Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. September 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Okt Sept. 1925.
Mein Lieb,
wie dankbar bin ich für Deinen Brief, der schon heute früh in meinen Händen war. Ich wollte nur, daß endlich die große Müdigkeit vorübergehen möchte u. Du Dich einmal wieder frischer fühlen. Auch hier war ein starker Wind, der die schöne Empfangspforte am Bahnhof für den "Gewerkschaftsbund deutscher Reichsbahnangestellter" schmählich über den Haufen geworfen hat!! Aber wenigstens hat er den Himmel klar gefegt u. ich hoffe das soll er auch in Partenkirchen getan haben. Ist doch der Neuschnee angeblich immer ein guter Vorbote.
Mit Spannung erwarte ich, wie sich der ehemalige Geh. Min.-Rat aus der Verlegenheit ziehen wird. Vermutlich war es den Leuten für ihren Katalog von vornherein weniger um einen bedeutenden Beitrag als um einen Namen von Klang zu tun u. Deine Weigerung hat ihre Berechnung übel gestört.
Heute nun habe ich erst Gelegenheit gehabt, Prof. Gans zu sprechen. Er geht für 14 Tage auf Reisen, sodaß ich nun doch mal mit gutem Gewissen den armen Onkel mal aufsuchen kann. Der Vorstand reist erst am 21. nach Würzburg, also würde sich ja alles ganz gut in einander fügen. Gans schlug mir vor, inzwischen für einen der Assistenten etwas zu zeichnen, aber das habe durchaus keine Eile. Nun sage Du mir – am liebsten bäte ich um ein Telegramm, falls dies nicht zu beschwerlich? – ob ich recht daran tue. Der Brief von Lieschen Schwidtal, den ich Dir mitschickte, läßt mir vollends keine Ruhe. Ich könnte dann übermorgen (Sonnabend) früh fahren u. eine Woche dort bleiben. –
Noch etwas Betrübendes habe ich Dir zu erzählen, wie überhaupt lauter böse Nachrichten mich hier erwarteten. Paula S. u. die kleine Spröhnle waren nicht in München, wo ich sie in Gedanken suchte, sondern die arme Paula mußte sich ganz
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| rasch einer Operation unterziehen wegen einer plötzlichen u. schmerzhaften Geschwulst, die sich aber zum Glück als nicht bösartig erwiesen hat. Auf alle Fälle aber ist es nun eine recht schwere Zeit statt einer Erholung für die beiden gewesen. – Zu den gehäuften Todesfällen hat sich auch noch die große Lebeau gesellt u. hat den unbeholfenen Bruder allein zurück gelassen. Vermutlich wird es nun auch eine Veränderung im Hause geben.
Rösel Hecht, die ich besuchte, ist wieder mehr aufgelebt u. macht einen besseren Eindruck. Sie bemüht sich auch sparsamer zu werden u. hat ein Mädchen abgeschafft. –
Was sagst Du zu den Briefen der Jungen? Günther ist noch ein ganzes Kind. Aber Carl Mellin steht schon an der Grenze u. ich lese viel zwischen den Zeilen. Der Garten freut ihn nicht mehr – denn er ist bereits verkauft. Davon u. vom Vater schreibt er nicht, das kann er nicht sagen. Und die drollige Wendung: "im Gegenteil, es war sehr schön", die freut mich richtig. Ich hatte nämlich schon hier den Eindruck, als ob die Heidelberger Luft ein Etwas enthielte, was er zu Haus nicht findet. Du siehst es ja an den schlichten Worten der Mutter. Ich bedaure es darum doppelt, daß Du die Jungen hier nicht sahst, wieviel "schöner" wäre es dann noch für sie gewesen!
Sei mir gegrüßt, mein Einziger. Bitte, mute Dir doch jetzt keine Anstrengungen mehr zu, keine Wege, die immer ½ Stunde zu lang oder zu steil sind. Laß etwas Ruhe Deine Kräfte ausgleichen u. den Frohsinn von Felizitas Deine Stimmung aufheitern. Und im stillen laß mich bei Dir sein u. Deine Gedanken teilen. Ach, Du weißt doch nicht, was es heißt, daß ich jetzt wieder frei u. rückhaltlos sagen darf, wie es in mir ist. Ich danke Dir u. ich liebe Dich.
Deine
Käthe.