Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. September 1925 (Cassel)


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Cassel. 14. Sept. 1925.
Mein liebes Herz,
nun bin ich also schon den 2. Tag hier u. es ist gut, daß ich gereist bin. Aber lieb war es mir, Deine Zustimmung dazu zu haben, denn ich bin manchmal etwas in Sorge, ich könnte zu sehr im Impuls des Augenblicks handeln. Die Reise - wieder sehr vornehm, Schnellzug 3. Kl - verlief rasch u. glatt. Hier quartierte ich mich bei Schwidtals ein u. suchte dann gleich den Onkel auf. Das erste Wiedersehen war naturgemäß erschütternd, aber jetzt scheint er ruhiger. Morgen soll ich mal nach Hofgeismar fahren - dann will er mit mir das Inventar durchsehen u. ordnen. Am Sonnabend, spätestens Sonntag fahre ich zurück, denn am 21. wird Aenne reisen. - Meine Adresse hier ist Schw. Humboldtstr. 29. - ich habe so großes Verlangen, zu hören wie es Dir geht. Ist der Neuschnee von guter Vorbedeutung gewesen, ist es nicht garzu kalt, hast Du ein gut geheiztes Zimmer? Was macht der Magen u. wie steht es mit den Zähnen? Wie fandest Du Frau Witting u Felizitas? War die Saison gut? -
Der Geh. Rat Schüler ist also doch in Bezug auf geistiges Eigentum "harmloser" als ich für möglich gehalten hätte. Sehr gespannt bin ich, wie die Sache ausgehen wird, da es doch vermutlich für den Katalog reichlich spät ist. - In der Bahn las ich die weiteren Berichte von Maas über die Stockholmer Tagung, reichlich lyrisch, aber doch von echter Überzeugung durchdrungen. Willst Du die Fortsetzung haben? Ich glaube, Du hast wohl auch den Anfang nicht angesehen!
Prof. Zerrgiebel war gestern beim Onkel, ganz erfüllt von Conflikten, die man ihm von Deutsch-nationaler Seite in sachen der "Freien Volksbühne" macht! - Und Onkel erzählte mir von den Widerwärtigkeiten, in denen Ila in München steckt. Sie habe im Auftrag u. mit verheißenem Honorar eine Volkshochschule organisiert u. nun die Sache läuft, drängt man sie hinaus. Ihre Kurse sucht man [über der Zeile] dadurch zu diskreditieren (ich glaube es ist Vorbereitung für das Abitur) daß man aussprengt, die Schüler würden nicht zum Examen zugelassen oder zum mindesten sehr chikaniert - kurz sie hat lauter Prozesse angefangen. Ein Richter, der ihre Sache zu verhandeln hat, wollte sie zu einem Vergleich nötigen, andernfalls verschöbe er den Termin bis in den Oktober etc. Er soll auch öffentlich gesagt haben, sie sei ja recht klug, aber "eine hysterische Lügnerin". Niedliche Dinge, nicht wahr? Onkel
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| <die nächsten 3 Sätze sind auf Scan unleserlich> wäre ja nun sehr froh, wenn es jemand mit objektivem Urteil gäbe, der ihr sagen könnte, was an ihren Ansprüchen berechtigt ist u. welche Aussicht sie damit hat. Sie soll auch schon mit Kerschensteiner geredet haben, u. er hätte ihr recht gegeben, aber ob das nicht nur war, um sie los zu werden? Wenn Du ihn in München sehen solltest, könntest Du da nicht mal daraufhin bei ihm anfragen? Es ist ja nicht um das närrische I sondern um des armen Onkels willen!
Bei Schwidtals ist es hübsch u. friedlich. Sie haben alles Vermietbare vermietet u. machen einen ganz behaglichen Eindruck, Lieschen allerdings ist noch sehr angegriffen u. wenig leistungsfähig. Aber der Husten ist nur noch selten u. so wird es doch wohl besser werden.
Von mir kann ich Dir weiter nichts erzählen. Es ist keine Ruhe zum Schreiben u. ich muß auch erst meine Eindrücke klären. Rudi ist ganz Korpsstudent u. ziemlich äußerlich, wie es scheint wenig tief getroffen von dem Verlust der Mutter. Er ist ziemlich mitteilsam u. vergnüglich.
Heute scheint bei kühler Luft eine strahlende Sonne. Möchte sie doch auch auf Deinem Balkon recht warm u. leuchtend sein. Erhole Dich noch recht u. laß mich wissen, wie lange Dich meine Gedanken noch dort zu suchen haben. Grüße Wittings - u. gucke ordentlich in alle Ecken abends, ehe Du einschläfst.
Mit innigem Gruß
Deine
Käthe.