schnitzel, u. dann wanderte ich noch etwas umher. Unmittelbar um die Kirche herum ist der einzige charaktervolle u. malerische Teil der Stadt. Alles ging dann pünktlich vonstatten, ich hatte
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| einen tadellosen Eckplatz, einen ernsthaften nicht unsympathischen Geistlichen gegenüber, fröhliche Kinder aus Wangen dazu, die auch bis hier mitfuhren. Dort waren am Morgen nur 2° Wärme gewesen u. ich dachte mit Sorge Deiner wenigen Warmhaltungssachen. Kaufe Dir doch dort, was etwa fehlt, damit Du Dich nicht von neuem erkältest. - Hier ist es trübe u. naß, schon in Stuttgart fing der bewölkte Himmel wieder an, u. wir haben wohl durchweg ein recht gutes Wetterglück entwickelt. Heute ist es in meinem Zimmer nur 10°, man könnte heizen.
Am Bahnhof empfing mich Bertha, Aenne war bei Mathys. Zu Hause lag eine Post, die mich lebhaft an die Deine erinnerte. Als erstes fiel mir die Todesnachricht von Lili Scheibes Mutter [über der Zeile] in die Hand, - dann aus der Schweiz ein Brief von Frau v. Donop, die eine sehr lobende Besprechung Deiner Jgd. Ps. erwähnt, Nachricht von Walter über Ida, die Briefe aus Lankwitz u. von Lieschen Schwidtal, die ich Dir mitschicke. Auch Walter schreibt, Onkel wäre ganz gebrochen. Schon den Tod der ersten Frau trug er doppelt schwer, weil er mehr ein Verschulden, als eine Notwendigkeit war. Sie starb im Kindbettfieber, weil sie während er verreist war, von einer Hebamme infiziert wurde. - Und so waren es noch eine Reihe persönlicher u. geschäftlicher Sachen, daß ich nach der Zeit weltverlorner Stille bei Dir ganz überwältigt war. - Jetzt werde ich gleich in die Klinik gehen u. mich über die Absichten von Prof. Gans informieren. -
Die bewußten Briefe sollen fort, drum für heute genug. Laß die schöne Zeit unsres Beisammenseins in Dir weiterleben u. laß die Höhen, die so verheißungsvoll über den Schleiern des Sees uns beim Abschied grüßten, ein Symbol sein für eine gute Zukunft.
Immer nur
Deine Käthe.